Abgründe

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Reykjavik: Vaka Helgafell, 2009, Titel: 'Svörtuloft', Seiten: 326, Originalsprache
  • Köln: Lübbe Audio, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Walter Kreye

Couch-Wertung:

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Jörg Kijanski
Nur für Indridason-Fans empfehlenswert.

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2011

Auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt ist Island als Ehrengast vertreten. Was liegt für die Krimi-Couch da näher als sich mit dem neuen Roman Abgründe des isländischen Top-Autors Arnaldur Indridason zu beschäftigen. Um es vorweg zu nehmen, der neue "Island Krimi" ist nur etwas für eingefleischte Fans des Autors, der seinen bisherigen Protagonisten Kommissar Erlendur zunächst einmal in Urlaub geschickt hat, so dass dieser gar nicht erst in Erscheinung tritt.

Folglich muss sich Sigurdir Oli mit einem Fall beschäftigen, in dem er persönlich involviert ist. Sein bester Freund Patrekur bittet ihn um Hilfe, da dessen Freund Hermann mit seiner Frau offenbar bei einer Swingerparty fotografiert wurde und nunmehr erpresst wird. Verantwortlich dafür sind angeblich Lina und Ebeneser, ein hochverschuldetes Paar. Doch als Sigurdir Oli diese zur Rede stellen will, findet er Lina schwer verletzt in ihrer Wohnung vor. Zu spät bemerkt er, dass sich der Täter, offenbar ein Schuldeneintreiber, noch am Tatort aufhält. Dem Täter gelingt die Flucht und Lina wird in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sie kurz darauf ihren Verletzungen erliegt. Da Sigurdir Oli eigentlich gar nicht an den Ermittlungen teilnehmen dürfte, kommt es zu Spannungen mit seinem Kollegen Finnur.

Dennoch ermittelt Sigurdir Oli weiter und findet heraus, dass relativ exakt vor einem Jahr bei einem Ausflug ein Banker von einer Klippe in den Tod stürzte. Veranstalter der Tour waren Lina und Ebeneser, der jedoch jegliche Zusammenarbeit mit der Polizei ablehnt. Sigurdir Oli ermittelt weitgehend auf eigene Faust und gerät bald in höchste Bankenkreise, die in abenteuerlichsten Geschäften immer mehr Gewinne scheffeln…

Abgründe ist ein typischer skandinavischer Krimi, bei dem es auch, aber eben nicht nur, um den Krimiplot geht. Genau hier liegt die Stärke (oder Schwäche) des Romans. Natürlich kann Arnaldur Indridason großartig erzählen, aber im vorliegenden Fall übertreibt er es zu sehr mit seinen ausführlichen Handlungssträngen abseits des eigentlichen Falles. Dass sich Kommissar Erlendur im Urlaub befindet ist geschenkt, so kann sein Mitarbeiter Sigurdir Oli einmal intensiver betrachtet werden. Dass aber dieser Erzählstrang, also das Privatleben Olis, gefühlt locker ein Drittel des Romans ausmacht, ist dann doch "ein wenig" übertrieben. Will man wirklich in exzessivem Ausmaß erfahren, dass Oli gerne amerikanische Sportarten im Fernsehen anschaut, keinen Bock auf Bücher hat, sein Verhältnis mit seiner Frau Bergpora am Ende ist und er sich intensiver als bisher mit seinen Eltern beschäftigt, deren Beziehung auch schon seit längerer Zeit dahin ist? Würde er sich wenigstens bei seinen Ermittlungen nicht wie der berühmte Elefant im Porzellanladen aufführen, es wäre vielleicht ja noch erträglich.

Ebenfalls ein Drittel des Plots nimmt - gefühlt - eine Side-Story ein, die mit dem eigentlichen Fall nahezu nichts zu tun hat und somit (streng genommen) weitestgehend überflüssig ist. Ein Penner wurde als Kind von seinem Stiefvater misshandelt und sinnt nun auf Rache. Ja, auch so lassen sich die Seiten füllen, wobei nochmals erwähnt sei, dass Indridason das keineswegs uninteressant schreibt.

Was bleibt vom eigentlichen Krimi-Plot? Leider sehr wenig, denn wer Lina erschlagen hat ist relativ schnell geklärt und so dreht sich letztlich der Fall nur noch um die Frage nach dem vermeintlichen Motiv. Hier nutzt Indridason die Gelegenheit, die herrschende Finanzkrise in Island einfließen zu lassen und am Verhalten der Banker ordentlich Kritik zu üben. Dies mag der aktuellen Lage an den Finanzmärkten gerecht werden und verkauft sich sicher gut, macht aus einem mittelmäßigen Krimi mit ordentlichen Längen, aber auch kein Meisterwerk, da der Plot erst im letzten Drittel richtig Fahrt aufnimmt. Es sei denn, man interessiert sich für das Privatleben des Protagonisten.

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