Menschensöhne

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 1997, Titel: 'Synir duftsins', Seiten: 294, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2005, Seiten: 4, Übersetzt: Glaubrecht, Frank
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006, Seiten: 347, Bemerkung: Vollständige Taschenbuchausgabe

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Peter Kümmel
Gemächliches Tempo passend zur gedrückten Stimmung

Buch-Rezension von Peter Kümmel Dez 2004

Der isländische Autor Arnaldur Indriðason scheint eine Vorliebe zu haben für Verbrechen, deren Ursprünge weit in der Vergangenheit liegen. Um so schwieriger gestalten sich natürlich demzufolge die Ermittlungen, wenn kaum noch Zeitzeugen für relevante Ereignisse existieren oder diese bereits so alt sind, dass ihr Gedächtnis stark nachgelassen hat.

Den Ausgangspunkt bildet jedoch ein Mord in der Gegenwart. Der pensionierte Volksschullehrer Halldór wurde an einen Stuhl gefesselt, mit Benzin übergossen und samt seinem Wohnhaus über ihm verbrannt. Einzige Verwandte des Toten ist eine Halbschwester, die im Altersheim lebt, kaum noch Kontakt zu ihm hatte und nur mit kargen Aussagen über seine Vergangenheit und insbesondere über seine traurige Kindheit herausrückt. So konzentrieren sich die Ermittlungen zunächst auf die Schulen, an denen Halldór unterrichtete. Die zunehmende Gewaltbereitschaft der Schüler scheint dem alten Lehrer zu schaffen gemacht zu haben. Als der Verdacht aufkommt, dass Halldór sich an Schülern vergangen hat, vermuten die Ermittler dahinter das Mordmotiv.

Neue Erkenntnisse ergeben sich erst, als sich der Buchhändler Pálmi mit der Polizei in verbindung setzt. Dessen Bruder Daníel starb zum gleichen Zeitpunkt wie Halldór durch Selbstmord. Daniel war seit vielen Jahren schizophren und lebte in einer psychiatrischen Anstalt. Pálmi war nach dem Tod der Mutter seine einzige Bezugsperson und auch dessen Besuche waren nur spärlich. Um so überraschter ist Pálmi, als er erfährt, dass Daníel in der letzten Zeit öfter Besuch erhielt von seinem früheren Lehrer, dem ermordeten Halldór. Pálmi versucht, den Grund für dessen Besuche herauszufinden, die Pfleger haben aber nur etwas über Lebertrankapseln heraushören können.

Stutzig wird Pálmi dann, als auf Daníels Beerdigung ein früherer Mitschüler von Daníel auftaucht, der etwas davon erzählt, dass in den Lebertrankapseln gar kein Lebertran war. Mit diesen spärlichen Informationen wendet sich Pálmi an die Polizei, die nun hofft, über weitere Klassenkameraden an neue Erkenntnisse zu gelangen. Doch diese sind fast alle bereits in jungen Jahren oft durch merkwürdige Umstände ums Leben gekommen.

In beeindruckend ruhiger Art und Weise, so wie man sich das Leben in Island vorstellt, beschreibt Indriðason das grausame Verbrechen und die Ermittlungen. Der Leser ist dabei von Anfang an klar im Vorteil, denn er erlebt nicht nur parallel die beiden Geschehnisse, die für die handelnden Personen erst viel später einen Verknüfungspunkt erfahren, sondern wird in kurzen Kapiteln auch in ein abgeschottetes Haus geführt, in dem die Drahtzieher für das Verbrechen irgendwelchen mysteriösen Geschäften nachgehen.

Nachdem bereits die Fälle Nummer drei, vier und fünf mit großem Erfolg in Deutschland veröffentlicht wurden, liegt nun mit Menschensöhne endlich auch der Debütroman der Serie um Kommissar Erlendur Sveinsson in deutscher Übersetzung vor. Was dabei überrascht, ist, wie gespannt das bislang eigentlich als recht unkompliziert angesehene Verhältnis zwischen Erlendur und seinem engsten Mitarbeiter Sigurður Óli am Anfang war.

Thematisch finden wir auch in diesem ersten Fall wieder die bekannte Einsamkeit vor und befinden uns auch wieder vor allem in den unteren gesellschaftlichen Schichten. Geprägt wird das Buch von Jugendlichen, deren soziales Umfeld und das frühere Schulsystem ihnen apriori jegliche Chancen verwehrt, das so sehr gewünschte "normale Leben" leben zu können. So herrscht über den gesamten Handlungszeitraum hinweg eine sehr gedrückte, oft melancholische Stimmung, aus der das kleine Happy-End wie ein Lichtblick herausragt.

Die Stimmungen seiner Charaktere hat der Autor wieder hervorragend erfasst. Beeindruckend dabei vor allem die Beschreibung der Sehnsüchte eines Schizophrenen, der fast sein ganzes Leben in einer geschlossenen Anstalt und oft unter Medikamenteneinfluß verbringen muß. Gut vermittelt wird aber ebenso die Ablehnung seiner Kontaktpersonen ihm gegenüber, die meist auf deren Hilflosigkeit beruht.

Was man bei Indriðason jedoch vergeblich sucht, ist eine Lösung des Falles mittels Indizien und Kombinationsgabe. Nein, das Geschehen löst sich nach und nach von selber auf durch die Aussagen von Beteiligten. Trotz all seiner Gemächlichkeit leidet der Roman keineswegs unter fehlendem Tempo und wird zu keinem Zeitpunkt langweilig.

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