Tage der Schuld

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2014, Titel: 'Kamp Knox', Seiten: 323, Originalsprache
  • Köln: Lübbe, 2016, Seiten: 446, Übersetzt: Coletta Bürling
  • Köln: Lübbe Audio, 2017, Seiten: 4, Übersetzt: Walter Kreye

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Michael Drewniok
Moralisch entschlackte Politik und profane Tragödien

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2020

Erlendur Sveinsson ist noch neu in seinem Job als Kriminalpolizist der isländischen Hauptstadt Reykjavík, als er 1978 mit seinem Kollegen Marian Briem einen Mordfall übernimmt: Aus einem stadtnahen See wurde die Leiche des Flugzeugmechanikers Kristvin gezogen - grotesk zerschmettert, nachdem sie aus großer Höhe auf eine harte Oberfläche prallte.

Die Ermittlungen ergeben, dass Kristvin oft in der Militärbasis zu tun hatte, die von der US-Regierung auf Island angelegt wurde: In dieser Ära des Kalten Kriegs behält man die sowjetischen Aktivitäten auch auf dem „Dach der Welt“ scharf im Auge. Doch die amerikanischen Verbündeten schotten sich ab. Sie beanspruchen Sonderrechte und können von der isländischen Polizei nicht verhört werden. Nicht nur für den aktuellen Fall ist dies problematisch. Schon länger verfolgt die Polizei einen Aufschwung des lokalen Drogen- und Alkoholschmuggels, der offenbar über die Basis organisiert wird. Ist Kristvin Opfer eines Streits unter Ganoven?

Erlendur verfolgt noch einen zweiten Fall - einen „cold case“, der ins Jahr 1953 datiert. Damals verschwand die junge Dagbjört. Nie wurde trotz intensiver Suche eine Spur von ihr gefunden. Dies geschah im Umfeld des berüchtigten „Fort Knox“, einer Ansammlung von Barracken und Hangars, die man während des Zweiten Weltkriegs militärisch genutzt hatte. Nach 1945 zogen einkommensschwache Isländer dort ein. Kamp Knox verkam zum Getto und war für seine hohe Kriminalitätsrate berüchtigt, bis es endlich dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Der ungelöste Fall will Erlendur nicht aus dem Kopf gehen. Er nimmt die Untersuchung wieder auf, sichtet längst kalte Spuren, spricht mit den wenigen verbliebenen Angehörigen und Zeugen, bleibt aber auch im Mordfall Kristvin am Ball. Nach und nach zeichnen sich hier wie dort Ergebnisse ab, deren Brisanz Erlendur jedoch zum eigenen Nachteil falsch gewichtet …

Ein guter Freund an deiner Kehle

Der 14. Roman um den isländischen Polizisten Erlendur Sveinsson und die Fälle der Mordkommission Reykjavík spielt zwar einmal mehr in der Vergangenheit, bleibt dabei aber sogar zweifach bei der bewährten Plot-Mechanik. Das aktuelle Verbrechen wird im Jahre 1978 begangen, während ein weiterer Ereignisstrang in das Jahr 1953 zurückgreift.

Indridasons Island-Romane kreisen seit jeher um die Geschichte einer Insel, die nur scheinbar weit abseits der geschäftigen Restwelt liegt. Schon 1978 war Island keineswegs isoliert, sondern sogar ein Brennpunkt der globalen Politik. „Ostblock“ und „freier Westen“ belauerten einander in einem kalten Krieg. Beide Seiten waren bis an die Zähne atombewaffnet, jeder Einschätzungsfehler des gegnerischen Verhaltens konnte den dritten und letzten Weltkrieg auslösen.

Island lag geografisch günstig zwischen den Fronten. Hier konnten Spionage- und Bombenflugzeuge zwischenlanden und auftanken, bevor es weiter gen bzw. über Feindesland ging. Der Westen hatte den Fuß in der Tür, weshalb die USA hier einen Militärstützpunkt unterhielten, auf dem man für alle Eventualitäten gerüstet war.

Indridason erinnert an die bereits damals geäußerte Kritik vieler Isländer, die nicht gewillt waren, die Anwesenheit von Bundesgenossen zu dulden, die sich wie eine Besatzungsmacht aufführten - und keineswegs dazugelernt hatten: Schon während und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte US-Präsenz für soziale Unruhen gesorgt und die Kriminalitätsrate ansteigen lassen.

Ermittlungen mit Hindernissen

Wie fahndet man nach einem Mörder, wenn man die Verdächtigen nicht vernehmen darf? Die Kommunikationsbereitschaft zwischen den US-Soldaten und ihren isländischen Gastgebern ist oberflächlich; letztere werden eher als Arbeitsgehilfen und Schmarotzer gesehen, die sich an den Waren bereichern, die das Militär zollfrei aus den USA nach Island schafft. Hinzu kommt eine an Verfolgungswahn grenzende Angst vor Spionen sowie die Sorge, Frieden fordernde, schwächliche Realitätsleugner könnten Anstoß daran nehmen, dass sich die USA einen Teufel um geschlossene Verträge scheren und Island als Atomwaffenlager missbrauchen. So ist kein Wunder, dass Erlendur und Marian immer wieder gegen Mauern stoßen.

Das ist allerdings ein Hindernis, das engagierte Kriminalisten erst recht aktiv werden lässt. Vorsichtig und findig loten die beiden Polizisten ihre Möglichkeiten aus. Dass sie dabei ins Visier des US-Geheimdienstes zu geraten drohen, der seit jeher auf Menschenrechte keine Rücksicht nehmen muss, steigert die Spannung einer ansonsten vor allem sackgassenreichen Ermittlung.

Einem anderen Gegner stellt sich Erlendur, als er sich daran macht, den Fall der spurlos verschwundenen Dagbjört aufzurollen. Dies geschah 1953 und liegt so weit zurück, dass nicht nur die kargen Spuren eiskalt, sondern auch die wenigen Zeugen beinahe ausgestorben sind. Tief in der Prä-Internet-Ära steht Erlendur vor Indizienlücken auf, die er füllen muss, indem er Kopf und Füße benutzt, die Beweislage sichtet und viele Fragen stellt, von denen die meisten ins Leere laufen.

Noch ein junger, aber schon ein hartnäckiger Mann

Davon lässt sich Erlendur nicht abschrecken. Indridason entwirft mit seinen Romanen  auch eine Biografie Erlendurs, dessen Ecken und Kanten einerseits gewahrt bleiben, während sie andererseits nach und nach erklärt werden. Erlendurs Fahndungseifer ist mit einer Obsession verknüpft, die im tragischen Tod des Bruders wurzelt, dessen Aufklärung 1978 noch in der Zukunft liegt.

Die Suche nach Dagbjört ist deshalb nicht allein und vielleicht nicht einmal in erster Linie der Suche nach Gerechtigkeit geschuldet. Sie wird zum Ventil, das Erlendur erlaubt seelischen Druck abzulassen. Da wir hier einen skandinavischen Kriminalroman lesen, folgt die Strafe auf dem Fuße: Was Erlendur noch lernen muss, ist die Gefahr, die darin liegt, einen nicht ausreichend im Auge behaltenen Tatverdächtigen unter allzu heftigen Druck zu setzen.

„Tage der Schuld“ ist typisch für die spröde, aber interessante Erlendur-Serie. Wie immer spielt auch Island eine große Rolle als Ort, der nur bedingt als Heimat taugt, weil die Umgebung auch im 20. Jahrhundert lebensfeindlich geblieben ist. Gewöhnt an polare Klimaverhältnisse, winterliche Düsternis und kargen, vulkandurchsetzten Boden, muss die Bevölkerung lernen, dass nicht nur die Segnungen, sondern auch die Flüche der Moderne auf ihre Insel kommen. 1978 wirkt das lokale Verbrechen noch provinziell, aber es beginnt sich bereits zu organisieren und seine Fühler dorthin auszustrecken, wo ebenso kriminelle wie potente Kartelle gern neue ‚Geschäftsmöglichkeiten‘ prüfen.

Fazit:

Band 14 der Erlendur-Serie beschreibt abermals nüchtern, aber intensiv dort, wo es die Handlung benötigt, zwei komplizierte Kriminalfälle. Der eine besitzt politische Dimensionen, der andere ist eine zwischenmenschliche Tragödie. Geduldig folgen die Leser dem Verfasser auf unspektakulären Fahndungswegen, was durch stimmungsvolle Beschreibungen einer dazu im Widerspruch stehenden, wilden Landschaft belohnt wird.

Tage der Schuld

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Letzte Kommentare:
04.05.2018 18:08:01
pele

Ich habe diese(n) Krimi(s) recht gerne gelesen. Eigentlich zwei Romane in einem Buch.
Wartete bis am Ende, ob es zwischen den zwei Geschehen einen Zusammenhang gibt.
Wie oft in solchen Fällen, versprechen die ersten paar hundert Seiten mehr, als die letzten dreissig dann zu halten vermögen. Deshalb weniger Punkte, als bei früheren Island-Krimis.