Engelsstimme

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2002, Titel: 'Röddin', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2004, Seiten: 4, Übersetzt: Glaubrecht, Frank, Bemerkung: Gekürzte Romanfassung. Regie und Produktion: Marc Sieper
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006, Seiten: 379
  • Augsburg: Weltbild, 2005, Seiten: 379
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2009, Seiten: 379
  • München: audio media, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Frank Glaubrecht, Bemerkung: gekürzt
  • Köln: Lübbe Audio, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Frank Glaubrecht, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

86°
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Thomas Kürten
O du fröhliche...

Buch-Rezension von Thomas Kürten Jun 2004

Krimi-Couch-Volltreffer Oktober 2004

Weihnachtszeit auf Island. Die Hotels in der Hauptstadt sind gut gefüllt mit reichen Isländern und Abenteuer suchenden, vermögenden Ausländern, die der Illusion folgen, Weihnachten in isländisch feuchter Kälte und Dunkelheit müsse irgendwie besonders weihnachtlich sein. Ist es vielleicht auch, denn die Feiertage stehen nicht nur als Sinnbild für harmonievolle Familientage. Viele Menschen haben Angst vor ihnen, weil sie sich zu keiner anderen Zeit im Jahr ihrer Einsamkeit und unerfüllten Sehnsüchten nach Harmonie und Geborgenheit im Kreise von Familie und Freunden so stark bewusst werden. Weihnachten - Zeit für Depressionen?

Kurz vor den Feiertagen liegt der Weihnachtsmann tot in einem Kellerraum eines Reykjaviker Hotels, die Hose runter gezogen und ein Kondom auf seinem erschlafften Glied. Wie sich schnell herausstellt, arbeitete der Weihnachtsmann den Rest des Jahres als Portier in dem Hotel, war also so etwas wie das Gesicht des Hauses für die Gäste. Wie Kommissar Erlendur aber sehr rasch bemerken muss, schien niemand unter den anderen Angestellten des Hotels den Mann näher gekannt zu haben. Auch hatte er keinen Kontakt zu Familie oder Freunden, seit 20 Jahren wohnte er in dem Kellerraum, der zu seinem Grab wurde. Wie kann man mitten unter Menschen bloß so einsam sein?

Angst vor Weihnachten

Erlendur wird ebenfalls von der Einsamkeit der Festtage ergriffen. Seit über 20 Jahren geschieden, ohne Kontakt zu seiner Ex-Frau und seinem Sohn, loser Kontakt zu seiner drogensüchtigen Tochter, die ebenfalls in eine Weihnachtsdepression verfällt und ihres "Scheißlebens" müde ist. Die Kollegen, die sich um ihn sorgen, laden ihn ein, mit ihnen und ihren Familien zu feiern, doch der traurige Kommissar schlägt die Angebote aus. Da er auch keine Lust hat, in seine kleine Wohnung zurück zu kehren, quartiert er sich kurz entschlossen im Hotel ein, wo nur noch ein Zimmer mit defekter Heizung für ihn frei ist. In dieser Kälte kann er die Ermittlungen im unmittelbaren Umfeld des Opfers vorantreiben und findet einen englischen Schallplattensammler, der ein Fan des toten Portiers war. Denn der Portier war vor fast 40 Jahren ein begnadeter Chorknabe und sang mit einer Engelsstimme.

Neben Einsamkeit und sozialer Verödung in der Großstadt thematisiert Indridason auch den Umgang von Eltern mit ihren Kindern. Der Tote war ein Kinderstar, immer wieder angetrieben von seinem ehrgeizigen Vater. Der Autor beschreibt eindringlich, wie der Junge überfordert war, den hohen Ansprüchen seines Vaters gerecht zu werden. Aber nicht nur solche psychische Gewalt, auch physische Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern behandelt er. Ein parallel von Erlendurs Kollegin bearbeiteter Fall von Kindesmisshandlung und die Erinnerungen des Kommissars an seine eigene Kindheit, die Rolle seines Vaters und Reflektionen darüber, wie er selbst zu seiner Verantwortung als Familienvater stand, runden das wieder einmal sehr gute, melancholische Gesamtbild ab.

Indridason schreibt nicht einfach nur Kriminalromane. Seine Gesellschaftskritik ist in jeder Zeile spürbar, die Geschichten um Erlendur können den Leser berühren. Die Charaktere sind bewundernswert klar gezeichnet. Erlendurs erschöpfende Traurigkeit wird mit seinem Kindheitstrauma (wie auch schon in "Todeshauch") glaubhaft erklärt. Besonders stark erscheint in diesem Roman seine sonst so zerbrechliche Tochter Eva Lind, die aus eigenem Antrieb a) gegen ihre Drogensucht kämpft und b) die Seele ihres Vaters zu ergründen sucht. Die immer wieder eingestreuten Vater-Tochter-Szenen gehören, obwohl sie nichts mit dem Fall an sich zu tun haben, zu den besonders starken Passagen. Hier sei die Frage erlaubt, wann der Verlag sich endlich entschließt, die beiden ersten Romane aus der Erlendur-Reihe in Deutschland zu veröffentlichen. Selten eine Reihe gelesen, in der sich Charaktere so gut entwickeln.

Ein ganz normaler Mord

Wo aber diesmal der Funke nicht so recht überspringen will, ist bei der Auflösung des Mordfalles selber. Hier haben die beiden bisher in Deutschland erschienen Romane Indridasons die Messlatte sehr hoch gelegt. In Nordermoor und Todeshauch musste Erlendur sehr außergewöhnliche Ermittlungen in sonderbaren Fällen durchführen. Die Umstände, unter denen die Leiche gefunden wird, sind das einzig bizarr anmutende Element in "Engelsstimme". Danach entwickelt sich eine sehr gut aufgebaute Ermittlungsarbeit, die den Kreis der Verdächtigen immer mehr verkleinert, den Täter aber erst ganz am Ende erkennen lässt.

Handwerklich ist "Engelsstimme" sehr gute Krimikost, der vielleicht diesmal das letzte Tüpfelchen auf dem i fehlt. Absolut empfehlenswert bleibt der Roman dennoch, wenngleich der Preis fürs Hardcover eine Überlegung wert sein sollte. Die Krimi-Couch Wertung liegt jedenfalls knapp unter den beiden als Taschenbuch erhältlichen Vorgängern.

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