Frostnacht

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2005, Titel: 'Vetrarborgin', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Glaubrecht, Frank, Bemerkung: gekürzt
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2009, Seiten: 395
  • Köln: Lübbe Audio, 2011, Seiten: 4, Übersetzt: Frank Glaubrecht, Bemerkung: gekürzt

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Thomas Kürten
Ein Roman, der sich in einer Fülle von Ansätzen verliert

Buch-Rezension von Thomas Kürten Feb 2007

Juni 2007 in Deutschland: Während hierzulande schon im Mai die Menschen ins Schwitzen kamen, weiß das Wetter inzwischen nicht mehr so recht was es will. Regen oder Sonnenschein, alles bei durchweg hohen Temperaturen von 20°C und deutlich mehr. Deutschland ächzt! Was liegt näher, als genau zu diesem Zeitpunkt einen Roman mit dem Titel "Frostnacht" zu veröffentlichen? Ein Roman, der im kühlen, winterlichen und düsteren Island spielt: Lesefutter für eine lauwarme Sommernacht?

Es ist inzwischen Indridassons siebter Roman um den kauzigen Kommissar Erlendur und leider konnte der isländische Autor das hohe Niveau aus den vorangegangenen Romanen diesmal nicht halten. Dabei lässt sich schwer beschreiben, warum das diesmal so ist, denn alle Elemente, die die Klasse der Vorgänger ausgemacht haben, sind auch diesmal vorhanden. Nur zünden sie nicht so gut, haben leicht Ladehemmung: sind sie in klirrender Frostnacht eingefroren?

Mord an einem Kind

Es ist Winter in Island. Und als ob es nicht reichen würde, dass dieser Winter besonders kalt ist, ist es im Januar in Island für gewöhnlich auch sehr lange dunkel. Nur zwischen spätem Vormittag und frühem Nachmittag ist für ein paar Stündchen die Sonne am Himmel. In dieser Zeit hat jemand dem zehnjährigen Elias, einem Sohn eines isländischen Vaters und einer thailändischen Mutter, ein Messer in den Bauch gestochen. In dem großen Wohnblock hat es anscheinend niemanden gekümmert, dass vor dem Haus die Leiche eines Jungen im eigenen Blut am Boden festfriert. Erlendur, Elinborg und Sigurdur Oli nehmen die dünnen Fährten auf, die sie zum Mörder des Jungen führen könnten.

Eine Spur führt zur geschiedenen, alleinerziehenden Mutter, dem älteren Bruder, dem Vater des Jungen. Eine andere in die Schule. Oder gab es in dem Viertel aktenkundige Gewalttäter, die erst kürzlich freigelassen wurden? Man kann es der isländischen Polizei nicht vorwerfen, allen Eventualitäten nachzugehen, aber auch noch ein anderer Fall will gelöst werden: Eine schon seit Wochen vermisste Frau, gesucht von ihrem Gatten, einem notorischen Fremdgeher. Außerdem liegt Erlendurs Lehrmeister bei der Polizei, Marian Briem, im sterben und Erlendurs Kinder wollen von ihrem Vater die Wahrheit über dessen Kindheit in den Ostfjorden wissen.

Isländer sind einsam

So dunkel wie ein isländischer Wintertag, so düster ist auch die Stimmung in Arnaldurs Romanen. Wie immer sind die beherrschenden Themen die Einsamkeit, Verlassen werden und mehr als bisher auch der Tod. Die Handlung wird auf einem Kindermord aufgebaut, der die Ermittler mit verschiedenen Arten von Rassismus und Ablehnung von allem Fremden konfrontiert. Die Isolation der Zuwanderer in der Gesellschaft und die Anonymität des Wohnblocks, Sprachbarrieren und der sogenannte "zweite Arbeitsmarkt" sind da noch die subtilsten Probleme, die angesprochen werden. Hier ist der Autor gewohnt stark, hier bringt er seine Botschaft kraftvoll rüber. Im zweiten Fall können Enttäuschung und Verbitterung der vermissten Frau ebenso gut nachempfunden werden, wenn Erlendur mit dem verlassenen Ehemann spricht. Hier stimmt also die gewohnte Qualität des Isländers.

Aber anders als bei allen Vorgängern muss Erlendur diesmal nicht so tief in der Vergangenheit graben. Wir haben es mit einer ziemlich gewöhnlichen Ermittlung zu tun. Erlendur, Elinborg und Sigurdur Oli suchen nach Ermittlungsansätzen, befragen hier ein paar Lehrer, da ein paar Schüler, Nachbarn, Eltern - aber es passiert nicht wirklich was. Und dann beginnt der Autor, sich zu wiederholen. Die Geschichte vom verschollenen Bruder des Kommissars kennt der Leser schon aus "Kältezone", so dass der Autor nur unter seitenlanger Anstrengung noch einen Hauch eines halbwegs interessanten, neuen Ansatzes aus der bekannten Geschichte herausholt. Währenddessen bekommen zusehends auch Elinborg und Sigurdur Oli ein Privatleben, doch auch hier reicht es weitestgehend über Ansätze (noch) nicht hinaus.

Ein bisschen Faszination hat jedoch auch Frostnacht aufzuweisen. Es ist meisterhaft, wie Indridasson die Anonymität des Individuums als Wesensmerkmal der Isländischen Gesellschaft herausstellt. Der trostlose Tod Marian Briems und die offenbar vielfältigen Möglichkeiten, in einer relativ kleinen Bevölkerung spurlos zu verschwinden. Ist es Ignoranz, ist es mangelndes Interesse am Nachbarn? Soziales Desinteresse scheint in der Mentalität der Isländer tief verwurzelt. Wie steht es darum in unserer eigenen Gesellschaft? Hier gibt der Roman wertvollen Denkanstoß, während er ansonsten leider weitgehend nicht über Ansätze hinauskommt.

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