Die Larve

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Achim Buch, Bemerkung: gekürzt
  • Berlin: Ullstein, 2012, Seiten: 576

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Andreas Kurth
Drogen, Morde und persönliche Tragik

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2011

Harry Hole ist endgültig aus dem Polizeidienst ausgestiegen und lebt jetzt als Geldeintreiber in Hongkong. Drei Jahre nach seinem letzten Fall in Norwegen erreicht ihn der Anruf einer befreundeten Kollegin. Oleg, der Sohn von Harrys großer und einziger Liebe Rakel, sitzt in Untersuchungshaft. Er soll einen Freund aus dem Drogen- und Dealer-Milieu erschossen haben. Alle Indizien sprechen dafür, dass Rakels Sohn der Killer ist. Aber Harry Hole glaubt nicht an die scheinbar einfache Lösung des Falles. Er fliegt nach Oslo, um den Mörder zu finden und seiner geliebten Rakel den Sohn zurück zu geben. Vieles hat sich in den drei Jahren seiner Abwesenheit verändert, einiges ist aber auch gleich geblieben. Harry nutzt alte Kontakte und Beziehungen, und kommt so der Lösung des Falles schnell näher. Mehr als einmal muss er dabei Anschlägen auf sein Leben entgehen –  um schließlich Erkenntnisse zu gewinnen, die ihn zutiefst erschüttern.

Wie gelingt es Jo Nesbø nur immer aufs Neue, seine Leser gleich von der ersten Seite an zu fesseln? Eine sicherlich schwierig zu beantwortende Frage. Aber ein Teil des Erfolges dürfte in der Figur des Ermittlers begründet liegen. Harry Hole ist mittlerweile eine echte Kult-Figur. Vergleiche fallen mir auf den ersten Blick nur aus dem TV ein: Inspektor Columbo im Knittermantel und Theo Kojak mit dem Lolli. Das waren ähnlich knorrige, unverwechselbare Figuren. Hole ist ein vergleichbarer Typ. Legendär in seinen Methoden und Fähigkeiten, eine Reizfigur, bei Freund und Feind respektiert, gefürchtet – und manchmal sogar verhasst.

Auch in Die Larve gibt er wieder den einsamen Wolf, der gegen alle Widerstände nach der Wahrheit sucht. Dabei muss Harry mehrfach Kopf und Kragen riskieren. Aber das nimmt er alles in Kauf – und hier kommt mal wieder der weiche Kern des Helden zum Vorschein – um seiner großen Liebe Rakel zu helfen. Zärtliche Erinnerungen an vergangene Zeiten treiben ihn immer wieder vorwärts, und als er Oleg das Leben rettet, und der ihn daraufhin als "Papa" anspricht, droht dem "harten Hund" Harry Hole das Herz zu schmelzen. Der Autor präsentiert seinen Protagonisten einmal mehr als hochgradig ambivalente Persönlichkeit. Im Grunde seines Herzens ein Familienmensch, der sich nach Geborgenheit im Kreise seiner Lieben sehnt. Auf der anderen Seite der erfahrene Polizist, unbeugsam und geradezu fanatisch bei der Wahrheitsfindung. Und dabei stehen ihm nicht nur die Erinnerungen an frühere Fälle und seine Alkoholsucht im Weg, sondern auch weitere Widersprüche in seiner Persönlichkeitsstruktur.

Der Zeitsprung von drei Jahren – man könnte von einer Rückkehr des Harry Hole aus der Vergessenheit sprechen – gibt Jo Nesbø die Möglichkeit, aktuelle Veränderungen in Oslo einzuflechten. Die Drogenszene hat sich gewandelt, Holes alter Rivale Mikael Bellman hat weiter Karriere gemacht. Es gibt Korruption in der Politik und bei der Polizei. Harry nimmt die neue Situation ebenso staunend wie verärgert zur Kenntnis, hat angesichts der Dynamik der Ereignisse jedoch keine Chance, darüber nachhaltig zu reflektieren. Es wird aber mehr als deutlich, dass dem alten Haudegen viele Dinge überhaupt nicht in den Kram passen. Hole schiebt das alles zur Seite und entwickelt wieder seinen bekannten Tunnel-Blick. Und wie eine Katze scheint er mehrere Leben zu haben, mehrfach wird es ziemlich eng für ihn.

Die Larve ist gewissermaßen eines der persönlichsten Bücher aus der Harry-Hole-Reihe. Der Leser erhält tiefe Einblicke in das Seelenleben des Protagonisten. Wie weit diese Einblicke gehen, kann aus dramaturgischen Gründen nicht verraten werden. Aber der Autor hat hier einmal mehr eine echte Glanzleistung als Erzähler abgeliefert – ob dieser Roman der bisher beste von Jo Nesbø ist, muss jeder Leser auf seiner ganz persönlichen Skala einjustieren.  Die Geschichte berührt beim Lesen weitaus stärker, als man es erwarten würde. Auf jeden Fall gehört das Buch in die erste Reihe der Werke des norwegischen Schriftstellers – eine echte Granate, die man nicht mehr aus der Hand legt, wenn einen die Geschichte beim Lesen erst einmal gefesselt hat.

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