Messer

Erschienen: August 2019

Bibliographische Angaben

Günther Frauenlob (Übersetzung)

Couch-Wertung:

95°
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Andreas Kurth
Kann der beste Ermittler Norwegens ein eiskalter Killer sein?

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2020

Harry Holes wechselhaftes Leben ist offenbar an einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Nachdem er ihr einen lange zurückliegenden Seitensprung gestanden hat, packte ihm seine große Liebe Rakel Fauke kurzerhand die Tasche und schob ihn zur Tür hinaus. Hole beschäftigt sich in seiner Verzweiflung mit der obsessiven Jagd auf Svein Finne, einen notorischen Vergewaltiger, dessen Sohn er einst erschossen hat, und der jetzt aus dem Gefängnis entlassen wurde. Dabei schwankt er - wie von den Leser der Reihe nicht anders erwartet - zwischen Abstinenz und heftigen alkoholischen Exzessen.

Doch dann wird Harry Hole durch eine Todesnachricht förmlich wie vom Blitz getroffen. Rakel Fauke wurde in ihrem früher gemeinsamen Haus ermordet aufgefunden. Holes Kollegin Katrine Bratt, die ihm schon immer sehr nahe stand, will Harry so schnell wie möglich als Täter ausschließen, und leitet deshalb unverzüglich entsprechende Befragungen ein.

Für Hole gibt es einen zusätzlichen emotionalen Tiefschlag, als ihm sein aus Nord-Norwegen herbeigeeilter Stiefsohn Oleg sagt, dass Rakel es nochmals mit ihm versuchen wollte. Diese Mitteilung wirft Harry Hole zusätzlich aus der Bahn - und geht ihm für den Rest des Buches auch nicht mehr aus dem Kopf.

Harry Hole findet selbst die Beweise für seine Täterschaft

Die Ermittlungen gestalten sich als dynamisches Verwirrspiel. Harry Hole wird von seinem Fanatismus behindert, denn irgendwie will er unbedingt glauben, das Svein Finne etwas mit dem Mord an Rakel zu tun hat. Der Vergewaltiger könnte sich dafür gerächt haben, dass Harry vor langer Zeit seinen Sohn bei einer Festnahme erschossen hat. Andere Spuren führen allerdings zu Roar Bohr, der als Soldat der Spezialkräfte in Afghanistan war, und wegen des Todes seiner Schwester vor langer Zeit in psychiatrischer Behandlung ist.

Und dann kommt es für den erfahrenen Ermittler förmlich knüppeldick. Er selbst findet bei seinen fieberhaften Recherchen eindeutige Beweise dafür, dass er seine geliebte Rakel umgebracht haben könnte. Weil er in der Mordnacht total betrunken war, kann Harry sich allerdings nur daran erinnern, dass ihn sein Freund und Kollege Björn Holm aus der Kneipe nach Hause gefahren hat. Wie er dann an den Tatort gekommen und Rakel in der eigenen Küche erstochen haben soll, ist ihm ein unergründliches Rätsel. Doch dann zieht sich die Schlinge unerbittlich immer enger zu, und Protagonisten wie Leser erwartet ein dynamisches Schlussdrittel in diesem Thriller, das es wirklich in sich hat. Der Abschluss des Romans ist schwer zu beschreiben, ohne etwas zu verraten. Ich beschreibe das Ende, wie ich es gelesen habe, mal mit einem Begriff, der derzeit ziemlich gut in Mode ist: Total krass.

Überraschende Wendungen und verwirrende psychologische Verwicklungen

Jo Nesbø baut auch in seinem neuen Thriller wieder einmal enorme Spannung auf. Dafür nutzt er seine üblichen Stilmittel aus falschen Spuren, überraschenden Wendungen und verwirrenden psychologischen Verwicklungen. Neu ist hier allerdings die Dimension der persönlichen Betroffenheit seines Protagonisten. Harry Hole hat sich schon immer Katz-und-Maus-Spiele mit den Killern geliefert, die er gejagt hat. Nun muss er sich offenbar selbst jagen, und nicht nur dieser Fakt führt dazu, dass in Laufe der Geschichte sein seelischer Zustand vor dem Leser so ausführlich wie nie zuvor ausgebreitet wird. Sein Verhältnis zu Rakel, seine Beziehung zu Oleg, seine psychische und körperliche Gesundheit, seine Beziehungen zu engen Kollegen -  hier wird wenig ausgelassen.

Nicht wenige Leser werden sich fragen, ob sie hier einen Abgesang auf die Figur Harry Hole lesen. Aber über das Ende dieser so erfolgreichen Reihe wurde und wird seit Jahren trefflich spekuliert. Jo Nesbø hat hier in meinen Augen abermals eine erzählerische Meisterleistung abgeliefert. Spannung, Tiefgang, Dialoge - wenn man erstmal mit dem Buch angefangen hat, fällt es schwer, bei der Lektüre eine Pause zu machen.

Fazit:

Zwischen 1997 und 2019 hat Jo Nesbø nun schon zwölf Romane über den norwegischen Ermittler Harry Hole geschrieben. Der wurde in vielfältiger Weise beschrieben. Charismatisch, genial, ein Alkoholiker, und alle möglichen Superlative dazu. Mag alles stimmen. Aber hier wird er vom Autor gewissermaßen entblättert. “Messer” ist Jo Nesbøs persönlichster Roman um seinen am Ende doch so zerbrechlichen Helden. Einfach genial und vermutlich nun wirklich das schon mehrfach vermutete Finale der Serie - oder auch nicht. Nur der Autor selbst kann beurteilen, ob die Geschichte von Harry Hole schon zu Ende erzählt ist.

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