Der Erlöser

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Aschehoug, 2005, Titel: 'Frelseren', Originalsprache
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Deutschmann, Heikko
  • Berlin: Ullstein, 2008, Seiten: 527
  • Berlin: List, 2011, Seiten: 527

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Thomas Kürten
Barmherzigkeit ist nicht Holes Branche

Buch-Rezension von Thomas Kürten Sep 2007

Vorweihnachtszeit in Oslo. Junkies und Alkoholiker finden in den Asylen der Heilsarmee einen Ort zum aufwärmen. Kommissar Harry Hole, selber Alkoholiker, aber seit einiger Zeit trocken, ermittelt im Milieu, da in einem Container am Hafen ein junger Mann tot aufgefunden wird. Doch während in diesem Fall relativ schnell anhand von Indizien der Täter zu einem Geständnis bewegt werden kann, tötet ein kroatischer Killer einen Soldaten der Heilsarmee. Von vorweihnachtlicher Ruhe und Besinnlichkeit kann also keine Rede sein.

Ganz im Gegenteil, es entwickelt sich eine Jagd auf einen gesichtslosen Killer, der in seiner Heimat zu Zeiten des Balkankrieges den Spitznamen "Kleiner Erlöser" erhielt. In Norwegen ist er unter dem Namen Christo Stankic eingereist und wäre eigentlich schon längst wieder außer Landes gewesen, wenn nicht ein Schneesturm den Flughafen Oslo lahm gelegt hätte. So aber erfährt Stankic aus der Zeitung, dass er den falschen Mann umgebracht hat und bleibt. Er besorgt sich sogar wieder seine Pistole, die er auf dem Fluchtweg deponiert hatte. Doch Harry Hole und das ganze Team sind Stankic sehr schnell dicht auf den Fersen. Er kann sich keine Unterkunft mehr nehmen, kein Geld mehr abheben, nicht mehr in seine Heimat telefonieren, ohne dass die Polizei ihn orten könnte. Doch er bleibt zunächst spurlos verschwunden.

Alles neu bei der Osloer Polizei

Das Feindbild im eigenen Team tot, glücklich zusammen mit seiner neuen Liebe Rakel und deren Sohn Oleg - so haben wir uns von Harry Hole nach seinem letzten Fall verabschiedet. Nun verlässt Holes Mentor und Beschützer Bjarne Möller auf eigenen Wunsch die Truppe und an seine Stelle tritt mit Gunnar Hagen ein neuer Kotzbrocken in Person. Halvorsen, Skarre, Li und Li leiden gemeinsam mit Harry unter immer neuen Dienstanweisungen und irgendwie drängt sich der Eindruck auf, dass Hole sogar ein wenig gemobbt wird. Da wünscht man ihm wenigstens Rückhalt im Privaten. Aber nein, auch Rakel hat sich aus seinem Leben verabschiedet. Ob da ein ehemaliger Alkoholiker lange trocken bleiben kann, wenn die wichtigsten Menschen nicht mehr da sind?

Mit dem Erlöser kann Nesbö deshalb nicht so nahtlos an die Vorgänger anknüpfen. Der Bruch zieht sich durch zu viele Bereiche. Nesbö bleibt natürlich der gute Erzähler, als der er sich in den vorangegangenen Romanen einen Namen gemacht hat. Aber erst da, wo andere Romane schon vorbei sind, kommt bei Nesbös Erlöser erst Schwung in die Angelegenheit. Die ersten 300 Seiten erinnern an ein Vorgeplänkel, dass noch keine wahre Richtung aufgenommen hat. Nesbö verliert sich sogar darin, Lebensgeschichten von relativ uninteressanten Nebenpersonen über mehrere Seiten auszurollen.

Ein Meister seines Handwerks

Von Anfang an versteht es Nesbö, immer wieder einzelne Werkzeuge aus seinem Köfferchen auszupacken; Elemente, mit denen er routiniert Spannung produziert. Er unterstreicht damit, wie sehr er das Genre beherrscht und wie einfach Leser von ihm auf eine falsche Fährte gelenkt werden können. Aber wofür ist das gut? Was soll ein Stromausfall und eine Person, die genau in diesem Moment in ein bewachtes Krankenzimmer schleicht - wenn man im nächsten Kapitel erfährt, dass das der Kommissar war, um den Verletzten an einem anderen, sichereren Ort unterzubringen? Um hier nur mal ein Beispiel zu nennen.

Nesbö wagt sich zudem weit in die Strukturen der Heilsarmee vor. Die Mission der "Soldaten" kann er dem Leser vermitteln - aber nicht die Motivation. Es läppern sich bei diesem Roman für Nesbö ungewohnt viele Kritikpunkte zusammen. Gut ist ihm die Figur Christo Stankic gelungen, der sich durch eine hohe Aufmerksamkeit und eisernen Überlebenswillen auszeichnet. Im Erlöser kann uns der Norweger erst spät mit einem erlösenden Show-Down versöhnen. Bis dahin liefert er über 300 Seiten viel Handwerk, aber keine Begeisterung. Oder wie es Heilsarmeesoldatin Martine ausdrücken würde: Seine Branche ist nicht die Barmherzigkeit, sondern die Erlösung. Erst auf den letzten 150 Seiten hat dieser Nesbö wahre Klasse.

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