Ihr Königreich

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Kingdom

- übersetzt von Günther Frauenlob

- HC, 585 Seiten

- [Harry-Hole-Reihe]

Couch-Wertung:

80°
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Andreas Kurth
Hochtrabende Träume und ein Abgrund voller Autos

Buch-Rezension von Andreas Kurth Dez 2020

Der Norweger Jo Nesbø ist bei seinen Fans international vor allem für seine meisterhafte Reihe um den norwegischen Kultermittler Harry Hole bekannt. Aber ich mag auch seine Einzelromane immer sehr gerne - mal mehr, mal weniger. Lesenswert waren sie am Ende alle, und das gilt in hohem Maße auch für das jüngste Werk: Ihr Königreich bezeichnet den Hof von Ryan und Carl Opgard in der Nähe des kleinen Dorfes Os, also mal wieder nicht in der pulsierenden Hauptstadt Oslo - und dort spielt sich ein Drama mit vielerlei Facetten ab ...

Eine zunächst schlicht wirkende, aber höchst faszinierende Geschichte

Der Autor braucht für seine Verhältnisse ungewöhnlich lange, um echte Krimispannung aufzubauen. Aber auch vorher schon entwickelt das Buch einiges an Sog, weil die Geschichte der Brüder Roy und Carl Opgard zunächst eher schlicht, aber doch irgendwie faszinierend wirkt: Roy ist als Tankstellenpächter tätig; sein Betrieb liegt an einer gut befahrenen Durchgangsstraße, sonst könnte er kaum auskömmlich davon leben. Zeitweise wohnt er auch in der Tankstelle - genauer gesagt in einem alten Werkstattgebäude, das er von seinem verstorbenen Onkel übernommen hat. Sein Bruder Carl ist einst nach familiären Turbulenzen und dem Tod der Eltern zum Studium in die USA gegangen, jetzt kommt er als scheinbar gemachter Mann mit einer glamourösen Ehefrau Shannon aus Nordamerika zurück in die norwegische Provinz.

Roys und Carls Eltern sind bei einem Verkehrsunfall in einer der Haarnadelkurven an der Straße vom Hof ins Tal ums Leben gekommen. Am Ende des Buches liegen dann übrigens mehrere Autos in diesem Abgrund - und es stellt sich auch heraus, dass es vielleicht doch kein Unfall war, der zum Tod der Eltern geführt hat. Auch die weiteren Abstürze passieren keineswegs zufällig - mehr kann ich hier nicht verraten, um nicht zu spoilern.

Das Dorf Os ist ein recht merkwürdiger Mikrokosmos, und der Leser erfährt viel über das soziale Geflecht, die Männer und Frauen, und diverse alte Rechnungen, die zwischen verschiedenen Dorfbewohnern wohl noch offen sind.

„Ein paar Wochen später sah ich Mari Aas in der Kaffeestube sitzen. Sie war hübsch. Sehr hübsch. und “gefährlich intelligent”, wie es hieß. Sie wusste ihre Worte verdammt gut zu wählen und laut Lokalzeitung hatte sie ein paar ältere Jungpolitiker bei einer Debatte zur Kommunalwahl in Notodden in Grund und Boden geredet. Sie hatte dort die Jugendorganisation der Arbeiterpartei vertreten. Mari Aas stand da, in perfekter Haltung, ein dicker blonder Zopf, Brüste, die sich gegen das Che-Guevara-T-Shirt drückten und kalte blaue Augen. Ihr Wolfsblick strich in der Kaffeestube über mich, als suchte sie nach einer Beute, die zu jagen sich lohnte. Bemerken tat sie mich nicht. Ihr Blick ist furchtlos, dachte ich. Der Blick von jemandem am Ende der Nahrungskette.“

Es geht in diesem Kriminalroman, den Roy Opgard als Ich-Erzähler dominiert, um hochfliegende Träume, um Missbrauch in der Familie, um skrupellose Morde, und um ein Dorf in der Provinz mit zahlreichen ambivalenten Charakteren. Das komplizierte Setting wird von Nebø in aller Ruhe präsentiert und erklärt. Anfangs ist es ein wenig nervig, dass die Zeitsprünge in die Vergangenheit nicht gekennzeichnet sind, aber mit der Zeit erschließt sich das dann aus der Handlung und ist am Ende kein Problem.

Viele Rätsel bewegen den Leser, die erst im Laufe der Handlung langsam und stückweise aufgelöst werden. Das im Zentrum der Geschichte stehende Brüderpaar Roy und Carl auf vielerlei Art komplett verschieden - und gleicht sich am Ende in einer Hinsicht doch ebenso verblüffend wie folgenreich. Die Brüder und Carls Ehefrau lernt der Leser näher kennen, die Nebenfiguren im Dorf werden teilweise eher als Schablonen gezeichnet, weil sie auch keine große Bedeutung für die Geschichte haben.

Da ist der Dorfpolizist; da sind Jugendliche, die in der Tankstelle jobben; da ist der Bürgermeister, der vor allem an seine Wahlchancen denkt. Am Ende kreist aber alles um das Trio auf dem Opgard-Hof, die sich “Ihr Königreich” einrichten wollen. Im Finale wird die Geschichte nochmal deutlich dynamischer; die Auflösung (wenn man sie denn als solche sieht) ist ein ziemliche Überraschung.

Fazit

Jo Nesbø hat hier einmal mehr einen brillanten Roman vorgelegt, dessen Ende die Leser vermutlich höchst unterschiedlich bewerten werden. Aber er vermag als guter Geschichtenerzähler perfekt zu unterhalten - auch ohne die atemlose Spannung, die man aus vielen seiner früheren Romane kennt. Hier hat er ein Buch der eher leisen Töne geschrieben, gibt tiefe Einblicke in ein Dorf in der tiefsten Provinz. Da geht es dann so ganz anders zu als in der Hauptstadt Oslo - und das macht in meinen Augen auch den großen Reiz aus. Um alle Zwischentöne zu registrieren, sollte man sich Zeit für dieses lesenswerte Werk nehmen - es lohnt sich wirklich.

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