Koma

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2013, Seiten: 608, Übersetzt: Günther Frauenlob

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Lars Schafft
Oslo hat den Superstar

Buch-Rezension von Lars Schafft Jun 2013

Nach dem dramatischen Finale in Jo Nesbøs letztem Roman Die Larve stellten sich viele Leser die bange Frage: Wird es ein Wiedersehen mit Harry Hole, dem Starermittler Oslos, geben? Koma gibt die Antwort: Ohne Harry geht es nicht.

Die ersten zweihundert Seiten allerdings schon und zwar erstaunlich gut, zumindest was die Lektüre von Koma angeht. Dafür sorgt ein perfider Serienkiller, mit dem sich Kommissar Gunnar Hagen samt altem Harry-Hole-Team um die Kriminaltechniker Beate Lønn und Bjørn Holm sowie Psychologe Ståle Aune auseinandersetzen muss: Jener hat es auf Polizisten abgesehen, die in Mordfällen, die Jahre zurückliegen, fahrlässig gehandelt oder schlicht falsch ermittelt hatten. An den selben Tatorten sterben sie die gleichen Tode. Völlig unklar ist das Motiv. Klar ist hingegen, dass der Täter nach einem bestimmten Muster vorgeht und somit der nächste Mord nur eine Frage der Zeit sein dürfte.

Währenddessen liegt ein streng bewachter Patient ohne Bewusstsein im Krankenhaus, bei dem die einen darauf warten, dass er endlich reden möge, während andere ihn für immer zum Schweigen bringen möchten...

Dramatis personae

Die Tatsache, dass Koma nicht nur nahtlos an den Vorgängerroman anschließt, sondern sich in vielen Punkten auch konkret darauf bezieht, hat glücklicherweise auch der Verlag erkannt und eine Übersicht der Dramatis personae angehängt. Für Einsteiger in die Harry-Hole-Reihe sicherlich der optimale Ort für ein Lesezeichen, denn den Überblick behält man nicht leicht.

Das Gute daran: Sonst wird der Leser auch kaum ein Lesezeichen brauchen, da Nesbø mit seinen vielen Orts- und Perspektivwechseln und Cliffhanger über Cliffhanger atemlos durch die 600 Seiten peitscht. Wer sich fragt, wie Thriller eigentlich geht, kann sich getrost an den Norweger wenden. Viele Autoren, die ihm da das Wasser reichen können, gibt es in dieser Hinsicht wahrlich nicht.

Aber Harry-Hole-Fans werden wahrscheinlich schon bei diesem Wörtchen ihre Lynchutensilien für den Rezensenten hervorholen Koma hat auch seine Schwächen.

Klischee- wie generell überladen

Zum einen wirkt der Roman an vielen Stellen klischee- wie generell überladen. Man wird den Eindruck nicht los, dass Nesbø nicht nur seinen Thomas Harris (Das Schweigen der Lämmer) gut gelesen, sondern auch nach dem Motto "höher, schneller, weiter" geschrieben hat. Ein brutaler Mord reicht nicht aus? Dann halt noch einer und noch brutaler. Wenn das nicht reicht einer geht noch. Und dann bitteschön richtig brutal.

Spätestens wenn Nesbø bei einem übelst zugerichteten Mann nur noch von "Hackfleisch"(!) spricht, mit dem sich sein Protagonist unterhält, ist eine Grenze des Geschmacks überschritten. Wenn schließlich auch noch Kühlschränke eine besondere Rolle spielen, um sich vor Bomben zu schützen, gleitet das Ganze ins Groteske ab, Zyniker sprächen an diesen Passagen vielleicht gar von unfreiwilliger Situationskomik.

Faszinosum Harry Hole?

Zum anderen gelingt es Jo Nesbø nicht, seinen neuen Lesern, die Harry Hole nicht kennen, diesen als Faszinosum näher zu bringen. Dessen schlechte Charakterzüge spielen zwar auch in Koma eine Rolle (zwar trockener Alkoholiker, immer noch aber Kettenraucher, ein Mann mit Vergewaltigungsphantasien), letztendlich ist er im zehnten Fall aber vor allem eines: das Masterbrain, das die Polizei so dringend braucht. Oslo hat den Superstar.

Nur als kleine Randbemerkung: Besonders gute Kriminalisten scheinen in Skandinavien gerne als Dozenten zu arbeiten, wird ihnen der Job zu viel. Das ging vor Harry Hole schließlich auch schon Sebastian Bergman von Hjorth & Rosenfeldt so...

Pageturner

Koma hat unterm Strich fraglos seine Stärken als Pageturner und bietet ganz bestimmt mehr als genug, um für viele Stunden äußerst spannend zu unterhalten. Der große Wurf der Harry-Hole-Reihe ist es jedoch nicht und Einsteigern in die düstere Welt des Jo Nesbø sei dann auch eher zu einem früheren Band geraten.

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