Rotkehlchen

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Aschehoug, 2000, Titel: 'Rødstrupe', Originalsprache
  • München: Ullstein, 2003, Seiten: 459, Übersetzt: Günther Frauenlob
  • Berlin: List, 2008, Seiten: 459, Übersetzt: Günther Frauenlob
  • Berlin: Ullstein, 2004, Seiten: 459
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Achim Buch, Bemerkung: gekürzt

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Michael Drewniok
Der rächende Attentäter gegen die überarbeitete Polizei

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2003

Oslo, Norwegen, kurz vor dem Millennium: Ein alter Mann hört vom Arzt sein Todesurteil. Aber er glaubt der Welt noch etwas schuldig zu sein, die ihn um eine glorreiche Zukunft betrogen hat. "Daniel" gehörte vor sechzig Jahren zu jenen Norwegern, die Hitlers Wahnideen verfielen. Für den fernen "Führer" ist er sogar in den Krieg gezogen, hat an der russischen Front Unbeschreibliches erlebt und durchlitten. 1945 stand er nicht auf der Seite der Sieger und wurde von seinen Landsleuten als Kollaborateur hart bestraft. Das hat er nie vergessen oder gar vergeben, und jetzt, da ihn die Krankheit bald umbringen wird, will er Rache nehmen und sich mit einem Donnerschlag aus dieser Welt verabschieden.

Einen Mordanschlag plant er; das Opfer steht rasch fest: Der norwegische Kronprinz soll fallen, das scheint Daniel nur angemessen.Zuvor will er einige andere offene Rechnungen präsentieren. Er nimmt Kontakt auf zur Neonazi- und Terroristen-Szene, die auch in Oslo in diesen Tagen erstarkt, und beschafft sich eine High-Tech- Attentatswaffe. Freilich erwächst dem verbitterten Attentäter unerwartet ein unkonventioneller Gegner.

Polizeiobermeister Harry Hole arbeitete bisher als Ermittler bei der Mordkommission seiner Heimatstadt. Er ist ein guter Ermittler mit einem desolaten Privatleben; ein mühsam trockener Alkoholiker, der von Depressionen geplagt wird. In den letzten Monaten hat seine Kollegin Ellen Gjelten viel für ihn getan, und auch der Chef hält seine schützende Hand über ihn, zumal es allmählich wieder aufwärts geht mit Hole.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt dazu, dass Hole während eines Präsidentenbesuches zur Streckenüberwachung eingeteilt wird und dabei einen Agenten des US-Secret Service niederschießt. Ein peinlicher Zwischenfall, für den die Amerikaner die Verantwortung übernehmen. Um Presse und Öffentlichkeit abzulenken, wird Hole aus der Schusslinie genommen und durch Beförderung ruhig- und kaltgestellt. Man ernennt ihn zum Bezirksleiter beim polizeilichen Überwachungsdienst - ein Druckposten, der Hole nicht ausfüllt. Als ihm die Einfuhr einer Hochleistungswaffe gemeldet wird, die sich ideal für Attentäter eignet, geht er den spärlichen Spuren nach. Sie führen ihn nicht nur unter die neofaschistischen Möchtegern-Herren der Welt, sondern auch zurück in die dunkelsten Stunden seines Landes ...

Eine trügerisch einfache Geschichte wird uns hier erzählt, die es freilich in sich hat. Was vergangen war, bleibt durchaus nicht immer vergeben und vergessen, solange die Zeitzeugen unter uns leben. Dass sie dies unauffällig, aber womöglich in größerer Zahl tun als uns dies normalerweise bewusst ist, kann Nesbø mit geschickt in die Handlung eingeflochtenen Anmerkungen immer wieder deutlich machen: In den Jahren des II. Weltkriegs starben deutlich mehr norwegische Kollaborateure als in den folgenden fünfeinhalb Jahrzehnten, lässt er zum Beispiel einen Geschichtsprofessor sagen. Noch sind sie also unter uns, die die Täter wie die Opfer der Nazi-Zeit.

Was dies bedeuten kann, spinnt Nesbø mit Rotkehlchen aus. Der rächende Attentäter gegen die überarbeitete Polizei - sehr klassisch, sehr effektiv, und das gilt besonders, wenn die daraus resultierende Geschichte so spannend wie hier erzählt wird. Sie springt immer wieder zwischen der Gegenwart des Jahres 2000 und den Jahren des II. Weltkriegs hin und her und konterkariert die seltsame Welt der vergessenen bzw. nach 1945 peinlich verdrängten "norwegischen Nazis" mit dem globalisierten 21. Jahrhundert, wo vieles anders, aber kaum etwas besser geworden ist.

Übrigens: Der merkwürdige Titel dieses Romans stammt aus der "Geheimsprache" der Weltkrieg II-Frontkämpfer; ein "Rotkehlchen" ist ein Gegner, dem man mit dem Bajonett in die Brust gestochen hat.

Gelungen wie die Handlung sind Verfasser Nesbø auch seine Protagonisten. Dabei klingt die Beschreibung des Harry Hole zunächst wie ein Kompendium sämtlicher Cop- Klischees: ein einsamer, gemütskranker Mann in einem Land, in dem es ständig regnet oder kalt ist. Aber man lasse sich nicht täuschen, Hole hat sehr viel mehr mit seinem schottischen Kollegen Rebus (von Ian Rankin) gemeinsam als mit dem ihm geografisch näher stehenden Kurt Wallander. Nesbø zwingt Hole nicht, das Elend dieser jammervollen Welt demonstrativ auf seinen Schultern zu tragen, sondern zeigt auch die eher komischen Seiten seines aus der Bahn getragenen Lebens. Das geschieht mit trockenem Witz, der indes nie auf die Kosten der überaus sympathischen Hauptfigur geht.

"Daniel" hat es da ungleich schwerer. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation Verlorener, die eines der dunklen Kapitel der norwegischen Geschichte repräsentieren. Die "Quislinge" (dieser Ausdruck ist als Synonym für "Vaterlandsverräter" sogar in den deutschen Wortschatzt eingegangen), benannt nach Vidkun Quisling (1887-1945), dem von den Deutschen eingesetzten Marionetten- Regierungschef, der in Norwegen etwa die Rolle des französischen Generals Pétain übernahm (und ähnlich "beliebt" war), sind tatsächlich Hitlers Wahnideen verfallen; 7.000 von ihnen kämpften aktiv im II. Weltkrieg, wie Nesbø festhält. Wieso sie dies taten lässt sich erklären, aber schwer verstehen, und so wundert es nicht, dass sich die Norweger auch heute mit dieser Episode ungern auseinandersetzen: Auch außerhalb Deutschlands gibt es unbewältigte Vergangenheiten.

Nesbø versucht dies nun mit Daniel zu ändern. Das kann ihm natürlich nur bedingt gelingen, eben weil ein Individuum nicht für eine Gruppe stehen kann, aber im Rahmen eines erzählenden Werkes gelingt ihm doch eine eindrucksvolle Rekonstruktion. Die mit der Gnade der späten Geburt Gesegneten haben es immer leicht nachträglich zu urteilen, aber mit vielen Rückblicken auf Daniels Leben verdeutlicht Nesbø, dass man es sich so einfach nicht machen darf.

Daniels späte Demaskierung als multiple bzw. geistig gestörte Persönlichkeit hebt die Eindringlichkeit dieses Charakterbildes zwar später ein wenig auf, aber andererseits fördert es die Spannung: "Rotkehlchen" ist eben primär Thriller, und es ist erfreulich, dass der Verfasser dies nicht aus den Augen verliert!

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