Rotzig & Rotzig

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Rotbuch, 2010, Seiten: 256, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 247, Originalsprache

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Lars Schafft
Witzig & Traurig

Buch-Rezension von Lars Schafft Jan 2010

Die Zeit muss man sich erstmal bewusst machen: Seit zwölf Jahren scheucht der Mülheimer Autor Jörg Juretzka seinen Privatschnüffler Kristof "Krüschel" Kryszinski schon durch Drogenhöllen, Kneipen und ruhrige Hinterhöfe. Herumgekommen sind dabei nicht nur mit Rotzig & Rotzig mittlerweile neun packende Kriminalromane, sondern auch drei Deutsche Krimipreise. Es wäre nicht verwunderlich, käme nun der vierte dazu. Denn Juretzka bleibt sich treu und trumpft trotzdem mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung auf.

Der Mülheimer Wohnpark Nord ist genau das, was man gewöhnlich als sozialen Brennpunkt bezeichnet: Armut, Kriminalität und Drogen. Eine "Hood" mit ihren ganz eigenen "Hoodies" halt. Ausgerechnet hier soll Kristof Kryszinski als Hausmeister getarnt eine Einbruchserie aufklären. Zur Begrüßung knallt ihm erst einmal sein Vorgänger vor die Füße, gestürzt aus dem 10. Stock eines Hochhauses. Doch die beiden Zwillinge Üffes und Sien (eigentlich Yves und Sean, was für eine Kombination), die anscheinend hinter den Diebstählen stecken, werden schnell gefasst und wandern unverzüglich in eine Luxemburger Pflegefamilie. Die Idylle trügt, und Kryszinskis Fall beginnt so richtig, als er den Jungs folgt und einem Kinderschänderring auf die Schliche kommt, der sich bis in höchste Kreise erstreckt.

Rotzig & Rotzig zeigt deutlich Juretzkas Reifung der Schreibe auf. Zwar fehlen auch in seinem neunten Krüschel-Roman die Slapstick-Momente nicht, die Situationskomik ist stellenweise herrlich haaresträubend. Doch die Thematik lässt einem dann doch hier und da das Lachen im Halse stecken bleiben. Kindesmissbrauch, die Schilderung sozialer Abgründe – da wollen die erwarteten Schenkelklopfer nicht auftauchen. Rotzig & Rotzig wirkt als der erwachsenste Roman Juretzkas.

Was auch auf seinen Helden Kristof zutrifft: Aufs Holsten aus dem Kühlschrank verzichtet jener zwar immer noch nicht, aber die Abstürze mit Schnaps und Koks bleiben aus. Dafür präsentiert er sich als archetypischer Private Eye aus dem Pott: Nie um einen flotten Spruch verlegen, übermütig wie eh und je, selbsthumorvoll bis sich die Balken biegen. Vor allem aber: Kryszinski ist ein richtiger Romantiker geworden. Unrecht kann er überhaupt nicht ertragen, gerade wenn es um Kinder geht, und gerade, wenn ausgerechnet er ihnen eine unglaublich unappetitliche Suppe eingebrockt hat. Genregemäß gehört natürlich auch dazu, dass der als Privatdetektiv getarnte Romantiker seine ganz persönliche Romantik eben doch nicht findet. Wenngleich das Schlusskapitel durchaus etwas davon mitbringt – freilich à la Juretzka.

Ansonsten bietet Rotzig & Rotzig all das, was einen Juretzka auszeichnet: Flapsige Dialoge, schillernde Typen, Action satt mit der obligatorischen Verfolgungsjagd und jeder Menge Humor – allerdings mit deutlich weniger Klamauk als in den ersten Romanen. Macht nichts, im Gegenteil. Jörg Juretzka hat etwas geschafft, was nur ganz wenigen Autoren gelingt. Man würde ihn als Autor schon nach nur einem Absatz identifizieren. Er hat sich einen einmaligen Stil erschrieben. In jeder Hinsicht.

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Letzte Kommentare:
10.05.2018 20:45:33
benuaq

Ich hätte da mal eine Frage in die Runde:

Auf der vorletzten Seite telefoniert er ja nochmal mit Leyla, geht auf den Balkon und sieht 2 leute die aus einem BMW-Cabrio aussteigen und scheinbar zu ihm wollen.. daraufhin ergreift die flucht zu scuzzi.

Wer waren die leute? warum flieht er?

Hat jemand dazu vielleicht eine Idee?

11.06.2012 22:11:30
uknig

Manches wirkt manchmal eine Spur zu aufgesetzt in Sprache und Haltung, dennoch ist die Geschichte um den Mülheimer Privatdetektiv Kristof Kryszinski durchaus empfehlenswert. Spannende Geschichte, witzige Dialoge, interessante Charaktere, schön unpolitischer Humor und Lokalkolorit aus dem Ruhrgebiet - Rotzig & Rotzig von Jörg Juretzka hat mir gut gefallen. Und auch ich habe den Autor zu meiner Schande erst jetzt entdeckt. Aber er steht nun auf meiner Literatur-Liste weit oben.

16.01.2012 20:01:02
JaneM.

Wie konnte das bloß passieren??? Da lebt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Krimiautor, der mich für Lokalkrimis begeistert. Der herrlich ehrlichen, politisch unkorrekten Humor und Ruhrpott- Bauernschläue kultiviert und mit schrillen Typen eine extrem unterhaltsame Krimihandlung zaubert!- Und ich merke es erst bei Nummer 9- peinlich. Aber besser spät als nie.
Wild! 100 °

03.01.2012 20:14:18
Banon

"Rotzig & Rotzig" ist mein erster Versuch mit Jörg Juretzka und seinem Privatdetektiv Kristof Kryszinski und gleich eine Entdeckung! Von meiner eigenen "laufenden" Nase abgesehen (vielleicht hat diese den Ausschlag für die Wahl des Buches gegeben...), habe ich mich großartig gefühlt, bei diesem kurzweilig zu lesenden Krimi. Ehrlich gesagt, die Krimihandlung war mir bald nicht mehr so wichtig. Mein Augenmerk richtete sich auf diese wunderbar witzige Sprache, auf den schnoddrigen Ton, der so manches Mal ausspricht, was sich sonst keiner trauen würde zu sagen.

Eine straffe Handlungsführung und einen Helden, der eben nicht nur locker redet, sondern durchaus ernsten Gewissens versucht auszubaden, was er verzapft hat, machen dieses Buch nicht nur zu einer reinen Komödie, sondern zu einem komplexeren Krimi mit ernsthaftem Hintergrund.
Schöne Milieustudien, hinreißend komische Dialoge und Alltagsszenen lassen dieses Buch zu einer Unterhaltungslektüre der besonderen Art werden.

Wer also beim Lesen mal wieder lachen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Vielleicht trifft der Humor von Juetzka ja ins Schwarze! Bei mir war es so!

06.12.2011 19:40:18
koepper

Man fängt an zu lesen und ist mittendrin. Juretzka macht nicht lang rum, er kommt gleich zur Sache. Von der ersten bis zur letzten Seite schreibt der Autor flüssig und spannend. Mit Nebensächlichkeiten gibt er sich nicht ab. Kein Satz zu viel, ist wohl seine Maxime. Mir gefällt das ausgesprochen gut. Juretzka hat Humor, das zeigt sich deutlich in seinen komischen Dialogen. Dennoch behandelt er ein ernstes Thema - Kindesmissbrauch. Mit Fortgang der Geschichte treten die komischen Momente mehr und mehr in den Hintergrund und wir lesen eine sehr ernste, traurige Geschichte. Gegen Ende trägt der Autor etwas dick auf. Aber das stört den Gesamteindruck nicht. Wirklich empfehlenswert.

10.08.2010 08:51:52
Janko

Rotzig & Rotzig ist eine im Laufschritt erzählte Story von etwas über 250 Seiten. Die Handlungsstränge sind derart komprimiert, dass sie sich beinahe zu überschlagen drohen. Stets mit Wortwitz und einer gehörigen Portion Sarkasmus ausgestattet, hechtet Privatdetektiv und vorübergehend Hausmeister Kristof Kryszinski nicht nur durch die Mühlheimer Ober- und Unterwelt. Nein, diesmal findet ein Teil des Plots den Weg nach Luxemburg. Die Story ist interessant, glaubwürdig, hart, bitter, aber mit einem derart schlagfertigem Wortwitz ausgestattet, dass es einem schwer fällt, das Buch vorzeitig aus der Hand zu legen! Prädikat: besonders wertvoll!!!
Meiner Wertung: 90°

31.05.2010 17:48:08
el Tacco

"Rotzig und Rotzig" ... von mir gibt es 100°

Ich kann mich dem Vorkommentar nur anschließen.
Schon bei "Alles total groovy hier" spürte man eine gewisse positive Kursänderung. Die witzigen Momente gibt es durchaus auch noch. Jedoch wird es mit zunehmender Seitenzahl ernster und spannender. Man ist ab einer gewissen Stelle kaum noch in der Lage das Buch aus der Hand zu legen.

Ich kann es jedem nur empfehlen. Juretzka ist ein Gewinn pur des deutschen Krimis.

13.03.2010 14:37:07
mase

Zur Handlung sagt die Krimi-Couch „in Kürze“ schon alles – das muss nicht ergänzt werden.

Lobesreden auf Juretzka werden auch langweilig, darum nur soviel: „Rotzig & Rotzig“ bekommt von mir 100 Grad. Diejenigen, die immer noch der Meinung sind, dass die Begriffe „Krimi“ und „Deutschland“ nicht zusammen passen, sollten vielleicht dieses Buch lesen.

Nicht nur Kryszinski wirkt „erwachsener“, auch aktuelle Themen wie soziale Mißstände und Kindesmissbrauch unterscheiden diesen Teil der Reihe von den Vorgängern. Früher waren Kristofs Fälle doch eher Beiwerk, während es von einem Lacher zum nächsten ging. Auch dass Kristof das Gewissen plagt wie hier, hätte ich bei „Sense“ noch für unmöglich gehalten.

Persönlich würde ich mir von Juretzka wieder ein Abenteuer mit den Stormfuckers wünschen, oder mit Scuzzi oder Jochen in einer Co-Hauptrolle. Lacher und politisch Unkorrektes auf jeder Seite, aber 9 Kryszinski-Fälle, einer besser wie der andere und immer wurden meine Erwartungen erfüllt. Was will ich also mehr. Vielen Dank dafür.

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