Equinox

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • München: Ullstein, 2003, Seiten: 287, Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2004, Seiten: 287, Originalsprache

Couch-Wertung:

90°
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Lars Schafft
Bitterböse, schreiend komisch, kultverdächtig. Mehr davon!

Rezension von Lars Schafft Jun 2003

Krimi-Couch-Volltreffer Juni 2003

Ja, ja, eine Seefahrt, die ist lustig. Privatdetektiv Kristof Kryszinski aus Mülheim/Ruhr kann ein Liedchen davon singen. An Bord der "Equinox" ist jedoch sehr schnell Schluss mit lustig und aus dem vermeintlich lauen Job als 2. Borddetektiv wird schon nach kurzer Zeit auf hoher See bitterer Ernst: Steward Wassilij hat´s erwischt, beziehungsweise jemand hat ihn erwischt. Denn so richtig will Kryszinski die Selbstmordthese von Bordarzt Dr. Koethensieker nicht glauben. Ist nun auch wirklich nicht einleuchtend, dass sich der Steward selbst umgebracht hat, indem er sich mit einem Draht den Kopf im Maschinenraum abtrennte. Trotzdem gilt Ermittlungsverbot, Käptn Zouteboom will keinen Ärger auf der Kreuzfahrt gen Polarmeer, die betuchten Passagiere hätten nun mal für einen stressfreien Urlaub bezahlt und da käme ein so brutaler Mord - verständlich, verständlich - mehr als ungelegen.

Kryszinski und Kollege Jochen Fuchs halten allerdings nicht viel von den Befehlen des Kapitäns und erheben in einer Nacht-, Alkohol- und Nebelaktion still und geheim den Arm der Gerechtigkeit. Die Leiche müsse an Land obduziert werden, doch wie, wenn Zouteboom schon für den nächsten Tag das Seebegräbnis angesetzt hat? Not macht erfinderisch und so tauschen die beiden Borddetektive den Leichnahm gegen allerhand Utensilien aus der Kombüse und Jochens neue Turnschuhe aus. Den kopflosen Steward bringen sie in ihrer gemeinsamen Kabine unter. Und tatsächlich: Bei der Beerdigung nimmt die Crew Abschied von einem Sack Reis, etlichem Gemüse und eben Jochens Sporttretern.

Wie kühlt man eine Leiche bei 28°?

Ein Problem gelöst, türmen sich direkt wieder neue vor den beiden Detektiven auf. Bei einer Leiche soll es nicht bleiben, die erste werden sie wegen abgesagten Landgangs nicht los (dafür will sie gekühlt werden, aber wie bei 28° Kabinentemperatur?) und als wenn das noch nicht reichte, spielt das Abrechnungsverfahren der Kreditkarten "Ginza-Titanium" verrückt. Ein achtstelliger Dollarbetrag für ein paar Kippen erscheint nicht nur dem stinkreichen Ami Richard E. Scott etwas teuer...

"Dirty Jörg" Juretzka is back! Nach "Fallera", für das er eine Glauser-Nominierung erhielt, legt der Mülheimer mit "Equinox" ordentlich nach. Wieder verfängt sich Kristof Kryszinski, bekokst, bekifft oder betrunken, in einen Fall weit entfernt seines Ruhrpotts. Und diese Kreuzfahrt mit der "Equinox" ist der reinste Spaß. Kein Satz ohne abstruser Situationskomik, die Dialoge sind herrlich, die schrägen Paradiesvögel an Bord tun ein Übriges.

Männerverschlingende Rentnerinnen auf Dope

Zwar keine Rede mehr von den "Stormfuckers", Kryszinskis Motorradgang aus Mülheim, dafür mit Jochen Fuchs, einem bemühten, arg pflichtbewussten (wer bringt schon einen Monat vor Ablauf seinen Wagen zum TÜV?), jeglichen Drogen aber nicht weniger abgeneigten Berufspendant, eine neue, eigenständige Figur. Und Scuzzi, Kryszinskis langjähriger italienischer Wegbegleiter, Drogenlieferant und Joint-Junkie, ist auch wieder dabei. Diesmal als DJ(!), der seinen ermittelnden Freund mit Evergreens à la Stevie Wonder und Whitney Houston permanent zur Weißglut bringt. Einfach klasse: Alle Charaktere vom Protagonisten Kryszinski über den russischen Pianisten Fürst Fjodr Fjodorov Tsarinski bis hin zu den männerverschlingenden Rentnerinnen auf Dope und dem Chef der Schiff-Security Antonov (wegen seines Körperbaus das "rote Quadrat" genannt) sind ein schieres Vergnügen und alle - auf ihre eigene Art - schrecklich liebenswert.

Trotz allen Humors: "Equinox" ist mit Sicherheit kein Krimi-Klamauk. Juretzka hat auch einen astreinen Plot gezimmert, nie vorhersehbar, mit so mancher falschen Fährte, actiongeladen, temporeich. Was anfangs noch nach Blödelei mit kriminellem Touch aussehen mag, entpuppt sich als gut durchdachte Story mit im Sinne des Wortes bombigen Finale und zahllosen Pointen, jede davon ein ungeschützter Frontal-Angriff auf die Lachmuskeln.

Sprachlich frisch, aber am Rand der Schnodderigkeit

Juretzkas Sprache ist dabei jung und frisch, nie zurückhaltend, gelegentlich derbe, ironisch, manchmal am Rand der Schnodderigkeit und hebt sich damit wohltuend von der Geschwätzigkeit so mancher (Regio-)Krimis ab. Jedermanns Sache ist die Sprache sicherlich nicht, vor allem wenn Juretzka zum verbalen Rundumschlag ausholt:

 

Hollywoodlegende, Actrice und Diseuse Lilly Lovejoy hatte einen Atem wie eine frisch geöffnete Dose Katzenfutter. Die den ganzen Sommer im Auto gelegen hat. Auf der Hutablage. In einem schwarzen Wagen ohne Klimaanlage.

 

 

 

God didn´t make little green apples, and it don´t rain in Indianapolis, umschmeichelte es die Dutzend und Aberdutzend von reglos ihr Mittagessen verdauenden Deckstuhlbeschwerern, die furzend und schnarchend die sonnige Windstille vor ausgerechnet unserer Kabine goutierten.

 

Bissiger und witziger als Harald Schmidt, spritziger als jeder andere deutsche Krimi-Autor, hat Jörg Juretzka mit "Equinox" einen formidablen Krimi-Cocktail aus Privatdetektiv-Satire, klassischem Whodunit, Agentenroman und Verschwörungsgeschichte gemixt, der kein Auge trocken lässt. Bitterböse, schreiend komisch, kultverdächtig. Mehr davon!

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