Alles total groovy hier

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Rotbuch, 2009, Seiten: 224, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 251, Originalsprache
  • Leipzig: Buchfunk, 2010, Seiten: 5, Übersetzt: Thomas Dehler

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Lars Schafft
Aber so was von

Buch-Rezension von Lars Schafft Dez 2008

Er hat ihn schon auf eine Kreuzfahrt Richtung Polarmeer und in den Wilden Westen geschickt. Im nunmehr achten Fall für Kristof Kryszinski, Privatdetektiv aus Mülheim/Ruhr, ist Spanien an der Reihe. Sein Kollege "Schisser" von der Bikergang "Stormfuckers" war mit seinem Bock und 180.000 Euro in der Tasche nach Andalusien aufgebrochen, um den Jungs eine neue Heimat in Form einer großen Ranch zu suchen. Doch Schisser verschwand spurlos. Gemeinsam mit Kumpel Pierfranceso Scuzzi macht sich Kryszinski auf Spurensuche an der Costa de la Luz - und landet erstmal auf einem Hippie-Campingplatz.

Auf dem fühlt sich der knuffelige Scuzzi dabei auch noch pudelwohl: freie Liebe, Rauchen, was Lunge und Joint hergeben, Lagerfeuerromantik. Klare Sache, dass der Italiener, der "in Verhöhnung des eigenen Namens kein über das Vokabular eines türkischen Pizzaboten hinausgehendes Wort Italiensch" spricht, für viel Freude bei eingefleischten Juretzka-Fans sorgt, wurde er doch in so manchem Vorgängerband arg vermisst. Doch auch er soll - nicht in erster Linie, aber dennoch ordentlich - eins auf die Fresse bekommen. Oder um in Juretzkas Sprache zu bleiben: gefickt werden.

Ja, die Schreibe des Mülheimer Autors, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Ruhr, ist nichts für Muttersöhnchen. Irgendwo zwischen Gosse und intelligenter Ironie und Lakonie sorgt sie dennoch für häufige Schmunzler und kräftige Lacher. Was vor allem der Protagonist, Kristof Kryszinski ("spricht sich, wie man's schreibt"), verkörpert.

Er, die Mischung aus "Thomas Gottschalk und Achim Mentzel", ein waschechter Gumshoe-Investigator (Detektiv auf Gummisohlen - er trägt Turnschuhe), hat in Alles total groovy hier im Gegensatz zum Leser bis auf eine aufregende menage à trois allerdings wenig zu lachen. Von Schisser fehlt jede Spur, im Camp ist man seiner Ruhrpott-offenen Art alles andere als aufgeschlossen und zudem fehlt ein kühles Blondes - "Bier, dachte ich" - kein Einzelfall, dieser Satz.

Dazu kommt bald die im wahrsten Sinne ernüchternde Erkenntnis, dass seine Mission wohl ein Schlag ins salzige Wasser des Atlantiks werden wird. Was der in seinen Tiefen vor der andalusischen Küste für üble Überraschungen bereit hält, verschlägt dann aber selbst dem taffen Kristof die Sprache...

Alles total groovy hier ist also nur auf den ersten Blick, genauer gesagt in der ersten Hälfte, etwas, was man einen Spaß-Krimi nennen kann. Hier, auf gut hundert Seiten strapazieren das Traumduo Kristof und Scuzzi sowie noch einige andere schräge Vögel die Lachmuskeln, wie man es von Jörg Juretzka her kennt. Dann nimmt das Überhand, was sich bereits im Vorgänger Bis zum Hals andeutete: Die Thematik wird ernst, es wird brandgefährlich und actionreich. Die Story kippt, Zeit für Zoten ist nicht mehr.

Ohne die gelungene Schlusspointe bliebe am Ende des äußerst unterhaltsamen und in der zweiten Hälfte auch ordentlich spannendem Krimis ein ziemlich bitterer Beigeschmack, denn was sich hinter dem ach so groovigem Hippie-Camp und hinter Schissers Verschwinden tatsächlich verbirgt, gehört wohl zu den traurigsten Entwicklungen im Europa der Gegenwart und steht so in völligem Kontrast zum bekannten Juretzka-Jux-Faktor.

Passt das zusammen, gesellschaftskritische Aspekte in den Mittelpunkt eines Kryszinski-Falles zu stellen und anderseits munter policital völlig incorrect von "Negern" und "Zigeunern" zu reden? Keine Sorge, das tut es. Denn zwischen diesen beiden Polen - kein beabsichtiges Wortspiel angesichts Kristofs Nachnamens - lässt Juretzka nie den Charakter seiner Hauptfigur aus den Augen: Denn in ihr steckt eben nicht nur Thomas Gottschalk und Achim Mentzel, sondern eben auch eine große Prise Schimanski. Harte, blödelnde Schale, weicher, menschlicher Kern.

Damit soll Juretzka bloß weitermachen, wenngleich Romanausflüge fernab des Ruhrpotts nicht ganz an die Krimis heranreichen, wo Kryszinski in seinem Revier ermitteln darf. Dort ist er immer noch am glaubhaftesten - und zu Hause kriegt man immer noch am schönsten eins auf die Fresse. "Rum, dachte ich. Aber so was von."

Alles total groovy hier

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Letzte Kommentare:
05.06.2018 08:50:52
juanchito

eines von juretzkas besten bücher, auf jeden fall zu empfehlen und auch wieder herrlich aktuell, schräg witzig zum rausbrüllen, doch dann wieder so real entsetzlich, dass einem das lachen im hals stecken bleibt. mit der flüchtlingsthematik und der kapitalistischen ausschlachtung selbiger schlägt er wieder ein wichtiges kapitel auf. sprachlich auch wie immer top. hab alle krüschels gelesen, alles groovy hier und rotzig&rotzig sind meine favoriten.

27.12.2017 23:12:34
Gabriele Sieg

Jörg Juretzka schreibt ein herrlich witziges Buch, das man nur zur Seite legen muss, um laut zu lachen.
Intelligenter Witz und Ruhrgebietsschnoddrigkeit passen wunderbar zusammen.
Und wie kommt der Autor bloß immer auf diese sensationellen Vergleiche, frage ich mich. Ich bin stets begeistert und neidisch.

28.05.2014 23:34:26
Anne Damm

Interessanter und sicher auch aktueller Plot, schneller, spannender Schreibstil mit Humor - trotz allem.
Teils ein bißchen viel Klischee, passt aber noch.

Lesenswert.

Gruß, Anne

P.S. muss noch mehr schreiben, Würze durch Kürze ist hier wohl nicht inn.
Also bitte nicht meckern, wenn jetzt ein Haufen Punkte folgen.

24.04.2012 21:47:44
JaneM.

Juretzka schafft es, entlarvenden Ruhrpott- Charme höchst humoristisch mit spannender Krimihandlung und der karikierenden Beschreibung der Hippiekommune zu vereinen. Und zwar so, dass alles passt. Es gelingt ihm, dem spanischen Pseudo- Goa eine bedrohliche Atmosphäre zu verleihen. Skrupellose, brutalste Machenschaften ohne reißerischen Effekt in die Handlung zu bauen- und gleichzeitig und genauso stimmig, die Versuche Kryszinski's, mit seinem bei der tauben Nachbarin verbliebenen Hund zu telefonieren, einzubauen.
Großartig.

24.07.2010 08:57:32
Frank

Kryszinski und Scuzzi verschlägt es im Auftrag der Stormfuckers in das sonnige Spanien. Da diese dort eine Ranch erwerben wollten, hatte man "Schisser", ebenfalls Mitglied,mit 180.000 Euro ausgerüstet, vor Wochen dorthin geschickt. Und seitdem nichts mehr von ihm gehört.
Man landet in einer Art Hippiecamp - und insbesondere Scuzzi wähnt sich im Paradies. Kryszinski hingegen - auch mangels Biernachschub- schwer genervt, traut dem Braten nicht. Und nach und nach entpuppt sich das sonnige Spanien samt Aussteigercamp eher als Vorhof zur Hölle.
Obwohl natürlich auch hier der Juretzka eigene Humor nicht zu kurz kommt, fällt doch auf, dass die Gewichtung sich mehr und mehr Richtung "klassischer" Kriminalroman verschiebt.Und wie schon in der Redakionsrezension angemerkt - das funktioniert auch einwandfrei.
Unbedingt empfehlenswert.
90%.

27.04.2010 21:02:14
el Tacco

Ich bin auf "Alles total groovy hier " nur zufällig gestoßen. Mein Lieblings-Radiosender MDR Sputnik machte mir dieses Buch schmackhaft.

Fazit, ohne große Worte:
- Sensationell
- Es gibt einen neuen Fan
- "Rotzig und Rotzig" schon bestellt
- Vom langen Lesen früh oftmals übermudet

Ich kann es nur weiterempfehlen

13.05.2009 17:56:07
rosentot

Dieses Buch hat mich total positiv überrascht. Ich konnte es nicht aus der Hand legen, bis ich es durch hatte, in 2 Tagen. Gute, witzige Geschichte, coole
Sprüche ohne Ende. Eine unterhaltsame, fröhliche Schreibweise wie ich sie bei Krimiautoren noch nicht gefunden habe.
Über den Inhalt möchte ich nichts weiter sagen, lest selbst über Motorradrocker, Hippies und das ganz besondere Lebensgefühl...
Absolut empfehlenswert!!
Ich jedenfalls werde weitere Juretzka-Werke lesen.

22.02.2009 22:42:52
mase

Der Motorradclub Stormfuckers muss expandieren, in Mühlheim Ruhr sitzt ihnen die Kripo im Nacken. Also wird „Schisser“ , bestens bekannt aus den früheren Büchern, mit 180.000 Euro nach Spanien geschickt, um am Meer ein passendes Clubhaus zu erwerben. Als man Tage später nichts mehr von ihm hört, erinnert sich die Clubführung an die detektivischen Fähigkeiten von Kryszinski. Also wird dieser ihm und der Kohle kurzerhand nachgeschickt.

Die letzte Spur von Schisser führt Kristof und seinen Begleiter Scuzzi auf einen Campingplatz, der zu einer Hippie Kommune umfunktioniert wurde. Bald stellt sich raus, dass man auf Kristofs Fragen nur mit Lügen antwortet und zu allem Frust, gibt es bei 30 Grad weit und breit kein kaltes Bier. Ich konnte mich sehr gut in ihn hineinversetzten, als ihm anstatt eines eiskalten Bieres eine Buttmilch angeboten wurde. Blumenkinder, gelebte Liebe und Müsli treffen auf Kryszinski. Das kann nur heiter werden.

Kristof und Scuzzi rutschen von einer schreiend komischen Situation in die nächste. Wie immer trifft Juretzkas Humor punktgenau und beschreibt Personen und Situationen trefflich. Je weiter das Abenteuer fortschreitet, desto mehr entwickelt sich der Krimi, bei dem es um weit brisantere Dinge, als einen verschwundenen Rocker geht, und endet in einem absoluten Thrillerfinale.

Sehr gut gefällt mir die spezielle Art Juretzkas. Wenn Kristof eine Spur findet, wird das Ergebnis oftmals nicht „ausgesprochen“, wenn er in eben diesem Moment abgelenkt wird. Erst viele Seiten später wird dieser Faden dann wieder aufgenommen, wenn er wieder die Zeit findet, darüber nachzudenken. Dieser Kniff macht die Ermittlungsarbeit in meinen Augen authentisch.

„Alles total groovy hier“ ist nicht sein bestes Buch, aber Juretzkas Schreibe ist mit seiner herrlich komischen Sprache eine wohltuende Abwechslung. Schade, dass es nicht mehr Autoren dieser Art gibt.