Ins Leben zurückgerufen

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Europa, 2004, Seiten: 384, Übersetzt: Xenia Osthelder
  • München: Knaur, 2008, Seiten: 528, Übersetzt: Xenia Osthelder
  • London: HarperCollins, 1992, Titel: 'Recalled To Life', Originalsprache

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Michael Drewniok
Boshaft-witzige ´Real´-Fassung des guten, alten Briten-Krimis

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2004

1963 wurde England von der Profumo-Affäre (Minister der Krone schläft mit Freudenmädchen, das auch einen hohen Sowjet-Offizier zu seinen "Kunden" zählt) erschüttert. Zum Entzücken der Presse und zum Entsetzen der Bürger gerieten die Ermittler in ein Dickicht aus Korruption, Amtsmissbrauch und sexuellen Exzessen, die sowohl das Kabinett als auch das Königshaus traulich zu einen schien. Es bedurfte vieler illegaler Machenschaften seitens der Betroffenen, in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst eine ganze Kette von Skandalen zu vertuschen. Einige unglückselige Sündenböcke wurden dabei geopfert.

Die Situation blieb heikel, die Machtelite nervös. Nichts war in dieser Lage gefährlicher als ein neuer Zwischenfall. Doch genau dazu kam es auf dem Landsitz von Lord Ralph Mickledore. Dort starb in der Waffenkammer Pamela, Gattin des US-amerikanischen Diplomaten James Westropp, durch einen Schrotschuss in die Brust. Als Täter identifizierte der mit dem Fall beauftragte Superintendent Tallantire Sir Ralph höchstpersönlich, der mit der Verstorbenen ein Verhältnis unterhielt, das zu beenden diese sich weigerte. Mickledore fand für seine Bluttat eine Komplizin: Cecily Kohler, das Kindermädchen der Westropps, war angeblich ebenfalls die Geliebte des Lords und diesem hörig.

Der gehängte Sir Ralph und die mächtigen Männer

Sir Ralph wurde kurz vor der Abschaffung der Todesstrafe 1964 gehängt. Noch unter dem Galgen hatte er seine Unschuld beteuert. Cecily Kohler verbüßte eine lange Haftstrafe. Nie gelang es, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, denn unter den Gästen befanden sich an dem verhängnisvollen Wochenende auf Mickledore ein Minister, zwei hochrangige Diplomaten sowie ein reicher und spendabler Geschäftsmagnat - Männer, die alle Hebel in Bewegung setzten, sich aus dem Ermittlungsverfahren zu stehlen.

Fast dreißig Jahre später wird Cecily Kohler endlich begnadigt. Sie und Sir Ralph sind einst Opfer eines Justizirrtums geworden. Den Fehler hat anscheinend der fehlgeleitete Tallantire begangen. Das bringt dessen besten Schüler und Freund auf den Plan: Als junger Polizist war Andrew Dalziel an der Mickledore-Untersuchung beteiligt. Heute ist er Chief Superintendent der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire. Er will den Ruf des inzwischen verstorbenen Vorgesetzten wahren. Außerdem spürt er, dass da etwas faul ist: Schon wieder mischen sich hohe Politik und Geheimdienst in den Fall. Sie zittern vor möglichen Memoiren der Kohler, die daher zum Schweigen verpflichtet wurde. Wichtige Ermittlungsdokumente von 1963 verschwinden. Dalziel werden berufliche Konsequenzen angedroht, wenn er sich einmischt.

Ein Spiel der Tarnung und Täuschung

Mehr braucht es nicht, den ebenso unerschrockenen wie genialen Polizisten auf die Palme zu bringen. Dalziel "überredet" seinen widerwilligen Stellvertreter Peter Pascoe zur Unterstützung. Beide sehen sich gezwungen, an einem Spiel der Tarnung und Täuschung teilzunehmen, das Dalziel in die USA und Pascoe unter die selbst ernannten Elite Englands bringt, die viel zu verlieren hat und nicht gewillt ist, sich wie der normalsterbliche Bürger dem schnöden Gesetz zu unterwerfen...

Ein Adelssitz auf dem Land, bevölkert von höchst elitären Herren, ihren Gattinnen und zahlreichen Bediensteten. Es wird gespielt, gejagt - und gemordet. Die Polizei kommt ins Haus und ermittelt den Täter, der im Rahmen einer Zusammenkunft aller Verdächtigen in der Bibliothek demaskiert wird. Kommt uns das nicht sehr bekannt vor? Agatha Christie, Margery Allingham und 1001 andere Kriminalschriftsteller haben mit der Variation dieses Plots lebenslange Karrieren realisiert und ein eigenes Genre kreiert: den Whodunit-Thriller ("Wer ists gewesen?"), dessen ganz große, "goldene" Ära etwa mit dem Zweiten Weltkrieg verblasste, aber niemals endete.

Nostalgischer Krimispaß beruht auf solidem Fundament realer Vergangenheit

Heute ist der Whodunit beliebter denn je, gilt er doch als Genre-Nische, in der die eher dem nostalgischen Krimispaß verbundenen Leser/innen Platz nehmen. Sie verabscheuen das reale Verbrechen und seine literarische Bearbeitung und lassen sich lieber in eine Welt kauziger Herzöge, knorriger Offiziere, kichernder Dienstmädchen und gewitzter Detektive versetzen, in der auf der letzten Seite stets die Gerechtigkeit siegt und mindestens einmal geheiratet wird.

Doch dieser Whodunit ruht auf einem soliden Fundament realer Vergangenheit, die seinen Erfolg ausmacht, so Reginald Hill. Das "alte" England war eine Klassengesellschaft, die einer schmalen Oberschicht die Macht garantierte, während sich die Minderprivilegierten in ihr Schicksal fügten und sich führen ließen. Harmonie war dennoch nicht das Ergebnis. Hill führt uns vor Augen, dass zwischen der historischen Realität und ihrer literarischen Interpretation eine gewaltige Lücke klaffte. Deshalb verfasste er, der sich mit beidem vorzüglich auskennt, einen Thriller, der diese schließt. Das Ergebnis ist ein weiterer Höhepunkt der ohnehin großartigen Krimiserie um Andrew Dalziel und Peter Pascoe.

Britischer Klassenk(r)ampf

Hills Oberschicht lässt ihre angebliche geistige Überlegenheit vollständig vermissen. Statt dessen beschäftigt sie sich damit, unter Ausschluss der lästigen Öffentlichkeit um Macht und Geld zu schachern. Gedeckt und sogar unterstützt wird sie dabei von der Polizei und vom Geheimdienst, deren obere Ränge sich dafür im Randbereich der Mächtigen aufhalten und deren gnädig zugeworfenen Brotsamen picken dürfen, aber noch immer dem Dienstvolk gleichgestellt bleiben.

Die Solidarität mit der eigenen Klasse wird von der selbst ernannten Elite oft beschworen. Dass sich niemand daran hält, muss zuerst der unselige Lord Mickledore erfahren, der noch mit der Schlinge um den Hals darauf wartet, von "den Jungs" gerettet zu werden, um dann in der stolzen Gewissheit, als echter Gentleman seinen Mund gehalten zu haben, in den Tod zu gehen. Der Ehrenkodex der Oberschicht dient jedoch nur ihrem Erhalt. Notfalls wird das schwächste Mitglied der Herde geopfert.

Daran hat sich noch an der Wende zum 21. Jahrhundert wenig geändert. Die Drahtzieher müssen inzwischen unauffälliger agieren, aber ihr Netzwerk steht weiterhin. Es hat sich sogar entwickelt - Dalziel muss feststellen, dass es bis in die USA reicht: Geld & Macht sprechen eine internationale, grenzüberschreitende Sprache.

Eine Schutzschicht aus Fett und Dreistigkeit

Dieser Andrew Dalziel ist eine der wahrlich prägnanten Figuren der Kriminalliteratur. Immer wieder lässt uns Verfasser Hill neue Seiten an ihm entdecken. Unter der Schutzschicht aus Fett und Dreistigkeit verbirgt sich ein messerscharfer Geist. Das war uns bekannt, aber nun lernen wir außerdem, dass Dalziel ein geschickter Intrigant und nicht nur rücksichtslos, sondern unbarmherzig sein kann, wenn es seinem persönlichen Sinn für Gerechtigkeit entspricht.

Meisterhaft hält Hill die Balance zwischen Ernst und Humor. Man weiß zwar, dass sich hinter Dalziels groben Scherze mancher kriminalistische Schachzug verbergen kann. Trotzdem überrascht er uns immer wieder, wobei Hills Talent für Hakenschläge in der Handlung zum Tragen kommt. "Ins Leben zurückgerufen" ist in dieser Beziehung womöglich sogar ein bisschen zu kompliziert geraten. Bis zur letzten Zeile bleibt die Ungewissheit, was sich 1963 nun tatsächlich ereignet hat. Immer neue Interpretationen, Sackgassen und Lügen werden aufgetischt, bis die Verwirrung nahezu komplett ist - und bleibt.

Dalziel in Amerika ist ein nur bedingt gelungenes Experiment. Dieses Land ist selbst für den unwiderstehlichen Superintendent zu goß, obwohl er sich wacker bemüht, Spuren in den "Kolonien" zu hinterlassen. Dennoch haben wir vielleicht schon einige "Ein Engländer in New York"-Scherze zu viel gehört, um über diese lauthals in Gelächter auszubrechen.

Bonsaimarxistisches Eifertum der Ehefrau

Peter Pascoe muss sich dieses Mal mit einer Nebenrolle begnügen. Seine Eheprobleme sollen ihn präsent halten, aber sie sind wenig fesselnd, sondern eher lästig geraten. Ellie Pascoe, ihr bonsaimarxistisches Eifertum und der stetige Kontrast zu einer daran zunehmend weniger interessierten Gegenwart bieten heute keinen besonderen Unterhaltungswert mehr.

Dass Hill politisch eher links orientiert ist, weiß er in seiner Schilderung der Schicksalsgefährten von Mickledore wesentlich eleganter in die Handlung zu integrieren. Die Arroganz der Macht und ihre Selbstverständlichkeit werden beißend überzeugend geschildert. Viele Spitzen gegen das zum Zeitpunkt der Niederschrift (1992) noch sehr präsente England der Margret Thatcher und das "Abkoppeln" politisch und wirtschaftlich "nicht profitabler" Gesellschaftsgruppen fallen. Hill urteilt hier bitter und sieht England in einer nicht wirklich gebrochenen Entwicklung, welche die Vergangenheit von 1963 mit der Gegenwart von 1992 verbindet und auch die Zukunft bestimmen wird: Das Establishment lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen, auch wenn es sie dem einfachen Bürgervieh von der Scheibe kratzen muss.

Nicht ganz einfaches, aber lohnenswertes Leseerlebnis

Viel Mühe hat sich Hill mit der Figur der Cecily Kohler gegeben. Wer ist diese Frau, muss man sie als unschuldiges Justizopfer bemitleiden? Ist sie doch schuldig und einfach nur manipulativ und geschickt darin, das Gegenteil zu suggerieren? Alles ist möglich, aber nichts trifft wirklich zu. Dem Leser fällt es - so hat es Hill geplant - außerordentlich schwer zu einem Urteil zu kommen. Kohler ist ein undurchschaubares Mirakel, gleichzeitig zerbrochen und hart geworden durch jahrzehntelange Haft. Sie ist Opfer und Täterin gleichzeitig. Was das bedeutet, vermag uns Hill mit überraschender Empfindsamkeit, aber ohne Gefühlsduseligkeit nahe zu bringen. Es rundet ein nicht ganz einfaches, doch durchweg lohnendes Leseerlebnis gebührend ab.

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