Der Schrei des Eisvogels

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • London: Crime Club, 1994, Titel: 'Pictures of perfection', Seiten: 303, Originalsprache
  • München: Knaur, 2004, Seiten: 463, Übersetzt: Anke Kreutzer

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Thomas Kürten
Ein Krimi, der gar keiner ist

Buch-Rezension von Thomas Kürten Aug 2003

In den abgelegenen Tälern Yorkshires, umgeben von saftig grünen Hügeln und fruchtbaren Äckern, liegt so manches Dörfchen, in dem sich alte Traditionen bewahrt haben. Die Uhren ticken hier anders und das Leben folgt einem ruhigeren, langsameren Rhythmus. Das verschlafene Enscombe ist ein solches Fleckchen Erde. Die Familien leben hier nicht erst seit Jahrzehnten, sondern schon seit Jahrhunderten, und einmal im Jahr gibt es hier noch immer einen Abrechnungstag, an dem die Bauern des Tals ihre Pacht an den Lehnsherren zu richten haben. Alles hat seinen geregelten Gang und eigentlich gäbe es keinen Anlass für die drei Seargeants Dalziel, Pascoe und Wield hier aufzukreuzen. Außer vielleicht, wie Wield es macht, bei einem Ausflug mit seinem Motorrad.

Doch nur einen Tag nach Wields Ausflug verschwindet der junge Dorfpolizist und umsichtige Dorfbewohner, die den Streit des Polizisten mit dem "Motorradrocker" Wield am Vortag mitbekommen hatten, schlagen Alarm. Schnell wird klar, dass Wield keine Schuld treffen kann, aber das Verschwinden des Polizisten klärt sich dadurch nicht auf. Zunächst rücken Pascoe und Wield selbst, später auch Dalziel selbst in das idyllische Dörfchen aus. Jedoch ein Idyll das trügt...

Die Idylle trügt

Sie gewinnen Einblick in das Leben der Lehnsfamilie Guillemard, ihren ewigen Widersachern von der Familie Halavant, der Creeds, Tokes, des schwulen Antiquars Digweed, Pastor Lillingstone und der Schwestern Scudamore. Sie stoßen auf Argwohn und Misstrauen und können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Einwohner etwas vor den Eindringlingen standfest zu verbergen suchen. Die begnadete junge Malerin Caddy Scudamore scheint mit ihren Reizen sämtliche Männer des Tals um den Verstand zu bringen und kann sich vor Verehrern nur durch die inflationäre Vergabe von einem Korb nach dem anderen retten, den bekannten Journalisten Halavant scheint es kaum zu stören, dass ein Bild aus seinem Haus verschwunden ist, in Buchhandlung und Post wird eingebrochen, ohne das offenbar etwas wertvolles entwendet wird. In der Familienchronik der Guillemards offenbaren sich nach und nach einige Ungereimtheiten und es verhärten sich die Gerüchte, dass der verschwundene Polizist ein triebhafter Lüstling ist, der andere Uniformträger geküsst hat und im Winter nackt durch die Gärten des greisen Lehnsherren geflitzt ist.

Lauter Nichtigkeiten wird sich nun der ein oder andere denken. Richtig! Und dennoch schafft es Hill, über 450 Seiten lang einen Spannungsbogen auf hohen Niveau aufrecht zu erhalten. Er teilt seinen Roman in fünf Bände ein und stellt jedem Band Tagebucheinträge oder Memoiren voran, die an Geschehnisse aus längst vergangenen Tagen beschreiben. Liest man sie mit großer Aufmerksamkeit, so kann man Momente in der Geschichte des Dorfes entdecken, in denen Gesetz und Ordnung gebogen und von der Verschworenheit der Dorfgemeinschaft in einen Mantel des Schweigens gehüllt werden.

Die Rosinen über den ganzen Roman verteilt

Wunderbar, wie Hill diese Rosinen auf seinen Roman verteilt hat. Er bedient sich aber auch noch eines viel fesselnderen Tricks, um seine Leser zu begeistern. Schildert er doch unmittelbar zu Beginn ein Massaker, einen Amoklauf im Dorf, um im nächsten Kapitel in der Chronologie genau zwei Tage zurück zu springen, just zu dem Moment, da Wield zum ersten mal mit seinem Motorrad durchs Dorf fährt und dem jungen Polizisten begegnet. Von hier an entwickelt sich die Geschichte nach und nach und man hat als Leser stets im Hinterkopf, worauf die Story hinsteuert. Der Leser begibt sich instinktiv auf die Suche des Amokläufers unter den Dorfbewohnern, macht ihn bald ausfindig, fragt sich dann nach seinem Motiv, findet auch dies und wartet dann auf die Tat.

Hill wagt viel mit diesem Roman. Man merkt ihman, dass er beim Schreiben dieses Romans vom Schalck getrieben war. All seinen Figuren verpasst er eine Extraportion Skurrilität, Dalziel drückt einen Spruch nach dem nächsten, ist gegen Ende aber ein ums andere mal sprachlos. Der oberkorrekte Wield säuft sich in einen Rausch und Pascoe wird von einem Dorfbewohnern einmal "derjenige von den dreien, der beinahe normal wirkt" genannt. Der Wirt der Dorfschänke weiß immer alles vor seinen Gästen und der senile Lehnsherr führt herrliche Selbstgespräche mit dem "zweiten Eckmann". Hill muss sich nach jedem Kapitel herzhaft die Schenkel geklopft haben, wie weit er seine Leserschaft, die hinter dem Dorfidyll das Schwerverbrechen vermuten, nun schon wieder in die Irre gejagt hat.

Das kann nur einem Meister wie Hill gelingen

Nur einem Meister wie Hill kann es gelingen, über 450 Seiten auf ein Ende hinzuarbeiten, das sich dem Leser erst gänzlich am Schluss des Romans erschließt. Die meisten vorher getroffenen Vermutungen verpuffen, es gibt Geheimnisse, die so ziemlich jedem bekannt sind und nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Besonders diese letzte Erkenntniss sollten bei der Lektüre niemals außer Acht gelassen werden.

Der Schrei des Eisvogels

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