Ihr wahrer Name

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte Press, 2001, Titel: 'Total recall', Seiten: 414, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2002, Seiten: 492, Übersetzt: Sonja Hauser
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 492, Übersetzt: Sonja Hauser

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Sabine Reiß
kein 0815-Frau als Detektivin-Roman

Buch-Rezension von Sabine Reiß Jun 2003

V.I. Warshawski wird von Isaiah Sommers beauftragt herauszufinden, warum die Ajax-Versicherung die Lebensversicherung seines verstorbenen Onkels nicht ausbezahlt. Angeblich soll sie schon vor ein paar Jahren zur Auszahlung gekommen sein. Die Privatdetektivin besinnt sich auf ihre alte Liebschaft Ralph, der bei Ajax die Leistungsabteilung leitet. Bei einem Besuch lernt sie dort Bertrand Rossy kennen, Chef der Edelweiß-Versicherung aus der Schweiz, die die Ajax vor kurzem übernommen hat. Beide sind nicht sehr kooperativ, aber sie erhält immerhin eine Kopie der damals eingereichten Sterbeurkunde.

Während dieser Untersuchung sieht sie im Fernsehen ein Interview mit einer Person namens Paul Radbudka, der sich durch Hypnose an seine Kindheit zurückerinnert: Er sei in Theresienstadt gewesen und hätte gesehen, wie seine Mutter in einer Kalkgrube umkam. Erst durch die Hypnose will er erfahren haben, dass sein richtiger Name Radbudka sei. Sein Ziehvater habe ihn gekidnappt, um nach Amerika auszureisen und sei Nazi-Kollaborateur gewesen. Zwei ihrer Freunde haben Interesse an diesem Fall: Der Freund ihres Geliebten, der ein Buch über die Therapeutin Rhea Wiell schreiben möchte, die die Erinnerung bei Paul Radbudka ausgelöst hat und Lotty Herschel, Vertraute und Freundin von Victoria, die selbst dem Konzentrationslager entkam, weil sie und ihr Bruder als Kinder von Österreich nach England geschickt wurden. Sie verbindet etwas mit dem Namen Radbudka, doch sie möchte die Hintergründe nicht offen legen, nicht einmal ihren Freunden Carl Tisov und Max Löwenthal, die sie schon seit den Kriegsjahren kennt und die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie sie.

Die Sache wird immer verzwickter für Victoria, als Paul Radbudka animmt, Max sei sein verlorengegangener Cousin und diesen belästigt, Rhea Wiell absolut keinen Einfluss auf den Patienten nehmen will und Demonstrationen vor der Versicherung stattfinden, die von zwei Parteien geführt werden: Die eine unter Führung von denen, die einen Gesetzesentwurf durchbringen wollen, dass Versicherungen ihre Geschäfte mit Holocaust-Opfern offen legen sollen und die andere unter Führung eines Schwarzen, der gegen dieses Gesetz ist, solange nicht die Opfer der Sklaverei ebenso eingebunden werden. Durch ihre Tätigkeit für Isaiah Sommers gerät sie unter Beschuss: eine Weiße, die nur die Versicherungen unterstützt, dabei will sie doch nur ihrem Klienten helfen.

Eine wahrlich verzwickte Situation, die Sara Paretsky für ihre Detektivin V.I. Warshawski hier bereithält. Wie eine wildgewordene Flipperkugel springt sie durch Chicago, so nennt es zumindest jemand aus ihrem Bekanntenkreis. Irgendwie scheint sie zunächst nicht so recht vorwärts zu kommen, immer wieder gehemmt von Ereignissen, die sie nicht beeinflussen kann. Als Leser verspürt man richtiggehend die Spannung, unter der Victoria steht, fiebert mit ihr mit, wenn sie Ergebnisse erzielt und ist enttäuscht, wenn sie wieder zurückgeworfen wird. Spannender als der Fall von Isaiah Sommers ist die Geschichte von Lotty Herschel, die in einigen Einschüben erzählt wird, begonnen mit den Kindheitserinnerungen, bzw. die Story von Paul Radbudka und seiner Hypnose. Dass das alles irgendwie zusammen einen tieferen Sinn ergeben muss, das ahnt man bald. Recht detailreich ist die Schilderung, ohne dass je Langeweile aufkommt. Sara Paretsky verbindet gekonnt die Gegenwart in Chicago mit Erinnerungen an den Holocaust in Europa und dem Versicherungsgeschäft, erzählt dies alles sehr mitreißend, insbesondere für denjenigen, der diesen Teil der Geschichte nicht selbst erleben musste. Die Personen werden mit ihrer Hilfe richtig lebendig. Selbst als man gegen Ende die Zusammenhänge erahnt, ist man gezwungen weiterzulesen.

Mit V.I. Warshawski verband ich persönlich den Untertitel des Films: "Detektiv in Seidenstrümpfen". Diese Bezeichnung trifft meines Erachtens nur zum Teil zu, denn sie ist nicht zimperlich bei ihren Ermittlungen und geht auch im Blaumann auf Tour, kann sich aber gleichermaßen auch in gehobenen Kreisen bewegen. Im Gegensatz zu einigen anderen Serien-Detektivinnen erscheint die Protagonistin als ausgereifter Charakter und professionelle Ermittlerin, der man anmerkt, dass ihre Erschafferin ihr schon einige Abenteuer auferlegt hat. Es macht Spaß, daran teilzuhaben.

"Ihr wahrer Name" ist kein 0815-Frau-als-Detektiv-Roman, sondern ist vollgepackt mit Hintergründen, mit Erinnerungen und Erlebnissen aus einer Zeit, die die meisten Leser nicht selbst erlebt werden. Trotzdem plätschert die Handlung nicht nur so dahin, sondern ist gut verpackt und mit einem Showdown am Ende ausgestattet (der zugegebenermaßen ein wenig lächerlich wirkt). Dennoch wird diese Art von Krimi nicht jeden Liebhaber von Detektiv-Romanen begeistern - leider war die Kritik so unspezifisch, dass man kaum wiedergeben kann. Was für den einen vielschichtig und interessant ist, kann für einen anderen zäh und mit zu vielen Handlungssträngen ausgestattet sein.

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