Die verschwundene Frau

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte Press, 1999, Titel: 'Hard Time', Seiten: 385, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2001, Seiten: 444, Übersetzt: Sonja Hauser
  • München; Zürich: Piper, 2002, Seiten: 444, Übersetzt: Sonja Hauser
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 444, Übersetzt: Sonja Hauser
  • München; Zürich: Piper, 2004, Seiten: 444, Übersetzt: Sonja Hauser

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Michael Drewniok
Der Autorin ist es gelungen, den Frauenkrimi weiter zu entwickeln und in das 21. Jahrhundert zu bringen.

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Auf dem Heimfahrt nach einer Feier überrollt die Privatdetektivin Vic Warshawski zu später Stunde in einem verrufenen Viertel ihrer Heimatstadt Chicago beinahe den leblosen Körper einer jungen Frau, der mitten auf der Straße liegt. Die rasch herbei gerufene Polizei scheint mit Warshawskis Schilderung zunächst zufrieden zu sein. Doch am nächsten Tag wirft man ihr plötzlich vor, den Tod verschuldet zu haben. Ganz offensichtlich sucht die Polizei einen Sündenbock. Die Leiche verschwindet, der Unfallbericht wird gefälscht. Der korrupte Detective Lemour wird Warshawski auf den Hals gehetzt, um sie einzuschüchtern.

Aus purer Not beginnt die Detektivin in eigener Sache zu ermitteln. Trotz der Verschleierungstaktik bringt sie in Erfahrung, dass es sich bei der verschwundenen Frau um die junge Immigrantin Nicola Aguinaldo handelt, die man fast tot geprügelt hatte, bevor man sie ihr vor das Auto legte. Nicola arbeitete als Kindermädchen für Robert Baladine, den Eigentümer von "Carnifice", eines Sicherheitsdienst-Imperiums mit 3000 Beschäftigten, zu dem sogar eine eigene Haftanstalt vor den Toren der Stadt gehört. Hier saß Nicola als Gefangene ein, nachdem sie Eleanor, Baladines Gattin, ein wertvolles Schmuckstück gestohlen hatte. Auf mysteriöse Weise gelang es ihr später scheinbar zu fliehen.

Baladine ist in den Tod Nicolas verwickelt, wie Warshawski bald weiß. Der brutale und machtversessene Unternehmer schätzt es gar nicht, dass die Detektivin seine Pläne zu durchkreuzen droht. Er setzt seine geballte Macht ein, um Warshawski unter Druck zu setzen und zu vernichten, als Drohungen nicht fruchten. Die Detektivin wird beschattet, ihr Telefon abgehört. In ihr Büro brechen "Carnifice"-Schergen ein, stehlen und manipulieren ihre Unterlagen und versuchen ihr Drogen unterzuschieben, was sie aber gerade noch verhindern kann. Später stellt man Warshawski sogar eine Falle, der sie verletzt entkommen kann.

Der "Große Bruder" ist überall. Baladine hat beste Verbindungen zu den örtlichen Medien. Lucian Frenada, ein Kleiderfabrikant, der ebenfalls sein Unwillen erregt und zudem in den Aguinaldo-Mord verwickelt ist, hat weniger Glück als die Detektivin; sein lebloser Körper wird aus dem Hafenwasser gezogen. Aber auch Warshawskis Frist ist abgelaufen. Als sich Baladines junger Sohn ihr anvertraut und Beweise dafür liefert, dass sein Vater in dunkle Machenschaften verwickelt ist, zieht sich "Carnifices" Schlinge zu. Unter dem Vorwand der Kindsentführung wird Vic festgenommen. Binnen kurzer Zeit landet sie dort, wo Nicola Aguinaldo tatsächlich ihr Ende fand: als Häftling in Baladines Privatgefängnis, wo er seine Spießgesellen sehr bald Vorkehrungen treffen lässt, die ihnen nun ausgelieferte Detektivin für immer zum Schweigen zu bringen...

Zu den ganz Schnellen ihrer Zunft gehörte Sara Paretsky noch nie: Zehn Romane plus eine Kurzgeschichtensammlung in knapp zwei Jahrzehnten - das schaffen Thriller-Profis wie Marcia Muller oder Anne Perry in der Hälfte oder gar einem Drittel der Zeit. Aber Sorgfalt zahlt sich bekanntlich aus; angesichts des Lektürevergnügens, das einem "Die verschwundene Frau" beschert, wartete man sogar gern volle fünf (!) Jahre bis zum aktuellen Auftritt Victoria Iphigenia "Vic" Warshawskis.

1982 erfand Paretsky, ehemalige Verkaufsmanagerin in einer Chicagoer Versicherungsagentur und daher zumindest mit den theoretischen Grundlagen der Detektivarbeit, auf jeden Fall jedoch mit der Topografie der Stadt an den Großen Seen vertraut, ihre chronisch erfolglose, weil von allzu hehren Prinzipien gebeutelten Privatermittlerin. Mit Marcia Muller oder Linda Barnes (und natürlich weiteren Autorinnen) begründete sie den modernen "weiblichen" Kriminalroman, in dem zum ersten Mal Frauen die Rolle des Philip Marlowe übernahmen, ohne bloß in dessen Fußstapfen zu wandeln. Bis 1994 löste Vic Warshawski acht Fälle, bevor sie sich eine längere Auszeit nahm. Allzu mechanisch spulte Paretsky zuletzt ihre Thriller nach stets derselben Formel ab, was nach "Engel im Schacht" schließlich nicht mehr nur der Kritik und den Lesern, sondern auch der Autorin auffiel. Nach den üblichen zwei oder drei Jahren Arbeit am Schreibtisch erschien daher mit "Geisterland" ("Ghost Country") 1998 erst einmal ein serienunabhängiger Thriller, der unter Beweis stellte, dass Paretsky mehr als Vic Warshawskis geistige Mutter ist.

1999 kehrte die Detektivin endlich zurück. Die Pause hatte ihr sichtlich gut getan. Mit neuem Schwung stürzte sie sich ins Getümmel einer Welt, die nicht nur in Verbrecherkreisen einige entscheidende Umdrehungen hinter sich gebracht hatte. Die Vic Warshawski-Romane sind stets auch eine Chronik der Großstadt Chicago und ihrer kriminellen Umtriebe. Dabei stehen weniger die "richtigen" Gangster des organisierten Verbrechens in der Tradition eines Al Capone im Mittelpunkt, sondern die Schurken in feinen Nadelstreifen, die sich nicht selbst die Finger schmutzig machen, sondern durch Betrug, Bestechung oder Intrigen und in enger Zusammenarbeit mit Politik, Wirtschaft und neuerdings den Medien Millionen scheffeln. Jeder ist sich selbst der Nächste in Paretskys Chicago, und kurz vor dem Millennium werden die Refugien für die wenigen verbliebenen Idealisten immer weniger. Nun hat es sogar Vic Warshawskis alten Freund und früheren Kampfgenossen Murray Ryerson erwischt, der längst nicht mehr als Journalist unbarmherzig den Reichen und Mächtigen auf der Spur ist. Statt dessen heult er nun mit den Wölfen, moderiert seichte Prominententalks und lässt sich von seinen zwielichtigen Bossen sogar instrumentalisieren.

Aber Ryerson hat Angst - vor der Gegenwart, die Tugenden nicht mehr zu schätzen oder gar zu honorieren weiß, aber noch mehr vor der Zukunft, dem Zeitpunkt, da er schlicht zu alt sein wird, um sich weiterhin als Straßenkämpfer durchzuschlagen. In dieser Beziehung ist er das düstere Spiegelbild von Vic Warshawski geworden, der solche Überlegungen und Sorgen keineswegs fremd sind. Im Gegenteil: Ein guter Teil des vorliegenden Romans - und keinesfalls der Schlechteste! - kreist um den schmerzhaften Prozess des Älterwerdens. Vic Warshawski ist nun 44 Jahre alt. Finanziell steht sie eher noch schlechter da als sonst. Sie lebt von der Hand in den Mund und weiß genau, wie dünn die Linie geworden ist, die sie noch vor dem sozialen Abstieg trennt. Körperlich spürt sie trotz ihrer ausgezeichneten Kondition die Jahre. Es wird Zeit für einschneidende Veränderungen, wie ihr bewusst wird - und das würde bedeuten, sich ein gutes Stück mit den neuen Regeln der globalisierten Gegenwart zu arrangieren. Doch Vic Warshawski ist zwar gern eine einsame Wölfin, aber eine Hyäne will sie nicht sein. In "Die verschwundene Frau" beginnt sie zum ersten Mal den Preis für den Luxus der Unabhängigkeit zu zahlen, die sie sich eigentlich nicht mehr leisten kann. Und nicht einmal Vics engste Freunde können und wollen ihren ewigen Kampf gegen immer neue Windmühlenflügel unterstützen oder auch nur verstehen.

Noch ist Vic Warshawski allerdings nicht am Boden, obwohl sie gleich mehrere Male tüchtig angezählt wird in ihrem neuen Abenteuer. Auf der Spur eines Verbrechens ist sie auf ein besonders widerwärtiges Mitglied der neuen Elite gestoßen, für den Menschen nur mehr Mittel zum Zweck sind - eine Haifisch-Mentalität, die nicht einmal vor der eigenen Familie Halt macht. Paretsky hat darüber hinaus sehr intensiv recherchiert, auf welche perfide Weise sich ein Leben heutzutage zerstören lässt, wenn man über die notwendigen Verbindungen und vor allem die entsprechende Technik verfügen kann. Der "Gläserne Mensch" ist längst keine Fiktion mehr, sondern Realität. Vic Warshawski bedient sich selbst des Internets, um über ihre Zeitgenossen Dinge zu erfahren, von denen diese nicht einmal ahnen, dass sie im digitalen Äther gebührenpflichtig abzufragen sind. Gegen den Überwachungs-Papst Baladine und seine Paladine ist sie allerdings ein kleiner Fisch - und beinahe machtlos gegen die Manipulationen, die das Wissen um die Angriffsflächen der schönen neuen Medienwelt ermöglicht. Mit ein wenig guter alter Korruption kommt es folglich, wie es kommen musste: Die lästige Detektivin findet sich im Gefängnis wieder.

Ob sich Vic Warshawski dort nun unbedingt als weiblicher Brubaker betätigen und - dem Beispiel Robert Redfords im gleichnamigen Film von 1980 nacheifernd - quasi undercover und mit Mini-Kamera im Armband (!) Missstände hinter Gittern erforschen muss, sei einmal dahin gestellt. Dieser Erzählstrang mag ein wenig zu sehr ins gewollt Sensationelle spielen, ist der Autorin aber trotzdem gut gelungen und auf jeden Fall spannend, auch wenn gar zu viele "Alcatraz"-Klischees (korrupt-sadistisch-geile Wärter, Attacke in der Gemeinschaftsdusche, Flucht in Ketten) bemüht werden. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es in den auf Law & Order so versessenen Vereinigten Staaten den Strafgefangenen nach Ansicht der braven Bürger gar nicht dreckig genug gehen kann, auch wenn dabei womöglich hier und da ein Unschuldiger mit ins Getriebe der Gesetzesmühle gerät - wo gehobelt wird, fallen halt ein paar Späne! Insofern mag sich Paretsky gar nicht allzu weit von der Realität entfernt haben.

"Die verschwundene Frau" markiert nicht nur Vic Warshawskis Comeback, sondern auch Sara Paretskys Rückkehr zu alten, aber wertvollen Tugenden. Wie sehr sich die Autorin darüber hinaus frei gemacht hat von alten Zöpfen, macht u. a. die dümmliche deutsche Klappenwerbung deutlich, die Vic Warshawski wieder als "Powerfrau", die es "den Männern zeigt", verkaufen will. Doch tatsächlich ist Paretsky eben nicht in den "Supergirl(ie)s-geben-es-den-dummen-Kerls"-Tiraden der 80er und frühen 90er Jahre stecken geblieben. Ihr ist es gelungen, den Frauenkrimi weiter zu entwickeln und in das 21. Jahrhundert zu bringen. Es wird interessant sein, Vic Warshawskis weiteren Weg zu verfolgen. Sollte es wieder ein paar Jahre dauern, bis es so weit ist, lässt sich dies leicht verschmerzen, wenn wieder ein Werk vom Format der "Verlorenen Frau" dabei heraus kommt!

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Letzte Kommentare:
20.05.2008 20:50:48
Jessy

Ich bin ohnehin ein großer Fan von Sara Paratsky´s VI Warshvski - Reihe und kann sagen, dass die verschwundene Frau eines der bestne Bücher daraus ist. Sehr spannend. Gut finde ich auch dass der Klassenunterschied und die Behandlung der entsprechenden Menschen daraus kritisiert wird und die Einblicke in amerikanische Haftanstalten. Kann ich jedem nur empfehlen. (Besonders den Damen denn Vic ist eine sehr starke Frau die es versteht sich durchzusetzen, vorallem gegen viele mächtige Männer. Etwas wovon man sich etwas abschauen könnte)

20.05.2008 20:50:46
Jessy

Ich bin ohnehin ein großer Fan von Sara Paratsky´s VI Warshvski - Reihe und kann sagen, dass die verschwundene Frau eines der bestne Bücher daraus ist. Sehr spannend. Gut finde ich auch dass der Klassenunterschied und die Behandlung der entsprechenden Menschen daraus kritisiert wird und die Einblicke in amerikanische Haftanstalten. Kann ich jedem nur empfehlen. (Besonders den Damen denn Vic ist eine sehr starke Frau die es versteht sich durchzusetzen, vorallem gegen viele mächtige Männer. Etwas wovon man sich etwas abschauen könnte)

02.01.2004 10:13:02
Elke

Seit langem ist "Die verschwundene Frau" mal wieder ein Krimi, der seinen Namen zu Recht trägt. Die Story ist äußerst spannend, man fiebert mit der Heldin richtiggehend mit und auch das Ende ist nicht so an den Haaren herbei gezogen, wie das bei vielen Krimis üblich ist. V.I. Warshawski - eine Frau, die authentisch ist, ein Fall den man gut nachvollziehen kann und eine Sprache, die gut und flüssig zu lesen ist. Was will man also mehr?!