Mörder ohne Gesicht

Erschienen: Januar 1993

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Ordfront, 1991, Titel: 'Mördare utan ansikte', Seiten: 307, Originalsprache
  • Berlin: Edition q, 1993, Titel: 'Mörder ohne Gesicht', Seiten: 303, Übersetzt: Barbara Sirges und Paul Berf
  • München: dtv, 1999, Seiten: 333, Bemerkung: Überarbeitete Neuausgabe
  • München: DerHörVerlag, 2002, Seiten: 2, Übersetzt: Christoph Schobesberger; Heinz Kloss; Friedrich Schoenfelder; u.v.a., Bemerkung: Hörspiel. Hörspielbearb.: Moritz Wulf Lange. Regie: Simon Bertling und Christian Hagitte
  • Wien: Zsolnay, 2001, Seiten: 331
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Ulrich Pleitgen, Bemerkung: Lesung
  • München: dtv, 2005, Seiten: 333
  • München: dtv, 2010, Seiten: 336

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Thomas Kürten
Erzählstil und Charaktere klasse, Handlung schwach und langatmig

Buch-Rezension von Thomas Kürten Jun 2003

In Lenarp, einem Dorf in Südschweden, wird eines nachts ein altes Bauernehepaar überfallen. Als es von den Nachbarn entdeckt wird, ist das Schlafzimmer der Beiden blutverschmiert, der bestialisch hergerichtete Mann ist bereits tot, die Frau ist lebensgefährlich verletzt und wird einige Stunden später im Krankenhaus ebenfalls sterben. Kommissar Kurt Wallander aus dem nahen Ystadt übernimmt den Fall, der zunächst keine heiße Spur zu den Tätern aufweist. Die Bauersleute scheinen bettelarm und ohne Feinde gewesen zu sein. Einzig eine seltsam geknotete Schnur, die um den Hals der Frau gelegt war, deutet den Hauch einer Spur an.

Der Fall gewinnt an Brisanz, als die Frau unmittelbar vor ihrem Tod im Krankenhaus ein paar mal das Wort "Ausländer" röchelt. Obwohl Wallander ahnt, für wie viel Unruhe dies in der Bevölkerung sorgen kann, gelangt die Information offensichtlich durch die Indiskretion irgendeines Polizeikollegen an die Presse. Noch am selben Abend bekommt Wallander per Telefon von einem anonymen Anrufer ein Ultimatum gesetzt. Wenn er nicht binnen drei Tagen den oder die Mörder findet, wird der Anrufer die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen.

Der Bruder der verstorbenen Frau berichtet der Polizei über das Doppelleben seines Schwagers, der sich im Krieg durch krumme Geschäfte ein Vermögen ergaunert hatte. Er hatte einen unehelichen Sohn mit einer Frau in Kristiansand. Beiden zahlte er jährlich mehrere zehntausend Kronen Unterhalt. Entgegen allen Aussagen war der Bauer also doch reich. Ein Motiv? Zumindest ein Aufhänger, der dem Kommissar sehr willkommen ist. Würde so doch dem in der Bevölkerung aufkeimenden Zorn und Misstrauen gegenüber allem Fremden mit einem male die Grundlage entzogen. Und da es zudem die einzige erfolgversprechende Spur zu sein scheint, geht er ihr nach.

Zwei Tage später: Das Asylbewerberheim brennt

Als zwei Tage später ein Asylbewerberheim brennt, ist Wallander zufällig gerade zugegen und versucht mit beherztem Einsatz, Personen aus den Flammen zu retten. Aber auch ohne seinen Einsatz gelangen alle Bewohner in Sicherheit. Er kann allerdings nicht verhindern, dass Tags darauf ein Somalier in einem anderen Heim erschossen wird. Ein weiterer Fall, der von Wallander übernommen wird. Steht er im Zusammenhang mit dem Doppelmord?

Doch während der Mord an dem Somalier ziemlich bald aufgeklärt ist, dauert es noch über ein halbes Jahr, bis der völlig planlosen Polizei in Ystadt im Fall des ermordeten Ehepaares eine Verhaftung gelingt.

Der Schreibstil von Henning Mankell gefällt mir sehr gut. Das Buch lässt sich sehr flüssig lesen und die Kapitel sind gut aufgebaut. Keine komplizierten Satzgefüge, keine hochtrabenden Fremdwörter. Das Lesetempo wird durch relativ kurze Sätze begünstigt. Zudem kommt, dass er mit Kommissar Kurt Wallander eine Person geschaffen hat, die sehr glaubhaft handelt und dessen Privatleben ebenfalls sehr authentisch wirkt.

Der Erzähler begleitet das ganze Buch über den Kommissar und schildert, wie er das Geschehen wahrnimmt, wie er denkt und handelt. Er lebt in Trennung von seiner Frau, seine Tochter ist erwachsener, als es ihm vielleicht lieb ist und hat sich ihm entfremdet. Sein greiser Vater, der als Kunstmaler sein ganzes Leben lang immer das selbe Landschaftsmotiv gemalt hat - mal mit, mal ohne Auerhahn - wird langsam senil. Eine ganze Reihe von Problemen belasten sein Privatleben und davor flieht er, indem er sich in seine Arbeit stürzt oder, sobald Feierabend ist, sich dem Alkohol hingibt. Sein Wunsch nach menschlicher Wärme fixiert sich in diesem Buch auf die Staatsanwältin Anette Brolin, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut, die jedoch glücklich verheiratet ist. Diese Freundschaft gefährdet er jedoch, indem er sich ihr zu sehr annähert. Was den Kommissar noch menschlicher macht, sind die Fehler, die er während seiner Ermittlungsarbeiten begeht.

Andere Figuren bleiben hingegen blass, allenfalls der kranke Polizeikollege Rydberg und Staatsanwältin Brolin erhalten ein wenig Profil.

Gesellschaftskritik wichtiger als der Kriminalfall

Wichtiger als der Kriminalfall scheint Mankell die Kritik an der schwedischen Gesellschaft und dem bestehenden Asylsystem zu sein. Denn genauso wie der Doppelmord in der Öffentlichkeit das Misstrauen gegenüber den Asylbewerbern schürt, bemerkt Wallander eigenes Unbehagen, als er seine Tochter in den Armen eines Farbigen beobachtet. Wenn Mankell aber mit seinem Krimi Missstände aufzeigen und für mehr Toleranz werben wollte, dann leistet er sich ein paar derbe Zwischentöne und hat sich für den Fall des Doppelmordes das denkbar schlechteste Ende (ohne dass ich dies vorwegnehmen will) gewählt. Man gewinnt den Eindruck, dass ihm die schwedische Asyl-Praxis zu liberal gehandhabt wird. Verbrechen und Missbrauch scheinen unter den Asylbewerbern weit verbreitet zu sein. Auch wenn dies durch ein unzulängliches System begünstigt sein mag, seine Sozialkritik erhält so für mich einen sehr faden Beigeschmack.

Eine besonders herbe Enttäuschung birgt aber für mich der Mordfall selber und die Ermittlungen daran. Während er sich auf den ersten Seiten rasant entwickelt, flacht er danach sehr schnell ab. Die erste unmittelbare Spur, der oben erwähnte seltene Knoten, scheint eine Spur nach Südamerika zu legen. Warum wird dieser Spur nicht intensiver nachgegangen? Wieso wird eine Frau, die mehrfach verhört wurde, erst im Gespräch mit Wallander schwach und gesteht schließlich ihre ehemalige Beziehung zum ermordeten Bauern? Wieso parkt Wallander spät in der Nacht ausgerechnet vor einem Asylbewerberheim, auf das ein Anschlag verübt wird? Zu viele Zufälle spielen mir bei diesem Buch zusammen, die darin gipfeln, dass Wallander bei beiden Verbrechen Zeugen hat, die eine bewundernswerte Auffassungsgabe haben und unabhängig voneinander über ein fotografisches Gedächtnis verfügen. Einmal helfen ihm eine Frau, die einen Verdächtigen bis aufs Haar beschreiben kann und ein Mann, der den Typ eines Fluchtfahrzeuges aufgrund der Motorengeräusche identifiziert. Ein anderes mal hilft ihm eine Bankangestellte, die sich nicht nur ein paar Tage nach dem Mord daran erinnern kann, dass der Ermordete eine Woche vorher Geld abgehoben hat, sondern selbst ein halbes Jahr später noch weiß, wer nach dem Mann die Bank betrat und wie viel Geld einzahlte. Hier ist Mankell für mich sehr unglaubwürdig. Den Fall an sich und seine Auflösung finde ich im wahrsten Sinne des Wortes schlecht.

ein sehr vager Aufhänger für ein plötzliches Ende

Rund 300 Seiten lang schildert Mankell die Ereignisse weniger Wochen. Er legt sogar Seitenstränge in seine Handlung, die sich im Nachhinein als vollkommen irrelevant herausstellen. So sein Besuch bei seinem ehemaligen Freund Sten Widen, den er zehn Jahre lang nicht mehr gesehen hatte und von dem er sich Hilfe bei seinem Fall erhofft. Nachdem der Mord an dem Somalier aufgelöst ist, scheint er selbst nicht mehr gewusst zu haben, wie er nun noch den anderen Fall zu einem Ende kommen lässt. Auf den letzten Seiten springt er über Monate und findet plötzlich einen sehr vagen Aufhänger für ein plötzliches Ende. Und er lässt erst auf diesen letzten Seiten die letztendlichen Täter auftreten. Wo waren sie auf den ersten 300 Seiten?

So bleibt für mich zu resümieren, dass mir an diesem Buch der Erzählstil und die Charakterisierung der Hauptfigur sehr gut gefallen haben. Die Handlung selber und der Versuch einer sozialkritischen Aussage hingegen, konnten mich überhaupt nicht ansprechen. Trotzdem werde ich daraus nun nicht schlussfolgern, dass ich mir keinen weiteren Titel aus dieser Reihe mehr zulegen werde. Bei einer derart erfolgreichen Serie können die hohen Verkaufszahlen, das positive Echo in der Pressen und die vielen positiven Bewertungen auf den Meinungsforen nicht lügen.

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