Kerzenlicht für eine Leiche

  • Lübbe
  • Erschienen: Januar 2003
  • London: Headline, 1995, Titel: 'Candle for a Corpse', Seiten: 343, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2003, Seiten: 399, Übersetzt: Axel Merz
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Michael Drewniok
50°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Die ideale Nachtlektüre für alltagsgestresste Leser/innen

Bamford ist ein kleiner Ort in der englischen Provinz. Seit jeher läuft hier alles ein wenig gemächlicher ab als in der großen, bösen Stadt. Das Verbrechen ist jedoch auch hier kein unbekannter Faktor. Seit Meredith Mitchell, Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes zu London, nach Bamford gezogen ist, lässt es sich sogar häufiger blicken als je zuvor.

Meredith liebt die Tätigkeit als "freiwillige" Privatdetektivin, obwohl sie stets das Gegenteil behauptet. Ihrem Lebensgefährten, Superintendent Alan Markby von der örtlichen Kriminalpolizei gefällt das weniger, dem Zufall offenbar mehr. Wie sonst ließe es sich erklären, dass Meredith auch dieses Mal zur Stelle ist, als auf dem Friedhof von Bamford in einem alten Grab ein überzähliger "Gast" entdeckt wird, der dort ohne Sarg heimlich bestattet wurde.

Zwölf Jahre hat die Leiche gelegen

Zwölf Jahre hat die Leiche von Kimberley Oates dort gelegen. Die junge Frau wurde ermordet. Pflichtbewusst macht sich Markby an die Aufklärung des alten Verbrechens, auch wenn er dafür seinen Jahresurlaub mit Meredith absagen muss. Wieder springt dieser der (in Bamford stets hart geforderte) Zufall bei und lässt sie Bekanntschaft schließen mit Margaret Holden, Mutter und Managerin des örtlichen Parlamentsabgeordneten Lars Holden. Der junge Mann ist auf dem Sprung in eine politische Karriere. Die will er sich auf keinen Fall durch etwaige Skandale verbauen lassen.

War dies schon in der Vergangenheit so? Offenbar kannten sich vor Jahren Lars und Kimberly, die vor ihren Freunden gern damit prahlte, auf der Suche nach einem reichen Mann zu sein. Hatte sie den noch jungen Lars mit Sex in eine Falle gelockt und sich damit selbst das Todesurteil gesprochen? Welche Rolle spielte der ehemalige Totengräber Bullen in diesem bösen Spiel? Das sind Fragen, die Markby beantwortet wissen will. Wohl oder übel muss er schließlich doch Meredith an die kriminalistische Front schicken, wo sie bald in die übliche Lebensgefahr gerät ...

Markby & Mitchell-Roman sind nur am Rande Kriminalromane

So ganz entspricht die Handlung dann glücklicherweise nicht den schon früh einkehrenden Befürchtungen. Machen wir uns trotzdem nichts vor: Markby & Mitchell-Roman sind nur am Rande Kriminalromane. Zwar geschieht stets etwas Ungesetzliches, aber das scheint nie besonders wichtig zu sein. Stets dominieren statt dessen Impressionen aus der gar lieblichen englischen Provinz.

Bamford scheint eine einzigartige Landschaft zu sein: Da haben wir den Ort selbst, der irgendwie modern, vor allem aber reizvoll altmodisch zu sein scheint. Das von der Natur dominierte Umland wird von prächtigen Landsitzen, gemütlichen Hotels und idyllisch verkommenen Höfen bestanden. Die Bevölkerung entspricht der Umgebung, ist immer irgendwie Karikatur realer Menschen. Man sollte meinen, im Krimi sei dies völlig normal, aber es gibt offenbar eine Grenze, jenseits derer der Leser es nicht mehr schluckt.

Allmählich kommt etwas wie eine Ermittlung in Gang

Der Fund einer Leiche in einem fremden Grab ist nicht gerade eine Novität im Kriminalgenre. Schwamm drüber, die Variation schafft die Unterhaltung. Obwohl sich die Handlung grangertypisch entwickelt - also lähmend langsam, im aufgeblähten Mittelteil endlos auf der Stelle tretend -, kommt allmählich etwas wie eine Ermittlung in Gang. Leider gibt es da neben (dem inzwischen beförderten) Superintendent Marky auch seine "Freundin" Meredith Mitchell, die auf Teufel komm´ ´raus in das Geschehen involviert werden muss.

Während man bei Miss Marple über die Unwahrscheinlichkeit ihrer ständigen Privatermittlungen noch hinwegsieht, kommt einem über Mitchells "zufällige" Verwicklungen in diverse Fälle schon längst das Seufzen an. Der Zufall wird nicht bemüht, sondern geradezu versklavt, um Meredith ins Spiel zu bringen.

Granger zieht den Schurken aus dem Hut

So sehr wird der Verdacht auf die Holdens gelenkt, dass auch der Dümmste bald und sehr zu Recht davon überzeugt ist, dass der mörderische Unhold hier nicht zu suchen ist. Traditionell entpuppt sich der demonstrativ Unverdächtige schließlich als Mörder. Auch Granger setzt auf diese Karte. Das ursprüngliche Fair-Play-Prinzip des "Whodunit"-Krimis ist für sie, die doch angeblich einen Beitrag zu diesem altehrwürdigen Subgenre liefert, keine Verpflichtung mehr. Deshalb zieht sie ihren Schurken, der bisher höchstens hier und da am Rande der Handlung umher schlich, im Finale mehr oder weniger aus dem Hut. Wahrscheinlich damit dies nicht gar zu deutlich wird, begräbt sie ihn und die selbstverständlich wieder zur unpassenden Stelle seiende Meredith unter einem umgestürzten Grabstein ... Es ist nichts zu lächerlich oder abgegriffen, um von Thriller-Serienfabrikantin Ann Granger verwurstet zu werden.

Apropos Sklaven: Aus Schublade Nr. 3 des Klischee-Schranks für Krimi-Autoren zieht Granger dieses Mal u. a. die "Eisläufer-Mutti", die gluckenhaft nur für ihren Sohn und dessen Erfolg lebt. Margaret Holden ist ein derartig lachhaftes Exemplar ihrer lästigen Gattung, dass sie schon fast wieder aus dem richtigen Leben gegriffen sein könnte. Allerdings trägt Granger wie üblich Sorge dafür, dass genau dies nicht geschieht, indem sie Margaret einen Moment shakespearscher Irrnis im alten Klosterkeller gönnt.

Das dröge englische Krimi-Fußvolk setzt sich durch

Ein bisschen Lachen beim Lesen ist indes ganz erfrischend, denn bald setzt sich erneut das dröge englische Krimi-Fußvolk durch. Über Meredith Mitchell wurden notgedrungen bereits unfreundliche Worte verloren. Auf ihren Alan übt sie ebenfalls keinen guten Einfluss aus. Wieso hat man ihn inzwischen eigentlich befördert? Er drückt sich doch wiederum nur in Bamford herum und legt "Ermittlungsmethoden" an den Tag, über die selbst nachsichtige Kriminalisten nur ratlos den Kopf schütteln können.

Ansonsten teilt uns die Autorin in dürren Worten mit, dass sich die Markby-Mitchellsche Schneckentempo-Liebesgeschichte nun immerhin so weit entwickelt hat, dass der Superintendent jetzt manchmal das nächtliche Lager mit seiner zivilen Mitermittlerin teilt. Mehr wird nicht verraten; die Befürworter/innen der keuschen Minne im Kriminalroman seien daher beruhigt.

Wie erkennt man Granger-Frauen, die unsere Sympathie verdienen sollen?

Wie gehabt dürfen wir uns schließlich am üblichen Panoptikum Bamfordscher Originale erfreuen. Gar liebevoll zelebriert Granger deren Schrullen, während für die aus der verderbten Stadt aufs friedliche Land verschlagene Angie (Lars Holdens mondäne Braut) nur die Rolle der krankhaft ehrgeizigen Gesellschafts-Zicke bleibt: Granger-Frauen, die unsere Sympathie verdienen sollen, lassen sich immer daran erkennen, dass sie saloppe Kleidung und flache Schuhe tragen sowie liebenswerte Schwächen bei der Diätdisziplin an den Tag legen.

Kerzenlicht für eine Leiche

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