Das Janusprojekt

  • Wunderlich
  • Erschienen: Januar 2007
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2007, Seiten: 445, Übersetzt: Cornelia Holfelder-von der Tann
  • New York: Putnam, 2006, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009, Seiten: 445
Das Janusprojekt
Das Janusprojekt
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2007

Braune Schatten reichen weiter als schwarze

Im Jahre 1949 gehört Bernhard Gunther, einst Polizist und später Privatdetektiv, nicht zu denen, die nach dem Untergang des Dritten Reiches wieder zum Alltag übergehen. Das Schicksal hat ihn ausgerechnet nach Dachau verschlagen, wo er ein marodes Hotel führt. Die Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers ist dem Geschäft wenig zuträglich, und Gunther genießt in der auf Verdrängung und Neuanfang gepolten Bürgerschaft keinen guten Ruf, weil er mit der Nazi-Vergangenheit keinesfalls abgeschlossen hat.

Der Tod seiner Gattin lässt ihn in München den Neuanfang als Detektiv versuchen. Vor allem Kunden, die nazibraune Familienangehörige und Freunde reinwaschen möchten, wenden sich an Gunther, der ihnen Belege für eigentlich blütenweiße Westen beschaffen soll. Wohl oder übel beugt sich der Detektiv den Realitäten seines Jobs. Auch der aktuelle Auftrag fällt offenbar in diese Sparte: Britta Warzok bittet ihn Beweise für den Tod ihres Gatten, eines Kriegsverbrechers, zu beschaffen, damit sie wieder heiraten kann.

Seine Nachforschungen führen Gunther in das gefährliche Milieu ehemaliger Nazi-Größen, die sich mit Unterstützung der Kirche diverse "Rattenlinien" in fremde Länder geschaffen haben, die nicht ausliefern. Gunther wagt sich zu weit vor, wird übel zusammengeschlagen und verdankt seine Gesundung nur einem freundlichen Arzt, der ihn in sein Landhaus unweit der Alpen einlädt. Dort lernt Gunther den kriegsversehrten Erich Grün kennen und freundet sich mit ihm an. Als dessen Mutter in Wien stirbt, bietet ihm der Detektiv an, die Erbschaft für ihn anzutreten; die auffällige Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern macht dies möglich.

In Wien eingetroffen merkt Gunther freilich, dass man ihn betrogen und in eine diabolisch geschickt eingefädelte Verschwörung eingebunden hat, die ihm keinen Ausweg zu lassen scheint. Doch der Detektiv tritt verzweifelt die Flucht nach vorn an - und gerät in ein Gemenge alter Nazis, korrupter Besatzer und jüdischer Todeskommandos, deren Angehörige ihn erst recht nicht am Leben lassen wollen ...

Am komplexen Thema gewaltig verhoben

Philip Kerr gehört zu den zuverlässigen Produzenten spannender Unterhaltungsromane, die immer dann besonders gut funktionieren, wenn sie an exotischen Orten oder in vergangenen Zeiten spielen: Dies verschleiert die Tatsache, dass der Verfasser womöglich die Realität ein wenig zu stark verbiegt, um sie der Story anzupassen.

Das Eis ist in diesem Fall besonders dünn, denn das Thema ist ein prekäres: Die Nazi-Vergangenheit stellt das wahrscheinlich schwerste historische Erbe Deutschlands dar. Viele kluge Männer und Frauen haben sich darüber in den vergangenen Jahrzehnten geäußert und gewichtige Theorien entwickelt, die erklären helfen, wieso der braune Spuk, der millionenfachen Mordterror über die Welt gebracht hatte, nach 1945 scheinbar spurlos verschwunden war und sich die Hitlers Untertanen in "Deutsche" und "Nazis" differenzierten, wobei letztere eine verschwindend kleine Minderheit der Bevölkerung zu bilden schienen.

Die Erklärung ist ebenso einfach wie deprimierend aber menschlich: Die Mehrheit der Deutschen ging zur Tagesordnung über, und die trug das Motto "Neuanfang". Eine Bewertung der Rolle, die das Individuum in der Nazi-Maschinerie gespielt hatte, entfiel weitgehend. Philip Kerr zwingt Bernhard Gunther dazu, und das bekommt weder der Figur noch der Handlung.

Objektiv betrachtet ist diese verzwickt aber spannend. Kerr lässt die seltsame Zeit von 1949 einfühlsam aufleben. Deutschland und Österreich sind immer noch von den alliierten Siegermächten besetzt. Vier so unterschiedliche Länder wie die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion würden schon unter "normalen" Umständen schwer miteinander kooperieren. Hier kommt die Unvereinbarkeit der Staatssysteme hinzu: Der Kalte Krieg der nächsten Jahrzehnte zeichnet sich bereits deutlich ab; der Kommunismus gilt vor allem den USA als eigentliche Gefahr der Zukunft, während das Thema Nazis abgehakt ist. So kommt es zu der an sich absurden Situation, dass echte Kriegsverbrecher nicht bestraft, sondern als nützliche Mitstreiter im Kampf gegen die "Roten" in die eigenen Reihen integriert werden.

Diese absurde Parodie auf Recht und Ordnung bildet das Fundament dieses Romans. Die bitteren Konsequenzen weiß Kerr für die Geschichte sehr gut zu nutzen. Leider ist sein Ehrgeiz jedoch größer als sein Talent - Kerr setzt die Fakten nicht ein, sondern reibt sie seinen Lesern unter die Nase, bis sie dieselbe voll haben. Er will den Dualismus der gewählten Epoche erläutern, doch dabei allen Seiten möglichst gerecht werden. Das funktioniert nicht, sondern lässt ihn als naiven Gutmenschen dastehen, der verzweifelt zwischen "guten" und "schlechten" Deutschen sowie "guten" und "schlechten" Amerikanern, israelischen Juden u. a. didaktisch definierten Gruppen zu differenzieren versucht, was misslungen muss.

Die Logik im beinahe ungebremsten Fall

Die Handlung selbst erinnert in ihrem Hauptplot fatal an Graham Greenes The Third Man (dt. Der dritte Mann) bzw. an Carol Reeds Verfilmung von 1949 (wobei gepantschtes Penicillin als Beweggrund wesentlich plausibler wirkt als Kerrs Experimente mit verseuchten Moskitos). Sogar der Schauplatz - Wien - ist identisch und konserviert die bekannten Klischees, die US-Amerikaner mit der Nachkriegszeit in Europa verbinden.

Ansonsten übt König Zufall seine Herrschaft über die Handlung aus. Es ist schon erstaunlich, was er alles bedenken musste, damit die Geschichte so, wie Kerr sie uns präsentiert, überall ablaufen kann. Man kennt beim Lesen lieber gar nicht darüber nach. Erfreulicherweise ist Kerr Profi genug, uns dies zu erleichtern, denn auf 450 großzügig bedruckten Seiten ist Bernhard Gunther ausgesprochen reiselustig und erlebt dabei viele Abenteuer, die vom Verfasser sehr anschaulich in Szene gesetzt werden. Dieses Lokalkolorit muss viel ersetzen, wozu leider ein überzeugendes Finale gehört. Kerr setzt auch hier auf das Sprichwort, wonach jede gute Tat bestraft wird. Damit nicht der Hauch eines Happy-Ends die dem innewohnende Tragik beschädigt, verzichtet er auf die finale Konfrontation zwischen Gut und Böse (und ersetzt sie durch eine ziemlich lächerliche "Ersatz-Revanche", denn erneut kann sich der Verfasser nicht zur Konsequenz durchringen.)

Stereotypen statt Figuren

Schlimm wird's, sobald zwischendurch Ruhe einkehrt, denn das gibt Gunther die gern und ausgiebig genutzte Gelegenheit zur Reflexion. Er muss nach Kerrs Willen den Atlas geben, der auf seinen Schultern die Last des "Tausendjährigen Reiches" weitgehend allein balancieren muss. Während links und rechts die Deutschen, ihre einstigen Kriegsgegner und sogar die meisten Juden damit beschäftigt sind, die Gegenwart zu meistern und die Zukunft zu sichern, wirkt Gunther geradezu selbstgerecht, wie er an den Zeit von 1933 bis 1945 förmlich klebt. Seiner Figur tut Kerr damit keinen Gefallen. Gunther wirkt unglaubwürdig und lächerlich, wie er jedes Gegenüber in die Büßerrolle zwingen möchte.

Gunther soll der "gute" Deutsche sein, der aus der Vergangenheit gelernt hat. Damit das auch dem dümmsten Leser klar wird, konstruiert Kerr eine Kriegsepisode, die seinen tragischen Helden dabei zeigt, wie er ein jüdisches Partisanenkommando liquidieren lässt. Gunther hat sich die Hände ebenfalls schmutzig gemacht, soll dies suggerieren, doch diesen Weg bis zum Ende zu gehen, traut sich Kerr dann nicht: Diese Juden waren "böse" und haben abtrünnige russische Kriegsgefangene umgebracht, was Gunther bestrafen wollte; ihm war nicht einmal bewusst, dass er Juden vor sich hatte.

Solche scheinheiligen Zimperlichkeiten erlaubt sich Kerr viel zu oft. Er weiß, dass eine Schwarz-Weiß-Sicht der Situation von 1949 nicht gerecht werden kann, hat aber kein Gespür für Grautöne und ist folgerichtig überfordert, wenn er ihnen Gesichter geben möchte. Kerrs Figuren sind keine Menschen, sondern spielen Rollen: Der unverbesserliche tritt neben den geläuterten Nazi, der integrierte neben den rächenden Juden, der fraternisierende Amerikaner neben den kollaborierenden Kirchenmann usw. Letztlich passt Gunther wieder ins Gewirr dieser Pappkameraden. Den alltäglichen Wahnsinn der Kriegs- und Nachkriegsjahre glaubhaft nachzuzeichnen, fällt - kaum verwunderlich - selbst wirklich klugen, mit der Materie vertrauten Köpfen schwer.

Wie üblich hat der deutsche Titel nichts mit dem Inhalt des Romans zu tun. Mit dem "Janusprojekt" ist offenbar das einerseits gut gemeinte aber andererseits verbrecherische Vorhaben der Verschwörer gemeint, die Gunther in die Zange nehmen. Kerr hatte sein eigentliches Anliegen eleganter in Titelform gebracht: The One from the Other ist das Fragment eines Gebets: "God, give us grace to accept with serenity the things that cannot be changed, courage to change the things which should be changed, and the wisdom to distinguish the one from the other." - "Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Die Herkunft ist apokryph, aber der Sinn klar: Gunther verfügt über die erforderliche Weisheit oder wenigstens über die Kraft, seine Entscheidung zu treffen.

Unterhaltung ja, Anspruch nein, Thema weitgehend verfehlt - zu dieser Entscheidung kommt der Rezensent, der sich teilweise durch das Janusprojekt kämpfen musste und sich dort durch den Geschichtsfluss treiben lassen konnte, wo der Verfasser erzählt statt zu dozieren. Das schlechte Gewissen der schlechten Welt wird Bernhard Gunther wohl bleiben und in seinem südamerikanischen Exil reuevollen Umgang mit Altnazis pflegen.

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