Operation Zagreb

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • London: Quercus, 2015, Titel: 'The lady from Zagreb', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2017, Seiten: 2017, Übersetzt: Axel Merz
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2018, Seiten: 512

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Michael Drewniok
 Unkontrollierter Irrsinn in einer Zeit systematischen Mordes

Rezension von Michael Drewniok Aug 2016

Ex-Kriminalbeamter Bernhard Gunther, der gegen seinen Willen in den "Sicherheitsdienst" der nazideutschen SS übernommen wurde, gilt als ebenso zuverlässiger Ermittler wie parteikritischer "Volksgenosse". Mächtig gewordene Mitläufer des NS-Regimes bedienen sich seiner gern für heikle Aufgaben, weil sie bei einem Scheitern einen Sündenbock vorweisen können.

Im Sommer des Jahres 1942 arbeitet Gunther für General Nebe, früher ebenfalls ein Kriminalist, der es im Nazi-Reich zu Ansehen und Macht gebracht hat, und - vorerst - eine schützende Hand über den ehemaligen Kollegen hält. Leider hat auch Propagandaminister Joseph Goebbels, für den er schon mehrfach gefährliche Aufträge übernehmen musste, Gunther keineswegs aus den Augen verloren, und zwingt ihn zu einem neuen "Gefallen": Goebbels, der "Bock von Babelsberg", begehrt die Schauspielerin Dalia Dresner, die er zudem zur "neuen Greta Garbo" für den deutschen Film aufbauen will. Sie ziert sich und schiebt familiären Kummer vor: Dalias Vater ist auf dem Balkan verschollen. Sie möchte ihn unbedingt wiedersehen. Deshalb schickt Goebbels Gunther nach Kroatien. Er soll den Vater aufspüren - eine lebensgefährliche Mission, denn in Südosteuropa nutzen die mit Deutschland verbündeten Volksgruppen die Gelegenheit, mit alten Feinden abzurechnen.

Gunther bereist ein Land, deren Bewohner sich gegenseitig massakrieren. Auch Dalias Vater hat sich in einen Massenmörder verwandelt, den selbst Goebbels nicht in Deutschland sehen will. Deshalb wird Dalia die Wahrheit verschwiegen. Voller Gram über den angeblichen Tod des Vaters zieht sie sich in die neutrale Schweiz zurück. Der verärgerte Goebbels schickt ihr abermals Gunther hinterher, der keineswegs protestiert: Längst unterhält er eine Liebesbeziehung zu Dalia, die streng vor dem eifersüchtigen und rachsüchtigen Goebbels geheim gehalten werden muss...

Kreuz und quer durch das Nazi-Reich

Zum zehnten Mal reist Bernie Gunther durch eine von Nazis besetzte oder unterwanderte Welt. Die Serie folgt keiner strikten Chronologie, obwohl Autor Kerr auf eine stringente Kernhandlung achtet. Trotzdem muss sich der Leser stets vor Augen führen, wo Gunther sich gerade aufhält, mit wem er verbandelt ist oder wer ihm (immer noch) im Nacken sitzt: Wer die Serie regelmäßig verfolgt, ist eindeutig im Vorteil.

Auch bandintern verzichtet Kerr auf eine zeitlich verdichtete und in ihren Einzelereignissen miteinander verknüpfte Handlung. Er folgt damit vorgeblich der Realität, die bekanntlich nicht unbedingt die Reihenfolge A - B - C - etc. einhält. Tatsächlich erzählt Kerr in "Operation Zagreb" zwei Geschichten, die er recht mühsam miteinander verklammert; hinzu kommt eine Rahmenhandlung, die Jahre nach dem Primärgeschehen spielt.

Kerr ist ein sehr fleißiger Autor, der neue Bücher inzwischen in immer geringeren Abständen herausbringt. Die Qualität leidet darunter. Von dem Niveau, das die erste Bernie-Gunther-Trilogie aufweist, können die Leser der neueren Bände nur noch träumen. Dem Erfolg scheint das keinen Abbruch zu tun, was darauf hindeutet, dass Kerr seine "Masche" gefunden hat, die ihm eine unendliche Folge von Gunther-Thrillern ermöglicht.

Kleines Rädchen, großes Maul

Das Rezept ist simpel: Das von den Nazis beherrschte Europa bietet mehr als genug Schauplätze. "Zufällig" gerät Gunther immer dann irgendwohin, wenn sich dort etwas abspielt, das später in die Geschichtsbücher kommt. Meist sind es schmutzige Nazi-Geheimnisse, die realiter erst lange nach Kriegsende aufgedeckt wurden und für ein Aufsehen sorgten, das Kerr sich zunutze macht.

"Politisch korrekt" ist das wohl nicht, aber darüber haben sich vor allem angelsächsische Autoren zumindest in der Unterhaltungsliteratur nie gekümmert. Entsprechend unbekümmert geht Kerr mit der Historie und ihren Figuren um. Eine Goebbels-Figur, wie er sie zeichnet, würde hierzulande auf Missfallen stoßen - zu Recht, denn unter einer dünnen Tünche moderner Erkenntnisse lässt Kerr die altbekannten "Nazi-Krauts" aufleben, deren Reihen er mit Mitläufern durchsetzt, die den kritischen Gunther gern wissen lassen, dass er a) zwar durchaus im Recht ist, sich b) mit seiner zur Schau getragenen Regimekritik jedoch vor allem selbst schadet.

Dies ist der Sinn der plakativen Sache: Kerr schildert Gunther als "guten" Deutschen, der die Augen nicht vor dem allgegenwärtigen Unrecht verschließt oder schweigt. Da Gunther nur ein Rädchen im Getriebe des Nazi-Reiches ist, kann er sein Heldentum nur im Verborgenen blühen lassen, dabei oft scheitern und trotzdem überleben: Kerr liebt es tragisch, was Bernie zudem die Gelegenheit gibt, sich wortreich in weltschmerzreichen Tiraden zu ergehen.

Papagei auf Goebbels Schulter

Keine Buchseite vergeht, ohne dass Gunther die Nazis verdammt. Erstaunlicherweise findet er nicht nur Gehör, sondern auch Zustimmung. Wer wie Goebbels verständlicherweise anderer Meinung ist, achtet Gunther immerhin und überlässt ihm sogar die Schlüssel zum privaten Mercedes-Cabrio, mit dem Bernie durch Berlin braust, um die vom Minister ins Visier genommene Filmschönheit zu beschlafen. Das ist - gelinde gesagt - hanebüchen bzw. so unglaubwürdig, dass es selbst in dieser populärliterarischen Mischung aus Thriller und Abenteuergeschichte störend auffällt.

Die Balkan-Episode ist für das Krimi-Geschehen belanglos. Kerr erzählt Gruselgeschichten aus einem Völkermord, der sich in den 1990er Jahren wiederholt hat - eine historische Parallele, auf der Kerr ausgiebig herumreitet, ohne über Killing-Field-Horror und vordergründige Erschütterung über die Sinnlosigkeit organisierten Mordens hinauszukommen.

Ergiebiger ist die Schweiz-Sequenz. Hier klinkt sich Kerr erfolgreich in ein Geschehen ein, das in der Tat Krimi-Qualitäten besitzt. Seit jeher profitiert die Schweiz von ihrem Neutralitätsstatus. Nicht einmal die Nazis planten ernsthaft eine Eroberung dieses nützlichen Landes, das ihnen ein ansonsten verschlossenes Portal zum Rest der Welt bot. Kerr schildert die Schweiz als Treffpunkt alliierter Geheimdienstler und nazideutscher Emissäre, die jenseits der offiziellen Politik miteinander verhandeln. Hinzu kommen für einheimische Kriegsgewinnler schmutzige aber einträgliche Geschäfte, die nur oberflächlich betrachtet legal und auf jeden Fall moralisch verwerflich sind.

In diesem Umfeld entwickelt sich schließlich doch eine spannende Story. Bernie hat zeitweise so viel zu tun, dass ihm weniger Zeit für schlaue Sprüche bleibt. Natürlich endet die Auflösung für ihn tragisch - so wünscht es der Autor, der wiederum Klischees abspult, die sich ins Gesamtbild eines Historien-Thrillers fügen, der unter einer Serien-Routine leidet, die andererseits das Muster für weitere Fortsetzungen vorgeben.

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