Berliner Blau

Erschienen: April 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Prussian Blue“
- London : Quercus 2017
- Reinbek bei Hamburg : Wunderlich/Rowohlt Verlag 2019. Übersetzung: Axel Merz. ISBN-13: 978-3-8052-0329-6. 638 Seiten
- Reinbek bei Hamburg : Rowohlt E-Book 2019 [eBook]. Übersetzung: Axel Merz. ISBN-13: 978-3-6442-0044-9. 1,14 MB [ePUB]

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Michael Drewniok
Umzingelt von braunen und roten Bestien

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2019

Im Oktober des Jahres 1956 verdingt sich Ex-Polizist, Ex-Detektiv und Ex-Spezialermittler Bernie Gunther als Hoteldetektiv an der französischen Riviera. Dort holt ihn die Vergangenheit ein: Erich Mielke, Leiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, zwingt ihn in seinen Dienst. Gunther soll in England eine Agentin umbringen, die sich dort dem langen Arm des ostdeutschen Geheimdienstes entzogen hat. Zum Schein willigt Gunther ein, ergreift jedoch stattdessen die Flucht. Irgendwo in Deutschland will er untertauchen.

Auf dem langen, von der französischen Polizei und Mielkes Schergen scharf überwachten Weg in die Freiheit erinnert sich Gunther an einen Kriminalfall, den er im April 1939 für einen ebenfalls rücksichtslosen Mann lösen musste: Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, das Kriminalpolizei und Geheime Staatspolizei vereint, schickte ihn auf Hitlers Berghof in Berchtesgaden. Dort wurde (in Abwesenheit des „Führers“) einer der zahlreichen Architekten erschossen, die den Obersalzberg in eine Nazi-Hochburg verwandeln, wobei die Besitzrechte der Einheimischen mit Füßen getreten werden. Verantwortlich dafür ist Martin Bormann, Hitlers rechte Hand auf dem Berghof, ein brutaler, ehrgeiziger Mann, der Gunther sieben Tage Zeit gibt den Fall zu lösen: Dann wird Hitler seinen 50. Geburtstag auf dem Obersalzberg feiern. Der Diktator soll nicht erfahren, dass dort trotz der enormen Sicherheitsmaßnahmen im „Führersperrgebiet“ ein Attentat gelingen konnte.

Gunther gerät in eine Schlangengrube. Auf dem Obersalzberg haben prominente Nazi-Paladine sich möglichst nah bei Hitler eigene Residenzen errichten lassen. In der von Hitler so geliebten Alpenlandschaft setzen sie ihre internen Machtkämpfe ebenso erbittert wie in Berlin fort. Eigentlich würde jeder jeden gern umbringen, wodurch sich die Zahl der Verdächtigen stetig erweitert. Womöglich steckt Bormann persönlich hinter dem Mord - und der würde Gunther nie entkommen lassen, sollte dieser das herausfinden …

Ein Rudel wilder, bösartiger Hunde

Nachdem sich der Staub der Geschichte langsam gelegt hat, treten die traurigen Realitäten des „Dritten Reiches“ immer deutlicher zutage. Längst ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung der Juden u. a. Gruppen oder die Plünderung kriegsbesetzter Regionen nicht auf die Aktionen krimineller Einzeltäter zurückgingen, sondern systemimmanent waren: Das NS-Regime basierte auf Raub. Im Frieden wäre es an seiner Unfähigkeit und seinem Größenwahn gescheitert. Es konnte nur auf Kosten anderer als mörderisches Schneeballsystem bestehen.

Ebenfalls systemtypisch war die Feindseligkeit derer, die sich „dem Volk“ gegenüber als einige, dem „Führer“ zuarbeitende Kaste präsentierten. Um Macht, Einfluss und Geld kämpften sie erbittert, was von Hitler nicht nur ignoriert, sondern sogar gefördert wurde: So lange sich seine Paladine untereinander bekriegten, konnten sie nicht an seinem Stuhl sägen!

So stellt sich das NS-Regime tatsächlich als verzerrtes, ins Gigantische vergrößertes Ebenbild einer Verbrecherbande dar, die so lange ihr Unwesen treiben konnte, wie es ihr gelang, seine Anhänger und Bürger durch Erfolge und finanzielle Zuwendungen zufrieden- und ruhigzustellen. Später dämpfte Terror den nach zunehmend erfolglosen Kriegsjahren aufkeimenden Missmut. Erst der verlorene Krieg konnte der Diktatur ein Ende bereiten.

Das nicht nur banale, sondern auch schäbige Böse

Was dies im historischen Alltag bedeutete, macht Philip Kerr im zwölften Band seiner Bernie-Gunther-Serie deutlich - so deutlich, dass die dabei erzählte Geschichte trotz ihrer Spannung ins Hintertreffen gerät: Die Mischung aus Gewalt, Mord und Dummheit wird von Kerr erstaunlich (bzw. deprimierend) plastisch in Worte gefasst.

Sicherlich hinterlässt „Berliner Blau“ auch deshalb einen starken Eindruck, weil der Autor ein grundsätzliches Problem in den Griff bekommt: Gunther, der durch ironisch gemeinte, aber zeituntypische und wenig originelle Kalauer das miterlebte Unrecht kommentierte, hält sich in dieser Hinsicht endlich zurück. Womöglich ist Kerr zu dem Schluss gekommen, dass es sogar Gunther irgendwann die Sprache verschlägt, weil er mit der elementaren Bosheit der Nazis konfrontiert wird.

Lange galt Hitlers Berchtesgadener Berghof als eher skurrile Episode der NS-Geschichte. Nach und nach stellte sich heraus, dass hier wohl tatsächlich ein ‚zweites Berlin‘ entstand. Dessen Genese spiegelt das gesamte Spektrum zeit- bzw. regimetypischen Unrechts wider. Kerr listet immer neue Verbrechen auf. Enteignung unter Gewaltandrohung, Amtsmissbrauch, Unterschlagung allergrößten Stils, Zwangsarbeit oder Zwangsprostitution stellen nur die Spitze eines kapitalkriminellen Eisbergs dar. Der Mord auf dem Berghof ist kein roter Faden zum Täter, sondern eher eine Zündschnur.

Schlaue Maus in der Falle

Rasch bestätigt sich, was Gunther früh ahnte: Er soll nicht unbedingt ein Verbrechen aufklären, sondern für Unruhe in Berchtesgaden sorgen. Die dort einander belauernden Nazi-Bonzen achten auf ihre Pfründen und reagieren empfindlich auf Veränderungen des Machtgefüges. Gleichzeitig suchen sie stets nach Gründen, einander beim „Führer“ zu verpetzen, um auf diese Weise aufzusteigen, während ihre Gegner in Ungnade fallen.

Kerr personifiziert diese schäbige Brutalität, was in der Figur des Martin Bormann schauerlich gipfelt. Bormann wurde zwar schon 1946 (in Abwesenheit) zum Tode verurteilt, doch es vergingen Jahrzehnte, bis das ganze Ausmaß seiner Verbrechen feststand. Er hatte sich im Hintergrund gehalten und dort seine Stellung als Hitlers Quasi-Stellvertreter systematisch ausgebaut, ohne darüber seinen eigenen Vorteil zu vernachlässigen. Hitler wusste, was er an ihm hatte, und ließ ihn gewähren = die Drecksarbeit machen.

Kerr lässt Hitler selbst nicht auftreten. Ungeachtet dessen ist er stets präsent. Auf dem Obersalzberg ist alles auf seine Ankunft und Anwesenheit zugeschnitten. Absurde Vorschriften und Regeln - oft von Speichelleckern ersonnen, die sich in Hitlers Gedanken- und Wunschwelt hineindenken wollen - prägen den Alltag eines Mikrokosmos‘, der Bühne und Hölle gleichzeitig ist.

Braun oder Rot: Spiegel der Willkür

Hitlers Schergen fürchten stets eine Verschwörung und ziehen einfache, rasche ‚Lösungen‘ der Wahrheit vor. Gegen diese Wand läuft Gunther immer wieder und letztlich vergeblich. Die Wahrheit, die er als fähiger Ermittler natürlich enthüllt, ist faktisch simpel und stellt keine Gefahr für das Regime dar. Gunther begreift zu spät, dass dies gleichgültig ist. Die Wahrheit wird von den Fraktionen der betroffenen oder am Fall interessierten Nazi-Prominenz gebeugt und verzerrt, bis sie in ihr Konzept passt. Dass auf diese Weise die Zahl der (unschuldigen) Opfer die der am Mord tatsächlich Schuldigen übertrifft, ist nazilogisch kein Problem: Das Individuum ist im NS-Reich nur ein Verbrauchsinstrument.

Diese Erkenntnis ist nicht nur für Bernie Gunther ein Schlag ins Gesicht. Für seine Leser schürt Kerr die Realität einer juristisch und moralisch auf den Hund gekommenen Gesellschaft bedrückend einleuchtend. Dass er diese traurige Geschichte in eine Rahmenhandlung einbindet, die offenbar belegen soll, dass der Mensch nicht wirklich aus seinen (historischen) Fehlern lernt, ist allerdings überflüssig und bläht diesen ohnehin seitenstarken Roman unnötig auf. Möglicherweise wusste Kerr bei der Niederschrift bereits um seine schwere Krankheit, weshalb er die Gunther-Serie bewusst voran- und ihrem Ende entgegentrieb. (Tatsächlich blieb ihm die Zeit für zwei weitere Bände.)

Jedenfalls lassen sich die Ereignisse von 1956 sich nie mit denen von 1939 in Verbindung bringen, obwohl Kerr es immer wieder versucht bzw. es behauptet. Doch nicht nur die Tatsache, dass er wenig mehr als eine episodenreiche Flucht beschreibt, lässt diesen Handlungsstrang inhaltlich deutlich abfallen. Zwiespältig bleibt auch Kerrs Sichtweise: Er stellt das Unrecht der Nazis dem des DDR-Regimes mehr oder weniger gleich. Doch Erich Mielke ist kein Martin Bormann, und obwohl die DDR (stellvertretend für den „Ostblock“ bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion) ein Unrechtsstaat war, lassen sich die begangenen Verbrechen nicht 1 : 1 gegenüberstellen.

Fazit:

Band 12 der erfolgreichen Bernie-Gunther-Reihe präsentiert zwei zeitlich und örtlich voneinander getrennte Storys, die eher mühsam als gelungen verknüpft werden. Der zur Nazi-Zeit spielende Handlungsstrang gewinnt Spannung durch Kerrs Geschick in der Darstellung einer elementarkriminellen Nazi-Schar, die ihre Macht skrupellos ausnutzt, um Macht und Reichtum an sich zu raffen: „Berliner Blau“ gehört zweifellos zu den besseren Romanen der Serie.

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