Kalte Hölle

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: Bantam, 2005, Titel: 'A Cold Treachery', Seiten: 373, Originalsprache
  • München: Heyne, 2006, Seiten: 416, Übersetzt: Ursula Gnade

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Sabine Reiß
Der bisher schwächste Teil der Serie

Buch-Rezension von Sabine Reiß Sep 2006

Im nunmehr siebten Band der Serie um den von einer Schützengrabenneurose geplagten Inspector Ian Rutledge geht es abermals düster zu: Die Zeit des Ersten Weltkriegs mit all seinen psychischen und physischen Belastungen ist noch lange nicht verdaut. Insbesondere der wackere Inspector hat noch immer daran zu knabbern, hört er doch die Stimme eines ihm untergebenen Soldaten in seinem Kopf, den er wegen Befehlsverweigerung an der Front erschossen hat. Was zunächst ungewohnt ist, wird, je mehr Bücher von Charles Todd man gelesen hat, zur Selbstverständlichkeit. Zu Beginn ist Hamish, so der Name dieses Soldaten, mehr als nur eine Belastung für Rutledge. Nach und nach mutiert er jedoch quasi zum Gehilfen, spricht die Gedanken des Inspectors aus und beleuchtet Situationen aus einem anderen Blickwinkel, so dass man ihn fast als Hilfe bzw. virtuellen Assistenten bezeichnen könnte.

Der Inspector ist ein Außenseiter

Mit Kalte Hölle haben wir uns in Deutschland nun endlich in die richtige Erscheinungsreihenfolge der englischen Originale eingereiht, nachdem hier als letztes der lange erwarte erste Band Die zweite Stimme erschienen war. Die Entwicklung des Protagonisten geht nur schleichend voran, wenn auch rückblickend eine kleine Besserung seines psychischen Zustandes eingetreten ist. Natürlich werden die Hintergründe seiner Schützengrabenneurose nicht in jedem Band ausführlich thematisiert, aber sie ist dennoch substanzieller Bestandteil seiner Charakterisierung. Jedes Buch aus der Reihe kann sehr gut ohne Vorwissen aus den anderen Büchern gelesen werden.

Rutledges Vorgesetzter bei Scotland Yard kann ihn aus nicht näher definierten Gründen nicht leiden und er selbst fühlt sich in London ebenfalls nicht wohl, so dass er die Gelegenheit für Morduntersuchungen in entlegenen Grafschaften nur zu gerne wahrnimmt, auch wenn die Erfolgchancen teilweise sehr gering sind. Ab und an soll er auch nur als Sündenbock herhalten, sollte nicht alles zur Zufriedenheit der Oberen gelöst werden.

Drama im Lake District

Im abgelegenen Dorf Urskdale wird das Leben einer ganzen Familie ausgelöscht. Der Stiefvater Gerald Elcott, die Mutter Grace sowie Tochter Hazel und die neugeborenen Zwillinge werden vom Bruder des Familienoberhauptes Paul Elcott tot in ihrer Küche aufgefunden. Die Verbindung zwischen den weit auseinander liegenden Schaffarmen war abgebrochen, da ein starker Sturm tobte. Der kleine Josh wird vermisst und Suchmannschaften machen sich auf den Weg mit dem Gedanken, nur noch seine Leiche zu bergen. Musste er das Massaker in der heimischen Küche mit ansehen und ist daraufhin vor dem Mörder geflohen?

Zentrales Thema ist wiederum die Abgeschiedenheit eines Dorfes und dessen eingeschworene Gemeinschaft, die jeden von außen als Eindringling betrachtet und die durch den Mordfall in ihren Grundfesten erschüttert wird. Am liebsten wäre es dem dort diensthabenden Polizisten natürlich, der Mörder wäre nicht unter den Dorfbewohnern zu suchen, sondern durch Zufall auf entlegenen Pfaden zur Farm gekommen, wo er seine Opfer fand, und dann ebenso schnell wieder verschwunden, so unrealistisch das klingen mag. Als Verdächtige mögen daher die Schwester der verstorbenen Grace Elcott, die sich ebenfalls in Gerald verliebt hatte, sowie der erste Ehemann von Grace, der als vermisst galt und daher für tot erklärt wurde, noch am ehesten herhalten.

Die Spannung bleibt auf der Strecke

Positiv ist, dass es dem Autorenduo, bestehend aus Mutter und Sohn, bis zum Ende gelingt, die wahren Begebenheiten zu verschleiern. Sie legen viel Wert darauf, die Geheimnisse einzelner Dorfbewohner so lange wie möglich bewahren. Die Menschen stehen im Mittelpunkt der Geschichte und die Art der Erzählung wirkt sehr intensiv. Die Atmosphäre fesselt zwar wie in den vorigen Büchern auch, doch der Plot hängt gewaltig. Die Suche nach dem verschwundenen Kind ist nicht nur für die handelnden Personen, sondern auch für den Leser sehr ermüdend. Aufgrund der geringen Anzahl an Verdächtigen und den sehr sparsamen Geschehnissen ist die Spannung nicht gerade überragend.

Kalte Hölle ist definitiv der bisher schwächste Krimi in dieser doch beachtenswerten Reihe, die sicher nicht nur Leser unter den Fans historischer Kriminalromane gefunden hat. Das ist schade, denn bereits das chronologisch vorhergehende Buch Stumme Geister fiel in der Bewertung bereits etwas ab und wird hiermit leider nicht übertroffen.

Kalte Hölle

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Letzte Kommentare:
21.01.2009 14:20:40
Janko

Nordengland kurz nach dem ersten Weltkrieg. In dem kleinen, verschneiten Örtchen Urskdale, wird im tiefsten Winter eine ganze Familie ermordet auf ihrem Hof aufgefunden. Einziger Überlebender, der zehnjährige Sohn der Familie. Er ist nun auf der Flucht. Hat er den Mörder gesehen und vor allem, hat der Mörder ihn gesehen oder war es am Ende etwa er selbst gewesen, der diese schreckliche Tat begangen hatte? Inspector Rutledge vom Scottland Yard erhält den Auftrag, sich der Sache anzunehmen und steht zunächst vor einem Rätsel. Die introvertierte, verschlossene, ja fast schon reservierte Haltung der Bewohner der kleinen Ortschaft, ist Rutledge weder willkommen, noch eine große Hilfe für ihn. Niemand will etwas gehört oder gesehen haben, was allerdings aufgrund der Entfernungen zwischen den einzelnen Gehöften nicht weiter verwunderlich erscheint. Tagelang machen sich Suchtrupps auf den Weg, um den Jungen, trotz der klirrenden Kälte und der immer weiter voranschreitenden Zeit, vielleicht doch noch lebend zu bergen. Auch sein leiblicher Vater, sowie die Tante des Jungen machen sich auf die Suche und dabei auch immer wieder verdächtig. Als Rutledge letztlich und mit völliger Absicht die falsche Person inhaftiert, kommt der Stein erst richtig ins Rollen und neue Möglichkeiten eröffnen sich für seine Ermittlungen. Die Erzählweise, des knapp 400-seitigen „Kalte Hölle“ zieht sich leider stellenweise arg in die Länge, was den Spannungsbogen der ersten 200 Seiten auf niedriges Niveau drückt. Auch die Zwangsneurose oder Schützengrabenneurose des Inspectors, die sich in Form einer inneren Stimme stets als sein im Krieg gefallenen Kameraden „Hamish“ offenbarte, halte ich eher für unpassend. Eine gewisse, ansprechende Atmosphäre möchte ich dem eigenständigen, siebten Werk, der Inspector Rutledge-Reihe jedoch keinesfalls absprechen. Hinter dem Pseudonym Charles Todd, verbirgt sich übrigens Charles und seine Mutter Caroline, die beide zu gleichen Teilen an den entsprechenden Werken arbeiten.
Meine Wertung: 70°

06.04.2007 22:05:27
Agatha

Nachdem ich das Buch nun zuende gelesen habe, bin ich wieder ein wenig mit ihm versöhnt. Zwischendurch habe ich nämlich einige mittelschwere Wutanfälle angesichts der Tatsache bekommen, dass man auf Seite 380 im Prinzip noch genauso schlau ist wie auf Seite 20. Einzig die ansprechende Grundthematik und die Atmosphäre retten die Handlung da vor dem Zusammenbruch. Anschließend wird dann alles auf einmal gelöst, und hier schimmert dann das Potential des Autors durch, denn das Ende ist wirklich gut geschrieben. Charles Todd hat also merklich Potential- auch wenn er es in diesem Buch erst auf den letzten 20 Seiten ausschöpft...

16.02.2007 14:55:32
Richard.H

Ein ganz hervorragendes Buch! Hier stimmte so ziemlich alles was zu einem sehr guten Krimi dazugehört.Die Handlung war sehr spannend vom Anfang bis zum Ende.Die Beschreibung der Menschen die dort in dieser unwirtlichen aber doch wieder romantischen Landschaft wohnen war sehr gelungen.Für mich war es jetzt das 2 Buch aus der Inspektor Rutledge Reihe und ganz sicher nicht das letzte! Ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen! Richard.H

29.12.2006 22:19:05
Antje

Endlich wieder ein spannender Krimi, der - passend zur Jahreszeit - in Eis und Schnee stattfindet! Ich fand das Buch sehr spannend und atmosphärisch. Die Schilderungen der eisigen und rauen Gegend ist gelungen und nicht - wie so oft in anderen Büchern - langweilig und ermüdend. Da dies mein erster Roman über Inspector Rutledge war, fand ich die Sache mit der "zweiten Stimme" seines verstorbenen Kriegsgefährten Hamish zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, man kommt aber recht schnell in die Erzählart hinein. Auf jeden Fall werde ich auch die anderen Bände hierzu lesen, denn das Buch macht auf jeden Fall Appetit auf mehr!!

26.11.2006 19:06:19
Volker

Hier ist alles kalt: das frostige Wetter im winterlichen Lake District, die Aufnahme des Londoner Ermittlers durch die Einwohner des kleinen Fleckens Urskdale und die kaltblütige Grausamkeit der Tat.. Man freut sich regelrecht, wenn Inspector Rutledge mal eine Vernehmung in einer warmen gemütlichen Küche vergönnt ist - oder er tatsächlich ein klein wenig zwischenmenschliche Wärme wagt. Stimmungsvoll ist der Roman also und auch die Story bleibt bis zum Ende spannend. Viele falsche Fährten werden ausgelegt und fast jeder Verdächtige hat ein Geheimnis, das er zu verbergen sucht. Insgesamt: empfehlenswert!