Der Tote vom Strand

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 2000, Titel: 'Ewa Morenos Fall', Seiten: 344, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 350, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 350, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • Köln: Random House Audio, 2003, Seiten: 5, Übersetzt: Dietmar Bär, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

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Michael Matzer
Ein erstklassiger Schwedenkrimi

Rezension von Michael Matzer Mai 2003

Zwei Menschen verschwinden, am Strand findet man einen Toten, doch die Wahrheit scheint in einem 16 Jahre zurückliegenden Mord zu suchen zu sein. Inspektorin Ewa Moreno wollte eigentlich Urlaub machen, doch nun hat sie alle Hände voll zu tun. Diesmal spielt weder Kommissar van Veeteren die Hauptrolle, noch spielt das Geschehen in Maardam, dem fiktiven Ort in Nessers fiktivem Europa.

Kurz gesagt: Dieser Krimi ist vom Feinsten und jedem Thrillerfreund zu empfehlen, dem es nicht auf Leichenberge und Blutfontänen ankommt.

Auch Polizisten müssen mal Urlaub machen. Das hat auch Kriminalinspektorin Ewa Moreno vor, die in Maardam in der Station Dienst tut, vor bis vor wenigen Jahren auch "Der Kommissar" Van Veeteren arbeitete, bevor er sich als Betreiber eines Buchantiquariats selbständig gemacht hat.

Moreno freut sich auf vier Wochen Auszeit, die vor allem mit dem Psychologen Mikael bau in dessen Ferienhaus an der Küste verbringen will. Aber mal ehrlich: Kann das der Mann fürs Leben sein, wenn er noch einen Trabbi fährt? Aus dem Test, ob das mehr wird als ein Flirt, dürfte kein positives Ergebnis herauskommen.

Zum Abschied von der Maardam-Wache erhält sie noch den Auftrag, einen Verbrecher in Lejnice zu befragen, um Namen von unentdeckten Verbrechern zu erfahren. Na toll, sie freut sich schon auf das Verhör mit "dem Schleimscheißer". Aber das ist Nebensache.

Im Zug nach Lejnice lernt Ewa nämlich eine weinende junge Frau namens Mikaela Lijphart kennen, die ihren Vater besuchen will. Sie habe erst zu ihrem 18. Geburtstag von ihrer Mutter erzählt bekommen, dass ihr Ziehvater nicht ihr leiblicher Vater sei. Letzterer lebe vielmehr seit 16 Jahren in einer Heilanstalt für Geisteskranke. Doch nachdem Mikaela diesen Arnold Maager besuchte, verschwindet sie, wie Ewa verblüfft herausfindet. Der örtliche Polizeichef Vrommel reagiert jedoch seltsam desinteressiert. Werden in Lejnice keine Vermissten mehr gesucht?

Da scheint es vor 16 Jahren ein ungesühntes Verbrechen gegeben zu haben, für das man den Lehrer und Familienvater Arnold Maager verurteilen wollte. Er hatte eine seiner Schülerinnen namens Winnie Maas angeblich zuerst geschwängert und dann von einer Brücke gestürzt. Diese Vorgeschichte wird am Anfang jedes Buchteils weiter enthüllt, was doch für einige Spannung sorgt.

Nun verschwindet Arnold Maager wenige Tage nach seiner Tochter, und keinen scheint es zu kümmern. Dann stoßen am Strand zwei "Schätzgräber" spielende Jungen auf die Leiche eines Mannes. Es handelt sich um einen gewissen Tim van Rippe.

Durch Hinzuziehen ortsfremder Untersuchungsbeamten zur Aufklärung dieses Mordes deckt Ewa eine Verbindung von van Rippe zu Polizeichef Vrommel auf. Zu blöd. Nun bleibt ihr nur ein Weg offen: Sie muss die lokale Presse einschalten, um tiefer in der Vergangenheit zu graben und die Vermisstenanzeigen für Mikaela und ihren Vater zu veröffentlichen.

Doch am Schluss steht wie so oft die Frage, wie man mit der aufgedeckten Wahrheit umgeht. Wie soll Gerechtigkeit aussehen? Da hilft ihr die philosophische Weisheit van Veeterens, den geistigen Übervater der Maardam-Polizisten.

"Der Tote vom Strand" hat mir noch besser gefallen als Der unglückliche Mörder. Die Handlung ist vielschichtiger und bereit zu jedem Zeitpunkt einiges Kopfzerbrechen, zumal die wichtigen Fakten nur scheibchenweise enthüllt werden. Zum anderen spielt mit Ewa Moreno zur Abwechslung mal eine (für eine Polizistin) recht einfühlsame Frau die Hauptfigur. Eigentlich wollte sie ja Urlaub machen, nicht zwei Mörder jagen. Sie ist eine recht sympathische Figur, ohne dabei ihre Schwächen zu verdecken.

Nesser wird immer besser. Er charakterisiert selbst seine Nebenfiguren, dass man sie sich bildlich vorstellen. Mikael Bau fährt einen Trabbi, Winnie Maas´ Mutter lebt in einem Saustall, Arnold Maager vegetiert, wiewohl unschuldig, vor sich hin, und Polizeichef Vrommel stählt sich als Single mit Liegestützen statt auf Verbrecherhatz zu gehen.

Natürlich muss man eine Weile über die im Buch mitgeteilten Fakten grübeln und sie erst einmal zusammensetzen. Der leser ist von Anfang zur Mitarbeit aufgefordert. Denn Nesser hebt anders als Mankell nie den mahnenden Zeigefinger, führt uns aber weiter in das Labyrinth menschlicher Leidenschaft und Schuldverstrickung.

Am Schluss, wenn man sich vom Schrecken halbwegs erholt hat, wartet kein Richterspruch. Niemand enthebt uns der Verantwortung, selbst Gerechtigkeit walten zu lassen. Und diese Aufgabe stellt sich als schwieriger heraus als erwartet. Allenfalls gibt es so etwas wie "poetische Gerechtigkeit". Man kann froh sein, wenn es die "richtigen" trifft und nicht die "Guten". Der Übergang ist eh fließend.

Diese Offenheit und Wahlfreiheit hat mich weit mehr für Nessers Buch eingenommen als alle deutlichen Zeigefinger und Anklagen.

"Der Tote am Strand" ist ein von Anfang bis Ende überzeugender Krimi von einem Könner. Eine Ermittlerin ist vielleicht nicht jeder Manns Sache, sorgt aber für eine neue Würze und eine erhöhte Sensibilität bei der Aufdeckung der begangenen Verbrechen. Nesser erzählt ganz anders als seine amerikanischen Kollegen, erklärt nicht alles haarklein und findet eine Zone des (Un-) Rechts, wo die Antwort nicht offensichtlich und vorgefertigt ist.

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