Das vierte Opfer

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Bonnier, 1994, Titel: 'Borkmanns punkt', Seiten: 299, Originalsprache
  • München: btb, 1999, Seiten: 287, Übersetzt: Christel Hildebrandt
  • Augsburg: Weltbild, 2001, Seiten: 287
  • Köln: Random House Audio, 2002, Seiten: 1
  • München: btb, 2011, Seiten: 287

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Tyrel Tyrel
Sparsam dosierte Spannung

Buch-Rezension von Tyrel Tyrel Mai 2003

Kaalbringen, ein verschlafener, fiktiver Küstenort, ist Schauplatz einer grausamen Mordserie: Ein Axtmörder geht um!

Außer seinen nahezu kopflosen Opfern hinterlässt er keine verwertbaren Spuren, so dass die Polizei im Dunkeln tappt. Unter der Bevölkerung macht sich langsam Angst breit, da niemand weiß, wann und wo der geheimnisvolle Täter wieder zuschlagen wird.

Zufällig befindet sich Hauptkommissar Van Veeteren, ein erfahrener Ermittler, in der Gegend, um Urlaub zu machen. Mit der Erholung ist es jedoch vorbei, als er zur Verstärkung nach Kaalbringen angefordert wird. Gemeinsam mit einem Kollegen versucht er die dortige Polizei bei der Lösung des Falls zu unterstützen.

Die Lage spitzt sich zu, als ein viertes Opfer, das dem Täter offenbar auf der Spur war, in die Hände des Mörders gerät. Die Suche nach dem entscheidenden Puzzlestück wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit...

Mehr lässt sich tatsächlich nicht über den Inhalt dieses klassischen "Whodonit"-Krimis des schwedischen Autors Hakan Nesser sagen, ohne zu viel von der Handlung und der Auflösung preiszugeben. Aber allein das verrät schon einiges über die Schnörkellosigkeit und Gradlinigkeit des Romans. Und damit befindet sich Hakan Nesser in der bewährten Tradition der unsentimentalen Sjöwall/Wahlöö-Romane aus den Siebziger Jahren und des derzeit so populären Kommissar Wallander von Henning Mankell.

Und doch ist Hakan Nesser gleichzeitig der Vertreter eines ganz anderen eigenwilligen Stils, dessen Beschreibung offenbar schwer fällt, denn auch wenn ich mich häufig über irreleitende Klappentexte ärgere, geht dieser hier aus meiner Sicht besonders weit am tatsächlichen Inhalt des Romans und seiner Diktion vorbei.

Der erste Satz erstaunt kaum. Auch mit Van Veeteren wurde wieder eine Figur geschaffen, die den Leser über mehrere Romane mit schwierigen Fällen und persönlichen Problemen beschäftigt. "Das vierte Opfer" ist dabei das dritte Buch aus der inzwischen mehrfach preisgekrönten Krimiserie.

Hinsichtlich der Attribute "packend" und "furios" kommen bei mir schon erhebliche Zweifel auf.

Langweilig kann man den Roman sicherlich nicht nennen, er lässt sich gut und ohne Längen lesen, aber ich bin keineswegs in die Verlegenheit gekommen, vor Aufregung schlaflose Nächte zu haben, bis die letzte Seite gelesen war. Und auch unter dem Begriff "furios" verstehe ich etwas anderes. Gewiss ziehen der Spannungsbogen und das Tempo auf den letzten Seiten merklich an, der Gesamteindruck bleibt jedoch der eines gemächlich dahinplätschernden Romans.

Mit der Formulierung auf dem Klappentext wird der Leser ganz klar auf die falsche Fährte geführt. Offenbar nimmt der Verlag an, dass man mit einem Actionthriller mehr Leser anlocken kann als mit der eher zutreffenden Beschreibung als "gut durchdachten und ruhigen Kriminalroman". Bedauerlich, wenn die irrtümlich erweckte Erwartungshaltung zu einer ungerechtfertigten Beurteilung des Werks führen würde.

Apropos falsche Fährte: Ich bin zwar keineswegs ein erfahrener Krimileser, der sich durch große Erfolge bei der literarischen Tätersuche profilieren kann, aber die Identität des Mörders hat mich am Schluss entgegen der vollmundigen Ankündigung doch kein bisschen überrascht. Erstaunt hat mich vielmehr, dass auch Van Veeteren schließlich nur mit Hilfe seiner Lebenserfahrung und Intuition die richtige Spur entdeckt. Logische Kombinationsgabe bleibt trotz der zermürbenden und vermutlich realitätsgetreuen Ermittlungsarbeiten weitgehend auf der Strecke. Zum Mitraten und Schlussfolgern ist nur wenig Raum.

Einen poetischeren Stil oder tieferen Einblick konnte ich zumindest nicht ausmachen. In Sachen Lokalkolorit und Bildhaftigkeit bleibt Nesser in der rein fiktiven Kulisse Kaalbringens zurückhaltend. Auch die Ausflüge in Van Veeterens innere Gedankenwelt können diese Lücke nicht ausgleichen.

Ich habe auch nicht das Gefühl bekommen, Hauptkommissar Van Veeteren besonders gut kennen gelernt zu haben. Ich weiß zwar, dass er ein eigenbrötlerischer und distanzierter Mann mit einem konfliktbehafteten Verhältnis zu seinem Sohn und einer Vorliebe für gutes Essen und klassische Musik ist. Alles in allem ähnelt er sehr den typisch schwedischen melancholischen Antihelden. Aber ein richtiges Profil kann er in diesem Roman genauso wenig wie die anderen Figuren entwickeln.

Das mag seinen Grund auch darin haben, dass Nesser mit der Einführung neuer Personen in die Handlung auch vielfach die Perspektive wechselt, so dass Van Veeteren seine wenigen eindringlichen und wegweisenden Auftritte mit anderen Personen teilen muss. Eine tiefgehende Charakterstudie unterbleibt zwangsläufig.

Was bleibt ist laut Klappentext die "nicht mindere Qualität". Und die gibt es, wie sonst würde es "Das vierte Opfer" trotz knapper Charakterzeichnungen schaffen, nicht oberflächlich zu wirken?

Wer einen zweiten Kommissar Wallander erwartet, dürfte enttäuscht werden. Nesser beschreibt seine Krimiwelten nüchterner, sachlicher und ruhiger als sein erfolgreicher Kollege Mankell. "Das vierte Opfer" enthält auch keine sozialkritischen Studien über die zunehmende Verrohung der skandinavischen Gesellschaft. Stattdessen bietet Nesser sparsam dosierte Spannung, einen unspektakulären Handlungsaufbau und verhaltene psychologische Überlegungen.

Ob das als Qualifikation für den Kauf weiterer Romane über Van Veeteren für mein Bücherregal ausreicht, wage ich zu bezweifeln. Dafür wird dieses Genre aus meiner Sicht besser und fantasievoller von anderen Autoren bedient. So gesehen kann es noch einige Zeit dauern, bis ich mein knappes "empfehlenswert" für diesen Roman durch eine Ergänzung der Reihe entweder bestätigen oder revidieren werde.

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