Weiß wie die Unschuld

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2003
  • Helsinki: Tammi, 1996, Titel: 'Luminainen', Seiten: 352, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, Seiten: 347, Übersetzt: Gabriele Schrey-Vasara
Weiß wie die Unschuld
Weiß wie die Unschuld
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Thomas Kürten
58°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2003

Blass wie der finnische Winter

Mit "Weiß wie die Unschuld" liegt der fünfte von acht Romanen der finnischen Erfolgsautorin Leena Lehtolainen auf deutscher Sprache vor. Da die Romane jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge hierzulande erschienen sind, ist "Weiß wie die Unschuld" eigentlich erst der vierte Fall der jungen Kommissarin bei der Polizei in Espoo. Und auch Lehtolainen kann sich einem Phänomen nicht entziehen, das bei so vielen Krimiautoren auftritt: Nachdem der erste Roman wie eine Bombe einschlägt, folgt oft mit dem zweiten oder dritten Roman die Ernüchterung.

Um es vorweg zu nehmen, "Weiß wie die Unschuld" ist unter den bislang auf deutsch vorliegenden Romanen Lehtolainens der schwächste. Mit Abstand sogar und gleich aus mehreren Gründen:

  • Zu starkes und einseitiges Gewicht auf die Entwicklung ihrer Heldin Maria Kallio,
  • Ein wenig fesselnder Mordfall,
  • Blass bleibende Besetzung der Nebenrollen,
  • Überdeutlich betonte feministische Akzente,
  • Zusammenhanglose Nebenhandlung, die wenig überzeugend Action einbringt.

Maria Kallio ermittelt die Umstände des Todes von Elina Rosberg, die in ihrem Haus ein Therapiezentrum für Frauen betrieb. Die Psychotherapeutin war aus Fernsehdiskussionen als beherzte Feministin bekannt und ließ keine Männer in ihrem Hause zu. Allerdings unterhielt sie eine Beziehung zu einem Dichter, von der niemand wissen durfte. Am zweiten Weihnachtsabend verließ sie das Haus, bekleidet nur mit ihrem Nachthemd, und wurde am folgenden Tag erfroren im angrenzenden Wald gefunden. In ihrem Blut ein tödlicher Mix aus Alkohol, Schlafmittel und Antibiotika. Selbstmord, Unglück oder eiskaltes Verbrechen?

Rachsüchtiger Gewaltverbrecher auf Flucht

Die Nachforschungen der Kommissarin konzentriert sich auf die Frauen, die über Weihnachten bei Elina Zuflucht gesucht haben und den Liebhaber der Toten, als plötzlich eine Nachricht sie und ihren Kollegen Palo in Alarm versetzen. Ein Gewaltverbrecher, der ihnen beiden Rache geschworen hat, ist aus dem Gefängnis entflohen. Und tatsächlich bringt er Palo in seine Gewalt und verschanzt sich mit ihm. Im Zuge der misslungenen Polizeiaktion sterben beide im Kugelhagel. Kallios Gedanken schwirren viel um die Gefahren ihres Jobs und wie sie in ihrer besonderen Situation (Kallio ist schwanger) damit umgehen kann. Überhaupt, diese Schwangerschaft. Ihren Umgang mit fast jeder der in diesem Roman handelnden Personen bringt Kallio irgendwie in Verbindung mit dem Thema Schwangerschaft. Zu viel des guten.

Tja und dann? Wenig passiert in Zusammenhang mit den Ermittlungen. Kallio unterhält sich und scheint sich mehr für das Schicksal der Frauen aus dem Therapiezentrum zu interessieren als für die Aufklärung des Verbrechens. Ihre Ausflüge in das Leben der Frauen, die Kallio natürlich nachdringlich prägen werden (das braucht ja wohl nicht extra erwähnt werden), wirken leider niemals so, als ob sie etwas anderes als Füllmaterial werden sollten. Besonderes Erstaunen weckte die seitenlange Lebensbeichte einer Frau aus Nordfinnland, die die besonderen Probleme eines jungen Mädchens aus streng-christlichem Elternhaus schilderte.

Autorin hilflos wie die Polizisten in ihrem Buch

Action? Fehlanzeige. Nein, halt! Da ist dann ja plötzlich dieser Gewaltverbrecher, der Kallios Kollegen entführt. Aber genauso hilflos wie die Polizisten im Roman präsentiert sich Lehtolainen beim Versuch, den Einsatz des Sonderkommandos in die Handlung einzubetten. Bleibt eigentlich nur, Kallio eine weiterhin ruhige Restschwangerschaft und eine leichte Geburt zu wünschen.

Lehtolainen kann es besser. Einer ihrer späteren Roman, der auch schon auf deutsch erschienen ist (Zeit zu sterben) behandelt ein ähnliches Thema wesentlich souveräner. Auch hier kann sie Frauenschicksale dem Leser ausbreiten, durch den beinahe vollständigen Verzicht auf Kallio und ihre heile Privatwelt schafft sie es dort jedoch wesentlich besser, diese in eine ansprechende Handlung einzubauen. Vielleicht darf man vor diesem Hintergrund "Weiß wie die Unschuld" als einen frühen und nicht sonderlich gut geglückten Versuch werten.

Weiß wie die Unschuld

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