Sein letzter Wille

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Dutton, 2011, Titel: 'Live wire', Seiten: 375, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2012, Seiten: 400, Übersetzt: Gunnar Kwisinski

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Andreas Kurth
Macho-Sprüche mit hohem Unterhaltungswert

Buch-Rezension von Andreas Kurth Okt 2011

Myron Bolitar, Mitinhaber einer Agentur für Sportler und Musiker sowie gelegentlicher Privatdetektiv, steckt in einer Zwickmühle. Seine Klientin Suzze Trevantino, eine einstmals gefeierte Tennisspielerin, bittet ihn mal wieder um seine Hilfe. Offenbar ist ihr Ehemann Lex, Rockmusiker und ebenfalls Klient von Myron, spurlos verschwunden. Suzze ist hochschwanger, und sie fürchtet, Lex habe einen Hinweis auf ihrer Facebook-Seite, er sei nicht der Vater des Kindes, zum Anlass genommen, um sich abzusetzen. Die Suche dauert nicht lange, Lex wird in einem Nachtclub aufgespürt und von Myron mit der Situation konfrontiert. Als plötzlich seine Schwägerin Kitty Bolitar auftaucht, gerät die Lage allerdings völlig außer Kontrolle – und Myron rutscht in einen Fall hinein, der ihn auch weit in die Vergangenheit seiner eigenen Familie führt. Es gibt viele Rätsel zu lösen – und nicht alle Beteiligten überleben die Suche nach der Wahrheit.

Während das geneigte Lese-Publikum die Werke von Harlan Coben durchweg positiv aufgenommen hat, musste der Autor von meinen Rezensenten-Kollegen einige Tiefschläge einstecken. Während sich das bei den Einzel-Romanen des Autors in Grenzen hielt und er dort überwiegend positive Beurteilungen bekam, ist die Myron-Bolitar-Reihe bei zwei Besprechungen glatt durchgefallen. Die Geschichte des Protagonisten sei auserzählt, die Dialoge auf dem Niveau von Spät-Pubertierenden. Jürgen Priester stellt sogar fest: "Typen wie dieser Win und Myron Bolitar sind Relikte aus den frühen 1990er Jahren und seit dem Ende der Spaßgesellschaft nicht mehr zeitgemäß." Da hat er absolut recht. Und deshalb muss ich mich hier jetzt mal gnadenlos outen: Mir hat die Geschichte trotzdem richtig gut gefallen, ich habe mich ausgezeichnet unterhalten gefühlt. Das liegt vielleicht daran, dass ich auch die Stallone-Filme "Rocky Balboa" und "John Rambo" gemocht habe, in denen jeweils der gealterte Held zurück ins Rampenlicht gezogen wurde. Vermutlich sind diese Filme – wie auch der aktuelle Roman von Harlan Coben – für eine spezielle Altersgruppe von Männern und Jugendlichen gemacht. Vom filmischen und literarischen Anspruch her mag das in die mittlere Schublade gehören, aber der Unterhaltungswert ist nach meiner Auffassung ganz enorm.

Sein letzter Wille ist der zehnte Fall der Myron-Bolitar-Reihe, und für mich der erste Roman, den ich von Harlan Coben gelesen habe. Vermutlich bin ich deshalb auch etwas unvoreingenommener an die Lektüre herangegangen, meinetwegen mag man es auch naiv nennen. Wenn man sich auf die spannende Geschichte einlässt, die in der Sport- und Musik-Szene der amerikanischen Ostküste spielt, bekommt man einige richtig schräge Charaktere serviert, die auch etliche Klischees bedienen. Freakige und selbstverliebte Musiker, von ihren Eltern auf den Tennisplatz geprügelte junge Mädchen, die ihre Erfolge mit psychischen Problemen bezahlen, einen Agenten, der sich in alter Macho-Manier als Beschützer aufspielt, und eben den scheinbar hirnlosen Sohn reicher Eltern, der seinem Kumpel die Spielzeuge der Reichen für seinen Feldzug gegen das Böse zur Verfügung stellt. Die familiären Probleme des Protagonisten dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und das alles kombiniert mit Dialogen, die Literatur-Ästheten die Nase rümpfen lassen.

Ist Sein letzter Wille deshalb ein Schund-Roman? Die Antwort darauf lässt sich nur geben, wenn klar ist, welche Maßstäbe man an ein solches Buch legt. Coben pflegt einen wirklich packenden Erzählstil, seine plastischen und lebendigen Beschreibungen sorgen stets dafür, dass der Leser bestens unterhalten und orientiert ist. Der Plot bietet einige überraschende Wendungen, auch wenn man zugeben muss, dass die Geschichte hier und da etwas abschweift. Aber der Beginn fesselt sofort den Leser, die – im Wortsinne - schlagfertigen Protagonisten geraten in unerwartete Probleme, und die dazu gehörige Action rundet die Sache durchaus gekonnt ab. Wenn man bereit ist, sich von den oberflächlich betrachtet pubertär wirkenden Dialoge nicht blenden zu lassen, findet man in Myron Bolitar einen durchaus komplexen Charakter. Ein Familienmensch mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, der von seinen Eltern geprägt wurde, und unter dem Verschwinden seines Bruders auch deshalb leidet, weil er eine unrühmliche Rolle dabei gespielt zu haben glaubt. Er stochert bei seinen Nachforschungen lange im Nebel, und der Leser dürfte die Auflösung der verschiedenen Rätsel erst im letzten Drittel erahnen.

Wer also protziges Macho-Gehabe, die dazu gehörenden Sprüche, kombiniert mit Spannung und Action, durchaus vertragen kann, liegt bei Harlan Coben richtig. Handwerklich ist sein Roman allemal gelungen, die unterschwellige Spannung wird kontinuierlich gesteigert, es gibt ein fulminantes und anschließend nachdenkliches Finale. Wer allerdings "Big Cindy" im Batgirl-Kostüm für eine unverzeihliche literarische Verfehlung hält, sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen und sich literarisch höher stehenden Werken zuwenden. Er verpasst dann allerdings ein ganz spezielles Lesevergnügen.

Sein letzter Wille

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Letzte Kommentare:
28.01.2015 12:22:42
volker.reads

Und wieder ein guter Krimi, der mit viel Spannung, sorgfältiger Charakterzeichnung und lakonischem Humor daherkommt. Gut, die Geschichte ist ziemlich überkonstruiert (da denke ich, manchmal ist weniger mehr), hat aber einen interessanten Plot, der einige Überaschungen bietet und Lust auf mehr Coben macht.

12.01.2014 12:39:53
Oldman

Okay, ich muß mich als eingefleischter Coben-Fan gleich mal outen. Seine Stand alones sind überwiegend Weltklasse, und die Myron Bolitar-Reihe hat Charaktere hervorgebracht, die m.E. ziemlich einmalig sind. Die Nebenfiguren, wie Win oder Big Cindy, genießen Comiceigenschaften, das muß man natürlich nicht mögen. Aber diese Krimis sind reine Unterhaltungsliteratur, der Suspense steht nicht im Vordergrund, sondern hier ist Entertainment Trumpf. Erstaunlich, daß es offenbar noch keine Verfilmungen gibt. Jedenfalls kenne ich keine Krimi-Reihe, bei der man stellenweise zum lauten Lachen gezwungen wird, wenn man halt diese Art auch mag. Verquaste Krimis, bei denen die Autoren immer bizarrere Tötungsarten ersinnen, gibt es genug.

15.07.2013 08:30:51
vifu

Nun hab ich´s doch mal eben gelesen und fühl mich gut unterhalten! Dies war mein 6ter Bolitar-Band. Zunächst wollte ich Myron und Win ja schon abhaken unter zu old fashioned, aber "Sein letzter Wille" hat mich schön eingewickelt und mir ein paar nette Lesestunden spendiert. Die Charaktere wurden durch die Familienstory abgerundet und auch etwas verständlicher. Die Randfiguren sind lustig, also für den Urlaub eine gute Empfehlung!

07.10.2012 10:39:02
ReadRat099

Bisher habe ich alle Coben Bücher gelesen, weil sie immer sehr spannend waren. Dieses Buch war jedoch mit Abstand das Schwächste. Ich musste mich regelrecht quälen es zu Ende zu lesen. Bis zum 1. Toten vergehen über 100 langatmige Seiten, es kam überhaupt keine Spannung auf

Fazit:
Diese Buch braucht man als Coben Fan nicht zu lesen

14.08.2012 20:50:44
Nina.Jan

Spoiler:
Diese Rezension enthält KEINE Spoiler!

Titel:
Das Buch trägt den Titel „Sein letzter Wille“ (2012). Dieser Titel ist typisch für Thriller/Krimis. Ihn gibt es in verschiedenen Abwandlungen sicher zig mal. Im englische Original trägt der Thriller übrigens den Namen „Live Wire“, was soviel bedeutet wie „Energiebündel“ beziehungsweise „unter Strom stehen“. Auch hier ist es mir wieder einmal völlig unverständlich wieso man den englischen Titel nicht einfach übersetzen und übernehmen konnte.

Autor:
„Sein letzter Wille“ wurde von Harlan Coben geschrieben, einem amerikanischen Thriller-Autor. Er veröffentlichte 1995 sein erstes Werk und machte sich mit der Thriller-Reihe rund um den Promi-Manager Myron Bolitar bald einen Namen. Harlan Coben gewann viele Literatur-Preise, unter anderem den Edgar Allan Poe Award. Seit 1995 schreibt er kontinuierlich an seiner Thriller-Reihe weiter und in den nächsten Jahren werden bestimmt noch weitere Bücher von ihm erscheinen.

Cover:
Das Cover zeigt einen grauen, wolkenverhangenen Himmel, in dessen Vordergrund der Ast eines Baumes mit auffällig roten Blätter zu sehen sind. Das Motiv erzeugt zwar eine interessante Stimmung, hat aber keinerlei Zusammenhang zum eigentlichen Buch und scheint völlig beliebig ausgewählt worden zu sein.

Zusammenfassung:
Myron Bolitar führt zusammen mit einem Freund eine florierende Agentur für Promis aller Art. Er managt nicht nur Filmstars und Sportler sondern auch allerlei berühmte Musiker. Eines Tages wendet sich die Ex-Tennisspielerin Suzze an ihn und bittet Myron bei einem persönlichen Problem um Hilfe. Suzze ist schwanger und eigentlich glücklich mit dem Musiker Lex Rider verheiratet. Der lässt sie jedoch kurz vor der Geburt ihres gemeinsamen Kindes vom einen Tag auf den anderen sitzen. Grund dafür ist ein Facebook-Kommentar. In diesem Zweifelt eine Unbekannte die Vaterschaft von Lex Rider an.

Myron versucht seinem Schützling zu helfen und macht sich auf die Suche nach Lex Rider. Dabei begibt er sich niht nur persönlich in Gefahr, sondern zieht auch seine eigene Familie mit in die Intrigen des Show-Business hinein.

Kritik:
„Sein letzter Wille“ ist ein eher ungewöhnliches Buch mit einer interessanten, modernen Idee. Und das ist auch schon das einzig positive, was man darüber verlauten kann. Ich habe mich beim Kauf vom Klappentext in die Irre leiten lassen. Die Geschichte mit dem Facebook-Kommentar hat sich interessant und modern angehört. Ich erwartete eine Art Internet-Thriller, wie ich sie schon des öfteren gelesen habe – allerdings noch nie im Zusammenhang mit Facebook.

Die Geschichte kommt nur langsam in die Gänge. Man muss sich seitenweise irgendwelche Geschichten über Promis und deren Drogen-Leben anhören, bevor der erste Mord passiert.

Auch der Schreibstil konnte mich nicht überzeugen. Er ist oberflächlich und relativ stumpfsinnig. Das Buch besteht für meinen Geschmack aus viel zu viel wörtlicher Rede. Für ein Drehbuch würde sich diese Art von Schreibstil vielleicht eignen, aber nicht für einen ganzen Roman, der flüssig zu lesen sein muss. Zudem wird überall reißerisch die ach so tolle Promi-Welt mit Dachterrasse, Privatjet und Groupie-Sex angeprisen. Als sehr störend empfand ich auch den Humor des Autors beziehungsweise dessen Charakteren. Es kommen zwar relativ viele flotte Sprüche vor, diese sind aber meistens billig und zünden nicht – zumindest nicht bei mir.

Am wenigsten haben mir jedoch die Charaktere gefallen. Sie sind zwar hipp und modern, werden aber alle nur sehr oberflächlich und lieblos beschrieben. Keiner der Personen wurde mir während der Geschichte wirklich sympathisch.
Zum Plot der Geschichte kann man nur sagen, dass er zwar logisch ist und ein interessantes Ende bietet, aber insgesamt wegen den oben genannten Mängeln nicht überzeugen kann. Das Buch zieht sich sehr in die Länge

Sein letzter Wille“ möchte ein hipper und moderner Krimi sein, kann jedoch insgesamt nicht überzeugen. Die Idee Facebook in ein Buch zu integrieren, ist zwar interessant, aber letztendlich ist die gesamte Umsetzung des Buches aus oben genannten Gründen nicht gelungen.

27.07.2012 13:30:00
Calimero

Wozu ein erholsamer Urlaub doch gut ist. Calimero liest wieder und schreibt nach 5 Jahren wieder seinen ersten Beitrag bei KC. :-)
Warum tue ich das? Logisch...weil es dieser Coben war, der mich wieder für Krimis entzündet hat.
Der Erzählstil ist einfach einmal. Big Cindy, der Macho Myron und der unverwechselbare Win machen auch dieses Buch zu einem echten Highlight. Oft musste ich laut lachen und nun sitzt meine Liebste ebenfalls an diesem Buch (Coben lässt den Blutkoffer ja auch meistens zu).

Fazit: es macht wieder Spaß Krimis zu lesen. Coben sei Dank. Dass muss doch als Wertun reichen?! 89°

Spoiler:
das Ende ist ja furchtbar...war es das etwa???