TV-Serie:
Endeavour - Der junge Inspector Morse

Serien-Spezial von Jochen König

Nationales Kulturgut in Großbritannien – und Geheimtipp für Deutschland

Die britische Krimiserie mit dem eigenwilligen Inspector Morse erfreut sich in ihrem Heimatland sehr großer Beliebtheit. Hierzulande jedoch kennen die charmante und kluge Serie, die in den 1960er Jahren in Oxford spielt, nur wenige. Was sich schnell ändern lässt. Hier die Geschichte des Autors, seiner Serie und ein paar Tipps dazu aus der Krimi-Couch-Redaktion:

Die erfreuliche Entwicklung eines Spätberufenen

Colin Dexters Werdegang liest sich wie der Traum des Chefredakteurs einer Herz-Schmerz-Boulevard-Postille. Dexter war Lehrer an der Corby Grammar School, Northamptonshire, bis ihn seine zunehmende Taubheit aus der Lehrtätigkeit in die Prüfungskommission (Delegacy of Local Examinations) der Oxford-University verbannte. 1973 (andere Quellen sagen '72) las der damals zweiundvierzigjährige Dexter im verregneten Wales-Urlaub aus Langeweile zwei Kriminalromane. Und befand, dass er es besser könne. Mit dem daraus folgenden Roman-Debüt »Last Bus to Woodstock« wurde Inspector Morse geboren. Nach dreizehn Romanen und diversen Kurzgeschichten entschied sich Colin Dexter zu einem radikalen Schritt und ließ Morse während seiner letzten Ermittlung sterben. Da war Inspector Morse bereits nationales Kulturgut und Dexter ein vielfach gelesener und ausgezeichneter Autor. Unter anderem bekam er zwei »Silver-«, zwei »Gold Dagger« sowie den »Cartier Diamond Dagger« fürs Lebenswerk.

Kreuzworträtsel, Wagner, Kult-TV

Zur enormen Popularität trug maßgeblich bei, dass seine Romane, plus Anlehnungen daran, zu einer Fernsehserie umgearbeitet wurden. Die Verfilmungen mit dem Klassik liebenden Kreuzworträtselfan Morse waren ein Riesenerfolg. Der auch dem Morse-Darsteller John Thaw zu verdanken war, der dem knarzigen, so unorthodoxen wie unbestechlichen Polizisten ein ausdrucksvolles Gesicht verlieh. Und alle Belange der komplexen Figur eindrücklich wiederspiegelte. Denn Morse war nicht nur ein begnadeter Denker und Polizist, sondern sprach auch dem Alkohol mit Genuss und Beständigkeit zu, wurde in Liebesdingen oft enttäuscht und machte bei Weitem nicht die Karriere, die er hätte haben können, wenn er sich etwas angepasster gegeben hätte. Dabei ist Morse kein Revoluzzer, sondern nur ein standhafter Mann mit Prinzipien, die um Kleinigkeiten wie Wahrheit und Gerechtigkeit kreisen.

Das heißt aber nicht, dass Morse unfehlbar wäre. Im Gegenteil. Es wird schon mal der falsche Verdächtige verhaftet. Doch führen gerade diese Irrwege schlussendlich zur Ergreifung des tatsächlichen Täters. Und das zeichnet Morse aus: Er lernt aus seinen Fehlern und verschleiert sie nicht. Zumindest beruflich. Im Privatleben agiert der sonst so eloquente Redner und scharfsinnige Analytiker eher unbeholfen, mitunter fast ein wenig tölpelhaft. Was die Figur umso sympathischer macht.

»Karriere macht man durchs Mitspielen, nicht alleine durch Grips. Also jedenfalls, Sie stoßen alle nur vor den Kopf!«, meint Sergeant Jim Strange. »Aber nicht mit Absicht«, entgegnet der junge DC Morse. »Nein, einfach so.« Strange kennt seinen Kumpel.

Morse in Deutschland – ein steiniger Weg

In Deutschland wurden Dexters Romane und die Serie stiefmütterlich behandelt. Die Erstausstrahlung erfolgte 1989 in der DDR. Mittlerweile ist die erste Staffel auf DVD erhältlich. Möchte man in den Genuss aller Folgen kommen, ist man auf die englischsprachige Gesamtausgabe angewiesen. Die es allerdings zu sehr akzeptablen Preisen käuflich zu erwerben gibt.

Mit den Romanen sieht es ähnlich aus. Derzeit sind die Übersetzungen lediglich antiquarisch erhältlich. Und das zu teilweise horrenden Kursen. Flohmarktglück ist angesagt. Selbst Colin Dexters Tod im März 2017 war bislang der deutschen Verlagslandschaft nicht Veranlassung genug, eine Neuausgabe zu wagen. Ebenso wenig die positive Resonanz auf das Prequel »Endeavour« (dt. »Der junge Inspektor Morse«), welches seine Premiere auf ZDF-Neo feierte und dessen fünfte Staffel gerade abgedreht sein dürfte.

Lewis & Hathaway – ein würdiger Ableger

Besser als dem Original erging es hierzulande »Lewis«, dem Spin-Off, das Morses Partner und Assistenten im Zentrum hatte. Ähnlich clever und gestrickt wie Morse, blieb Lewis eine bodenständigere Variante seines ehemaligen Chefs. Dem traurige und nachdenkliche Züge verliehen wurden, da seine Wiederkehr als führender Ermittler auch geprägt war vom Unfalltod seiner Frau. Der Todesfahrer beging Fahrerflucht und Lewis verschlug es ins Ausland, bevor er seine Arbeit in Oxford wieder aufnahm. Als Detective Inspector, mit dem Ex-Priesterseminaristen DS James Hathaway an seiner Seite, machte Lewis seinem ehemaligen Chef keine Schande. Die Qualitäten des Originals, verzwickte Fälle, aufmerksame Ermittlungen, spritzige Dialoge und exzellente Schauspielerleistungen, wurden hinübergerettet. Kevin Whately übernahm seine alte Rolle wieder. Gekonnt knüpften sämtliche Beteiligte an den großen Vorgänger an. Bis 2015 brachte es »Lewis« auf neun Staffeln. Dann schloss Whately mit seinem Charakter ab, und die Serie wurde eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt lief bereits ein weiteres Spin Off: »Endeavour«(übers.: das Bemühen/die Anstrengung). Auf Deutsch, ohne Gespür für den Witz des Titels, unspektakulär »Der junge Inspektor Morse« benannt. Geschildert wird der Start des jungen DC Morse, nach Abbruch seines Studiums und einer Zeit als Funker beim Militär, Mitte der Sechziger als Polizist in Oxford.

Der ironische Charme von »Endeavour« liegt darin, dass Morse sein Vornamen nicht gefiel und er ihn weitgehend geheim hielt. Normalerweise verliefen Unterhaltungen wie folgt:

»If you’re going to call me Monica, what shall I call you?«
»Morse. Everyone just calls me Morse!«

Dieser pointierte Dialog fällt in der zweiten Folge der Originalserie mit dem legendären John Thaw in der zweiten ikonischen TV-Rolle seines Lebens (nach Detective Inspector Jack Regan in »The Sweeney« – dt. »Die Füchse«). Als Morse im Jahr 2000 starb hatte er in sechs Staffeln, insgesamt 33 Folgen und fünf Specials, ermittelt. John Thaw überlebte seinen Charakter nur um knapp zwei Jahre. Als er Morses letzten kniffeligen Fall löste, war er bereits schwer erkrankt. Und hinterließ große Fußstapfen, in die Shaun Evans als seine jüngere Ausgabe hineintreten muss. Eine Aufgabe, die Evans mit Bravour bewältigt.

Endeavour – ein bravouröses Prequel mit hervorragender Darstellerriege

»Endeavour« brilliert durch die Bank – wie seine Vorläufer – durch ein extrem stimmiges und exzellent aufspielendes Ensemble. Roger Allam, der bereits als demenzkranker Offizier in der zweiten »The Missing«-Staffel glänzte, ist, als Morses direkter Vorgesetzter und Partner Fred Thursday, bärbeißiger und tougher Polizist wie väterlicher Freund. Er liefert eine durchweg starke und facettenreiche Performance, die abseits seines Daseins als Polizist, von einem verletzlichen Vater und Ehemann erzählt, einem gepeinigten Kriegsveteranen und vieles mehr. Sarah Vickers als Thursdays Tochter Joan besticht sowohl durch Charme und Lebenslust wie im weiteren Verlauf als traumatisiertes Gewaltopfer. Ihr macht Morses Liebe und Indifferenz genauso zu schaffen wie ihm selbst.

Herausragend auch James Bradshaw als Pathologe Dr. Max DeBryn, dessen ältere Version anfangs auch in der Originalserie auftaucht (ähnlich wie der immer weiter beförderte ehemalige »Kumpel« Strange), sowie Anton Lesser als vorgesetzter Superintendent Bright. Eine ambivalente Figur, die einerseits obrigkeitshörig agiert, auf der anderen Seite aber schützend seine Hand über Thursday und Morse hält. Eine dankenswerte Alternative zu all hochrangigen Polizisten, die unverständig ihren Untergebenen nur Steine in den Weg legen und zu einem der lästigsten Klischees der jüngeren Kriminalliteratur und des Filmwesens geworden sind.

Als Journalistin Dorothea Frazil spielt John Thaws Tochter Abigail eine wichtige Nebenrolle. Doch nicht nur besetzungstechnisch weiß »Endeavour« zu gefallen, auch visuell ist die Serie gekonnt umgesetzt und schafft eine stilechte Sechziger-Jahre-Atmosphäre. Vielleicht am schönsten und treffendsten zu sehen in der einleitenden Sequenz zur Folge »Irrungen« aus der vierten Staffel, in der die Dreharbeiten zu einem Fernsehbeitrag mit der fiktiven Band Wildwood inszeniert werden wie der Videoclip einer originalen Formation der Swingin’ Sixties. Musik und Visualisierung sind perfekte Reflektionen der Vergangenheit.

Ein Karrierestart voller Hindernisse und Tücken

Zu Beginn sehen wir Endeavour Morse als frustriertes Mitglied der County Police, der die Kündigung schon fast im Kasten hat. Sofort fällt der scharfsinnige wie unorthodoxe Fremdkörper Morse DI Thursday auf, der Morse unter seine Fittiche nimmt und nach Oxford holt. Die Kündigung wird nicht abgeschickt.

Thursday und Morse ermitteln zielstrebig und weitgehend unparteiisch im universitären, wertekonservativen (meist in seiner ranzigsten Bedeutung) Oxfords. Morse gelingt es gleich zu Beginn die geheimbündlerische »bessere« Gesellschaft zu brüskieren. Ihn interessiert keine Herkunft, kein Rang, Namen oder eine mögliche Freimaurer-Mitgliedschaft, wenn es um Verdächtige geht. Was ihm mächtige Feinde einbringt, die seine Beförderung zum Sergeant nachhaltig verzögern. Bis eine heldenhafte Tat eine weitere Sabotage unmöglich werden lässt.

Bis dahin haben die Beamten sich um ermordete Mädchen gekümmert, haben Mysteriöses mit Geistererscheinungen erlebt, bei den Reichen und Schönen für Unruhe und Verhaftungen gesorgt und sind einem Serienkiller begegnet, der Morse auf dessen Fachgebiet, der klassischen Musik, herausfordert. Auch auf Bandenkriminalität wird eingegangen, was besonders Thursday an den Rand eines Abgrunds treibt.

Endeavour bedeutet übersetzt nicht ohne Grund »bemühen«

»Endeavour« zeichnet sich dadurch aus, dass die Fälle zwar verzwickt und meist durch Denk- und Laufarbeit gelöst werden, jedoch kein gemütliches (cozy!) Rätselraten vorm Kamin oder im Vorgarten des Vikars stattfindet. Meist spielen (Macht)missbrauch, Geldgier, Neid, Eifersucht oder psychische Deformationen eine gewichtige Rolle. Besonderen Wert wird auf den Einfluss der Vergangenheit auf Täter, Opfer und Ermittler gelegt. Mit am Intensivsten in der Folge »Dunkle Mächte«, in der Fred Thursday höchst nachdrücklich an seine Kriegsvergangenheit erinnert wird. Auch politische Themen wie Feminismus oder Atomkraft werden effektvoll abgehandelt. »Endeavour« scheut sich nicht vor der Düsternis und behält doch immer eine Spur lapidarer und auch sarkastischer Komik bei. Dabei nimmt die Serie jede Figur ernst und zeigt gekonnt, dass kein Handeln, keine Tat ohne Konsequenzen bleibt. Auf vordergründige Action wird meist verzichtet, die durchgehende Spannung bezieht ihre Wirkung aus den Personenkonstellationen, der verschachtelten Erzählweise und der nachdenklichen Ermittlungsarbeit. Die, wie bereits erwähnt, auch mal zu fehlerhaften Schlussfolgerungen führen kann, die aber dennoch den Grundstein für die Klärung des jeweiligen Falls in sich bergen. So bleibt »Endeavour«, wie schon seine Vorgänger, angenehm geerdet. Selbst exotische Killer fügen sich nahtlos ein, ohne trügerische Phantastik bemühen zu müssen. Von ferne grüßt Cornell Woolrich freundlich.

Was Hitchcock kann, gefällt auch Dexter – Kurzauftritte

Wie in den Serien zuvor, ließ es sich Colin Dexter nicht nehmen, solange seine Gesundheit mitspielte, »Endeavour« mit Cameo-Auftritten zu adeln. Er tat Recht daran. Denn »Endeavour« ist eine der elegantesten, charmantesten Serien der letzten Jahre. Es wird nicht nur Zeitkolorit beschworen und der Rätselkrimi gepflegt, »Endeavour« schafft mit gewitzter Leichtigkeit einen Brückenschlag in die Moderne und besitzt genügend Tiefe um für nachhaltige Wirkung zu sorgen. Dazu trägt auch der exzellente Soundtrack des langjährigen Haus- und Hofkomponisten Barrington Pheloung bei, in dessen Zentrum wie gewohnt die bewährte Titelmelodie steht, die sich aus dem Morse-Code von MORSE entwickelt. Eine so einfache wie geniale Idee, in der Umsetzung die Atmosphäre der Serie(n) perfekt treffend und auslotend.

Shaun Evans oder eine Idealbesetzung

Zum Abschluss noch ein Loblied auf Shaun Evans, der hierzulande nicht einmal eine Wikipedia-Eintrag besitzt. Wie Evans zwischen den Polen spröder Verletzlichkeit und unbeirrbarer Hartnäckigkeit pendelt, ist große Schauspielkunst. Man könnte ihm stundenlang zusehen wie er Fälle, Menschen und Motivationen entschlüsselt, in seinen eigenen Belangen aber – gerade was die bedeutungsschweren Beziehungen zu Frauen angeht -, mit einer rührenden Hilflosigkeit agiert. Ein empathischer Mann, mit breitgefächertem Wissen, genauer Beobachtungsgabe, Intuition und dem Können dies logisch anzuwenden. Auch das Getriebene des ehemaligen Oxford-Studenten mit glänzenden Aussichten auf eine wissenschaftliche Karriere lässt Evans sichtbar werden. Snobistische Bekanntschaften wussten schon immer, dass aus ihm nichts wird. Ein Polizist. Kaum mehr wert als ein Fußabtreter. Wird alles passgenau in die Serie eingebaut (gerade das Spiel mit Standesdünkeln rückt ab und an in den Fokus) und von Evans ebenso umgesetzt.

Die ersten beiden »Endeavour«-Staffeln sind gerade bei edel:motion auf DVD erschienen, Staffel drei geht ab März und Staffel vier ab Juni in den Verkauf. Auf die kommende fünfte Staffel freuen wir uns, egal in welcher Form sie zuerst veröffentlicht wird.

Cover und Fotos: © edel:motion/itv

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