Mord am Oxford-Kanal

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

  • London: Macmillan, 1989, Titel: 'The Wench Is Dead', Seiten: 200, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1990, Seiten: 185, Übersetzt: Christiane Friederike Bamberg
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1995, Seiten: 185

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Michael Drewniok
Wohl der außergewöhnlichste dieser großartigen Reihe

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Chefinspektor Morse von der Thames Valley Police mag ein unkonventioneller, aber genialer Kriminalist sein, doch sein Privatleben kann nur als verheerend bezeichnet werden. Ein jeglichem körperlichen Sport abholder Bücherwurm und Musikfreund ist er, und den Genuss steigert er gern durch viel Nikotin und noch mehr Alkohol. Im sechsten Jahrzehnt seines Lebens erhält er nun die Quittung: Nach heftigen Blutungen in Magen und Zwölffingerdarm konnte man ihn gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus einliefern. Dort liegt er nun und ist den unangenehmen Fragen der Ärzte nach seinen Trinkgewohnheiten, den wenig freundlichen Krankenschwestern und vor allem seiner Angst und Langeweile ausgeliefert.

Der Zufall fügt es, dass der Mann im Nebenbett, mit dem es das Schicksal noch wesentlich schlechter als mit Morse meinte, diesem ein Büchlein hinterlässt, das sich mit einem ungelösten Mordfall des Jahres 1859 beschäftigt. Im Sommer dieses Jahres war Joanne Franks tot und offensichtlich erdrosselt oder erschlagen in den Fluten des Oxford-Kanals gefunden worden. Die nicht mehr ganz junge, wenig begüterte Frau hatte für eine Reise von Liverpool nach London (wo sie von ihrem Gatten erwartet wurde) eine Passage auf der "Barbara Bay" erworben, einem der zahlreichen Lastkähne, die damals Waren aller Art über den genannten Kanal in die Hauptstadt beförderten.

Die Besatzung des Kahns stellte natürlich die Hauptverdächtigten; eine vierköpfige Gruppe rauer Kerls, die sich Zeugen gegenüber höchst ungebührlich über ihren Passagier geäußert hatten. Die gerichtliche Untersuchung konnte den Fall nicht wirklich klären. Sie endete trotzdem für zwei der Angeklagten mit einem Todesurteil; die Justiz des 19. Jahrhunderts ging stets lieber das Risiko ein, zwei Unschuldige hinzurichten als einen Mörder entkommen zu lassen. Viele Fragen blieben offen im Mordfall Franks, auch wenn die Akte offiziell geschlossen wurde.

Fast anderthalb Jahrhunderte später beschließt Morse, den Mord an Joanne Franks neu aufzurollen - es ist dies die gerade richtige Aufgabe für einen langsam genesenden, hochintelligenten Polizisten, der Kreuzworträtsel über alles liebt. Weniger begeistert ist der treue Sergeant Lewis, der wieder einmal nicht weiß, wie ihm durch seinen sprunghaften Vorgesetzten und Freund geschieht. Aber der hat Feuer gefangen. Die zart erblühende Romanze zwischen Morse und der Bibliothekarin Christine Greenaway ist ein weiterer guter Grund, sich dem Franks-Fall weiterhin zu widmen. Immer tiefer dringt Morse in die Geheimnisse der Vergangenheit ein - und enthüllt ein viktorianisches Komplott, das eindrucksvoll bestätigt, wie einfallsreich die Menschen zu allen Zeiten in ihrem Bemühen waren, sich ungesetzlich zu bereichern ...

Der achte Fall des Chefinspektors Endeavour Morse ist wohl der außergewöhnlichste dieser großartigen Reihe. Es gibt keine mehr oder weniger detailliert beschriebenen polizeilichen Ermittlungen, kein schaurig-schwarzhumoriges Intermezzo in der Leichenhalle, keine Verfolgungsjagd, der Kriminalist liegt krank und hilflos auf dem Rücken, und das Mordopfer wurde vor mehr als einem Jahrhundert von seinem Schicksal ereilt. Doch was eigentlich gegen sämtliche Regeln des Krimispaßes verstößt, bringt eine von der ersten bis zur letzten Zeile ebenso spannende wie witzige und sogar bewegende Geschichte hervor. Inspektor Morse und Colin Dexter entdecken das Handicap als Herausforderung, und beide meistern sie diese glänzend.

Der wahre Forschergeist kann selbst auf dem Totenbett keine Ruhe geben; er findet immer eine Möglichkeit, sich den Beschränkungen zu entziehen, denen der Körper unterliegt. Es ist ein Riesenspaß zu verfolgen, wie der matt gesetzte Morse im Krankenhaus recherchiert, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Helfer und Hilfsmittel einsetzt, improvisiert, sich irrt, einem Geistesblitz nachgibt und sich unbeirrbar der Lösung seines eigentlich sinnlosen Falles nähert. So klar wie in "Mord am Oxford-Kanal" ist es Dexter wohl nie gelungen seinen Lesern deutlich zu machen, wie sein Inspektor Morse funktioniert. Genie, Irrtum und allzu Menschliches liegen eng zusammen im Hirn dieses seltsamen Mannes, der klassische Musik und Literatur, komplizierte Rätsel und billige Softpornos liebt.

Morses Leben ist stets auch ein Kampf gegen die Tücke des Objekts, die allgegenwärtige Einsamkeit und den Stolz. Dieses Mal wird er in allen Punkten gefordert, denn als Patient ist Morse hilflos und sieht sich ganz anderen Kräften ausgesetzt als in "seinem" Polizeirevier. Dort hat er sich in langen Jahren einen Freiraum erkämpft, den ihm nicht einmal seine Vorgesetzten streitig zu machen wagen. Doch im Krankenhaus ist Morse zunächst nur eine Nummer, und vor allem leidet seine Selbstachtung, denn er ist weitaus empfindsamer als er die Welt wissen lassen möchte. Freilich dauert es nicht allzu lange, bis er sich mit der neuen Umgebung arrangiert hat, und dann ist er bald wieder der alte.

Der Plot von "Mord am Oxford-Kanal" ist ebenso schlicht wie genial, so dass rasch die Vermutung aufkeimt, Dexter stütze sich hier auf eine wahre Begebenheit. Dem ist in der Tat so, und der Verfasser gibt in seinem Dankeswort selbst den Hinweis auf die Geschichte der Christine Collins, die im Jahre 1839 auf dem Trent and Mersey Canal (auch "Grand Trunk" genannt) nahe Rugely in Staffordshire einem Mord zum Opfer fiel. Allerdings ist die Realität ein wenig nüchterner als Dexters Version; die unglückliche Collins wurde wohl wirklich von einigen Kanalschiffern missbraucht und anschließend umgebracht. Dexter arrangiert die Fakten dagegen neu und entwirft ein wesentlich komplexeres Bild, das dem angeblichen Opfer eine neue Rolle in einem düsteren Spiel zuweist.

Und wie er dies macht - das verdient Bewunderung. Selten hat man die Möglichkeit, einen wahren Meister bei der Arbeit zu beobachten. Dexter verschränkt nicht nur die historische Wahrheit nahtlos mit der Fiktion - er lässt es auch noch trügerisch oder besser spielerisch einfach aussehen! Die Verfasser der heute so beliebten "historischen" Kriminalromane (die man eigentlich korrekter "historisierend" nennen müsste, aber lassen wir das hier) prunken gern mit ihrem mühsam angelesenen Wissen und vergessen darüber rasch, dass dies die Mehrheit der Leser nur insoweit interessiert, wie es der Geschichte nützt. Auch Dexter gestattet sich Abschweifungen, aber er weist sie geschickt seinem Inspektor Morse zu, dessen Haken schlagenden Gedankengänge wir auf diese Weise besser kennenlernen.

Ansonsten trifft absolut zu, was der Dichter Thomas Carlyle einst in Worte fasste: "Alles, was die Menschheit je getan, gedacht oder erreicht hat, und alles, was sie je gewesen ist, findet sich wundersam bewahrt auf den Seiten von Büchern." (Dexter zitiert ihn auf der Seite 109.) Hier mag Ihres Rezensenten Begeisterung mit ihm durchgehen, denn er ist ja selbst Historiker und kann nur bestätigen, was Morse erstaunt registrieren muss: Die Vergangenheit ist ein aufgeschlagenes Buch, in dem sich noch nach vielen Jahren mehr nachlesen lässt als dies der Laie denkt, wenn man nur weiß, wie man es anstellen muss. Seit vielen Jahrhunderten gibt es Menschen, die von Berufs wegen oder aus Passion niederschreiben, was um sie herum geschieht. Mit dem nötigen Fachwissen und ein bisschen Glück sind daher Enthüllungen, wie sie Morse hier gelingen, durchaus in der Realität möglich. Umgekehrt ist es gar nicht so einfach bis unmöglich, jeden Beleg für ein Ereignis zu tilgen - es hinterlässt stets mehr Spuren, als man ahnen würde, und wir Historiker sind darauf geschult, diese aufzuspüren und ihnen zu folgen!

Insofern gibt es eine enge Verbindung zwischen dem Polizisten oder Detektiv und dem Historiker. Inspektor Morse ist übrigens beides, denn er stammt zwar aus einfachen Verhältnissen, kam aber in den Genuss einer klassischen Ausbildung, doch leider nicht zu einem Vermögen, so dass er sich nach einem Brotjob umschauen musste und die Polizeiarbeit wählte, die seinen Neigungen noch am ehesten entsprach. Colin Dexter wiederum ist in gewisser Weise ein Alter Ego seines Inspektors, dem gelang, was diesem versagt blieb bzw. weniger interessierte als die gesetzlich sanktionierte Möglichkeit, im Privatleben anderer Menschen herumzustochern: eine (mehr oder weniger) geruhsame Gelehrten-Karriere, die durch den Erfolg der Morse-Romane und noch mehr der nach ihnen entstandenen TV-Serie für Dexter von einem Ruhestand in Wohlstand und Ansehen gekrönt wurde.

Leider veranlasste ihn dies dazu, Morse im Verlauf seines 13. Falls ("Und kurz ist unser Leben") im Jahre 1999 kurzerhand umzubringen, was zumindest unter den Krimifreunden besagtes Ansehen einigen Schaden nehmen ließ. Andererseits trat Morse - anders als Inspektoren wie Pitt, Jury, Lynley und allzu viele andere, vor allem aber der grässliche Commissario Brunetti - ab, als es am schönsten war und man ihn noch richtig vermisste. Dafür muss man Colin Dexter - der übrigens auch nicht mehr der Jüngste (Jahrgang 1930) ist - dann schon wieder Anerkennung zollen.

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Letzte Kommentare:
09.10.2012 16:01:44
Michael Hoffmann

Nur der Vollständigkeit halber (und für den Krimi-Historiker):
Auch J.Tey war nicht der "Erfinder" des aus dem Krankenbett heraus ermittelndem Kommissar.
Viel früher (1932) schrieb Simenon sein "Der verrückte von Bergerac". Allerdings geht es da nicht um einen historischen, sondern aktuellen Mordfall.

30.01.2012 13:58:29
M.Albrecht

Also-als erstes habe ich nun gelernt-wie relativ KC Bewertungen sein können-leider stellt sich die Frage bei 100°- wofür ?Die Handlung welche fast ausschliesslich im Krankenhaus mit der Aufarbeitung alter Unterlagen handelt erzeugt de facto Null Spannung.Fazit:Eine Exhumierung in einem Kapitel-gar keine Spannung-das war nichts für mich

27.08.2009 22:02:01
heinrich

Vorweg – ich fand den Roman gut (86°)
Es war mein zweiter Inspektor Morse Roman. Den ersten, „Die schweigende Welt des Nicholas Quinn“ fand ich eher belanglos. Allerdings ist auch dieses Buch nur Lesern zu empfehlen, die mit dem „altmodischen“ Ermittler und mit Büchern, deren Stärke in der erzählerischen Kraft liegen, etwas anfangen können.
In diesem Fall spielt sich die überwiegende Handlung im Kopf des Inspektors ab, da der zu untersuchende Fall schon vor über 100 Jahren abgeurteilt wurde. Auch wird den privaten Umständen des kranken und alleinlebenden Polizisten viel Raum gewidmet. Aber wer den Aufbau des Buches mit seinen den Kapiteln vorangestellten Zitaten und den Zeichnungen zu schätzen weiß, hat ein tiefgehendes Lese-Erlebnis.

16.02.2009 10:18:20
mylo

Ein sehr menschlciher Morse, der mit all seinen Schwächen und WehWehchen vom Krankenbett einen historischen Fall aufklärt, ja einen Justitzirrtum quasi belegt. Mit eines der besten Bücher von Dexter und natürlich auch mit einem Preis bedacht. Fast alles aus der Reihe ist ja fast Preisverdächtig, doch bei Dexter beginnen die Preise da, wo andere erst garnicht ran reichen.

Punkte 95

08.11.2004 22:50:56
Michael Drewniok

... wobei "Richard der Verleumdete" unter dem Titel "Alibi für einen König" 1995 im Rio-Verlag zu Zürich neu erschienen und in dieser Ausgabe antiquarisch womöglich leichter zu erhaschen ist - es lohnt sich, da gebe ich Rolf Wamer Recht.

08.11.2004 18:13:34
Rolf Wamers

Dem (Krimi-) Historiker bleibt nur noch eine kurze Anmerkung zu Michael Drewnioks begeisterter jund begeisternder Rezension. Colin Dexter, ein Kenner des Genres, wusste natürlich, dass ein anderer Krimi mit einem Inspektor im Krankenhaus, der einen historischen Mordfall löst, regelmäßig zu den besten Krimis aller Zeiten gezählt wird ( J. Tey: Richard der Verleumdete). Den wollte er übertreffen. Das ist ihm spielend gelungen.