Das vertauschte Gesicht

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 1999, Titel: 'Sol och skugga', Seiten: 403, Originalsprache
  • München: Claasen, 2001, Seiten: 447, Übersetzt: Angelika Kutsch
  • München: Ullstein, 2002, Seiten: 447
  • Berlin: Ullstein, 2004, Seiten: 447
  • Berlin: Ullstein, 2006, Seiten: 464

Couch-Wertung:

52°
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Peter Kümmel
Nicht mehr als knapper Durchschnitt

Buch-Rezension von Peter Kümmel Sep 2003

Der Roman beginnt zunächst sehr privat. Angela, die Freundin des Kommissars Erik Winter ist schwanger und bereitet sich gerade auf ihren Umzug in die Wohnung ihres Lebensgefährten vor. Da bekommt Winter einen Anruf von seiner Mutter aus Spanien, dem Alterswohnsitz seiner Eltern. Winters Vater hat einen Herzinfarkt erlitten und ringt im Krankenhaus mit dem Tod. Winter fliegt sofort nach Spanien, wo er die nächsten paar Tage größtenteils in der Klinik verbringt.

Derweil haben sich seine Kollegen bei der Polizei in Göteborg vorwiegend mit Kleinkram zu beschäftigen, bis sie von einem Hausmeister eines Hauses in unmittelbarer Nachbarschaft von Winters Wohnung benachrichtigt werden. Einem Zeitungsjungen war aufgefallen, dass sich vor einer Wohnung dieses Hauses bereits die Zeitungen stapeln. Doch hört man aus der Wohnung seit Tagen ständig die gleiche laute furchtbare Musik, wie sich später herausstellt Black Metal. Aus dem Briefkastenschlitz dringt ein schrecklicher Gestank.

Nachdem der Hausmeister im Beisein der Polizei die Tür öffnet, findet man ein grauenvolles Szenario vor. Auf dem Sofa sitzt ein nacktes Paar, die Hände fest umschlungen und schauen sich an. Eine dunkle Kruste verläuft rings um ihre Hälse. Das Ganze wirkt irgendwie skurril, bis man feststellt, dass die Köpfe der beiden Toten vertauscht wurden. An der Wand findet sich mit roter Farbe ein eingekreistes W und dahinter die Buchstaben ALL.

Die Ermittlungen der Polizei gestalten sich schwierig. Die Ermordeten, das Ehepaar Valker, lebten sehr zurückgezogen, flirteten jedoch beide gerne mit Personen vom anderen Geschlecht. Freunde oder Bekannte hatten sie jedoch fast nicht. So verfolgen die Ermittler zunächst, welche Bedeutung die Musik haben könnte. Zunächst findet sich niemand, der die Gruppe kennt, dann stellt sich heraus, dass es sich um Black Metal aus Kanada handelt. Doch auch dies bringt die Polizei nicht so recht weiter.

"Das vertauschte Gesicht" ist wieder ein typischer schwedischer Kriminalroman. Doch nicht nur das, er ist einfach "zu" typisch. Wüsste man nicht, dass der Autor des Buches Edwardson heißt, könnte man vermuten, einen frühen Mankell in den Händen zu halten. Sowohl die einfache und direkte Sprache als auch die melancholische Stimmung des Romans erinnern an das Aushängeschild der schwedischen Kriminalliteratur.

Das Buch beginnt mit fünf Handlungssträngen nebeneinander. Da ist zum einen Erik Winter bei seinen Eltern in Spanien, dann seine Freundin in Göteborg, die beiden Streifenpolizisten Morelius und Bartram während ihres Dienstes, dann die Polizeipsychologin Hanne Östergaard, die Probleme mit ihrer Tochter Maria hat sowie der Polizist Bergenhem, ebenfalls mit Problemen mit seiner Familie. Und dann ist da sogar noch ein sechster Handlungsstrang, sehr abstrakt geschildert, so daß man den Eindruck bekommt, es hier mit dem psychisch gestörten Mörder zu tun zu haben. Später kommen weitere Nebenstränge hinzu oder die bereits bestehenden teilen sich noch weiter auf. Im Prinzip verlaufen alle diese Stränge über den gesamten Roman hin parallel, berühren oder kreuzen sich hin und wieder, ohne jedoch, wie in den meisten Fällen, auf einen bestimmten Punkt aufeinander zu zu laufen.

Und diese ganzen unterschiedlichen Handlungen wechseln in oft sehr kurzen Szenen, manchmal nur über ein paar Absätze, miteinander ab, so daß der Roman insgesamt einen sehr hektischen und unaufgeräumten Eindruck macht. Dabei wirken manche Szenenwechsel sehr uninspiriert und chronologisch unlogisch. So wird z.B. die Schilderung des Dienstes der Streifenpolizisten nur kurz unterbrochen, um den Telefonanruf von Winters Mutter in der Nacht sowie Winters Abflug am nächsten Morgen zu schildern.

Durch die verschiedenen Perspektiven, aus denen das Geschehen erzählt wird, ist der Leser den Ermittlern immer ein wenig voraus. Der Schreibstil Edwardsons ist, wie bereits erwähnt, sachlich nüchtern und sehr einfach. Doch wirken manchen Sätze sprachlich etwas verdreht, so daß man den Eindruck bekommt, die Übersetzerin hätte schlechte Arbeit geleistet.

Der Kriminalroman beginnt erst, nachdem bereits ein Viertel des Buches vorüber ist. Der erste Teil bleibt fast vollkommen dem Privatleben von Kommissar Erik Winter vorbehalten, was natürlich bei Romanen mit einem Serienhelden statthaft ist, doch den einen oder anderen Leser bis dahin schon verprellt haben könnte.

Gesellschaftskritik ist ein zentraler Bestandteil in allen schwedischen Krimis. Sehr gut eingefangen sind die Zustände in Schwedens zweitgrößter Stadt Göteborg. Die hektische Betriebsamkeit in der nächtlichen Stadt mit ihren kleinen und großen Verbrechen kommt sehr gut rüber. Auf der Vergnügungsstraße Avenyn treiben sich jeden Abend die Jugendlichen herum. Alkohol und Drogen sind dort allgegenwärtig, die Stimmung ist sehr gereizt und aggressiv. Arbeitslosigkeit sorgt dafür, dass die Verbrechensrate ansteigt, der Alkoholkonsum und die Pornografie anwächst und Gewalt der Eltern gegen ihre Kinder sich verstärkt. Die Polizisten werden mit all diesen Dingen konfrontiert und stehen doch meist hilflos gegenüber, haben sie doch zumeist mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. All dies hat Edwardsson gerade durch seine hektische Schreibweise besser eingefangen als manch anderer seiner schreibenden Landsleute.

Überhaupt sehr realistisch wirkt die Polizeiarbeit, wie sie Edwardsson schildert. Da geht es nicht nur um einen spektakulären Fall, sondern seine "Helden" kämpfen an vielen Fronten, vor allem an ihren eigenen. Sämtliche vorkommenden Personen wirken überaus glaubhaft und sind hervorragend dargestellt, was Edwardson vor allem dadurch erreicht, dass er oft die Gedanken der Charaktere schildert. Hier zeigt sich die journalistische Ausbildung des Schriftstellers. Bis ins Detail genau hervorragend recherchiert erzählt der Autor den typischen Polizeialltag.

Doch mit dem Spannungsaufbau, einem sehr wichtigen Faktor für einen guten Kriminalroman, tut sich der Autor zuweilen schwer. In der Theorie nutzt er alle literarischen Elemente, die ein spannender Krimi braucht, doch drängt er dem Leser geradezu einen Verdächtigen so sehr auf, dass man schon frühzeitig glaubt, Bescheid zu wissen. Kurz vor Schluß erst kommen dem Leser dann doch Zweifel an der Identität des Mörders, da Edwardson plötzlich umschwenkt und den Verdacht auf eine andere Person lenkt. Dies mag manch einer als positive Idee hervorheben, für mich wirkte es jedoch ziemlich plump, auch wenn man nicht weiß, ist die Lösung jetzt wirklich so einfach oder ist es doch ganz anders?

Das Ende enttäuscht absolut. Zu viele Fragen bleiben offen, zu viele Handlungsstränge verlaufen im Sande. Fakten und Motive bleiben ungeklärt. Wieder eines der vielen Bücher, bei denen man den Eindruck hat, am Ende hat der Autor keine Zeit mehr gehabt. Edwardson schildert das Geschehen, ohne Erklärungen zu liefern und lässt den Leser unbefriedigt zurück.

Es ist schwierig für mich, hier ein eindeutiges Fazit ziehen zu können. Zu sehr beeinflußt bin ich bereits von Romanen anderer schwedischer Kriminalautoren. Wer in diesem Genre noch nicht so belesen ist, dem wird Åke Edwardson sicherlich neue Eindrücke und einen interessanten Schreibstil vermitteln können. Für mich wirkt hier zu viel kopiert und nachgeahmt. Durch ein wenig mehr persönliche Note bieten sich Autor und Protagonist noch gute Entwicklungsmöglichkeiten. Dem "vertauschten Gesicht" jedoch kann ich nicht mehr als knappen Durchschnitt bescheinigen.

Das vertauschte Gesicht

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