Toter Mann

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 2007, Titel: 'Nästan död man', Originalsprache
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2009, Übersetzt: Aljinovic, Boris
  • Berlin: List, 2010, Seiten: 537

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Lars Schafft
Göteborg noir

Buch-Rezension von Lars Schafft Okt 2009

Wer bei Åke Edwardson davon ausgeht, einen stinknormalen Schwedenkrimi zu lesen, ist schief gewickelt. Hier geht nichts stringent ab, hier mixt der Autor munter Perspektive, Zeit und Ort - er haut sie dem Leser gar recht um Ohren. Das ist nicht leicht zu lesen und auch nicht trivial zu verstehen. Auch wenn der neunte Fall für Kommissar Erik Winter aus Göteborg entfernt an Stieg Larssons Verblendung erinnert.

Zu Anfang jedoch gar nicht. Wir haben es in Toter Mann nichtmals mit einem Verbrechen auf den knapp ersten hundert Seiten zu tun. Winters Kollege Lars findet einen abgestellten Wagen im Zentrum Göteborgs mit laufendem Motor. Was zwar in der schwedischen Hafenstadt nicht erlaubt ist, jedoch nicht weiter schwerwiegen sollte. Wären da nicht Kugeln im Futter. Von einer Waffe, einem Schützen oder gar einem Verwundeten fehlt jede Spur.

Szenenwechsel: Irgendwo in Göteborg haust ein Romanautor, der sich mit seinem verschrobenen Nachbarn zickt. So weit, so halb so schlimm. Wäre dieser Autor nicht fest davon überzeugt, dass auf ihn geschossen worden ist. Tatsächlich findet die Kripo dafür Anhaltspunkte.

Doch es soll anders kommen: Nicht der Autor wird umgenietet, sondern der Nachbar. Und ab da beginnt für Erik Winter eine höchst komplexe Spuren-, Motiv und Tätersuche, die schlappe dreißig Jahre in die Vergangenheit führt.

Komplex ist der Ausdruck, der Toter Mann (wie eigentlich auch die anderen jüngeren Werke des Schweden), trefflich beschreibt. Es fällt lange schwer, den roten Faden zu finden. Hier taucht ein Lokalpolitiker auf, der sich im Schwulenmilieu herumtreibt und ebenso schnell spurlos verschwindet. Dort der eigensinnige Schriftsteller; hier in Ganove, mit dem man so gar nichts anzufangen weiß. Und immer wieder: Rückblenden auf ein Ereignis, das nicht ins Bild passen will.

Vergessen wir dabei nicht Erik Winter, den einst jüngsten Kommissar seiner Zunft, der nun arg mit sich zu kämpfen hat ("Der Job. Der Stress."). Trotz seines Daseins als Familienvater geht es ihm nicht gut, ein Whisky hier, ein Cigarillo dort ("Der Job. Der Stress."). Ein Mitarbeiter vor seinem Coming-out und Rückzug ins Nirgendwo, ein anderer Kollege mal wieder temporär verlassen von einer temporären Mutter seiner Kinder. Das Bild, dass Edwardson zeichnet, ist düster. Es will auf den ersten Kapiteln eigentlich gar nicht Tag werden, obwohl ein "Indian Summer" den Westen Schwedens in klares Licht taucht.

Glücklicherweise bleibt sich Edwardson dennoch treu und lamentiert nicht, noch lässt er seine Figuren die Schuld großartig an der ach so schlechten Welt suchen. Das Problem sind die Individuen selbst, was der Schwede durch Dialoge nah an der Wortlosigkeit veranschaulicht. Man versteht sich nicht mehr, weder sich selbst, noch sein Gegenüber. "Ich weiß es nicht", ist die Standardantwort auf jede Frage.

Dass unterm Strich die feinst gestrickte Story am Ende doch in einem stark cineastischen Showdown mündet, ist etwas übertrieben. Aber so tut er dem Leser, der Action sucht, auch noch einen Gefallen. Ohne freilich das böse Verbrechen von vor dreißig Jahren blank zu legen. Dafür haben seine Charaktere auch genug mit sich selbst zu tun.

Winter Nr. neun ist der vorletzte Teil seiner Reihe, der letzte in Schweden bereits erschienen. Seine Romane sind welche für den zweiten Blick. Genau hinzuschauen ist nicht nicht nur erwünscht, sondern dringend erforderlich. Kein Vergleich zu jünglichen Gothik-Freaks auf Serienkillersuche. Sondern sehr durchdacht, klug aufgebaut und irgendwann muss es doch gesagt sein: leider fern vom Mainstream. Aber wer will schon mit dem Strom schwimmen.

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