Vatermord

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Little, Brown, 2009, Titel: 'Fever of the bone', Seiten: 432, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2010, Seiten: 512, Übersetzt: Doris Styron

Couch-Wertung:

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Jochen König
Running Up That Hill

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2010

Vatermord ist der sechste Band den Tony Hill/ Carol Jordan-Reihe, und er markiert augenscheinlich einen Wendepunkt in der Geschichte der beiden Hauptfiguren, die sich so nahe sind und anscheinend trotzdem nicht zueinander finden.

Denn Carol Jordans Eliteeinheit in Bradfield hat einen neuen Chef bekommen, der Tony Hill gerne ausmustern möchte. Das gefällt Carol zwar nicht, doch sie fügt sich. Tony nimmt es hingegen als Chance wahr, seinen unbekannten Vater, der ihm Haus, Boot und Geld hinterlassen hat, widerstrebend und postum näher zu kommen. Dafür begibt er sich nach Worcester, wo zufälligerweise eine fähige Polizeieinheit die Hilfe eines erfahrenen Profilers benötigt.

Die verstümmelte Leiche einer einheimischen Jugendlichen bringt die Polizei zur Verzweiflung. Jennifer Maidment gehörte keiner besonderen Risikogruppe an, sie war ein freundliches Mädchen mit hoher sozialer Kompetenz, umsichtig und selbstbewusst. Ein paar kleine Geheimnisse und ein unbekannter Chatpartner im sozialen Netzwerk RigMarole sind die einzigen Unwägbarkeiten in ihrem Leben. Und genau diese Kleinigkeiten scheinen zu ihrem Tod geführt zu haben.

Tony begibt sich also nach Worcester, die Polizei zu unterstützen und seine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Nicht ahnend, dass die nächste Leiche in Bradfield auftauchen wird. Dass sich beide Fälle verquicken wird nicht nur geübten Krimilesern schnell klar. Und so arbeiten Carol und Tony ganz zügig wieder Hand in Hand und Jim Blake, der neue Vorgesetzte, kann nichts dagegen ausrichten. Worcester zahlt.

Eigentlich hätte Vatermord Volltreffer-Potenzial. Eine überzeugende Geschichte, hervorragend geschrieben, sich stetig steigernde Spannung, eine kluge Auflösung und Aussicht auf Fortentwicklung /Wandel. Doch leider gibt es ein paar Handicaps. Schnell abhaken, denn die positiven Aspekte überwiegen.

Der erste Kritikpunkt ist dem Serienformat anzulasten: Zu Beginn kreisen Carol und Tony wieder umeinander wie Planeten, die sich trotz hoher Anziehungskraft nie berühren werden. Das ist auf Dauer ermüdend (in der erfolgreichen Fernsehserie hat man dieses Problem gelöst, indem man Carol Jordan schlichtweg austauschte), doch McDermid ist glücklicherweise klug genug, auf eine Entscheidung hinzuarbeiten.

Das eingestreute Thema: Neuer Chef will mit festem Blick auf die Finanzen ein unwidersprochen erfolgreiches Team auseinanderreißen, ist ein kaum noch aufregender Standard. McDermid gibt diesem Punkt glücklicherweise nicht viel Raum und entwickelt ihn im Rahmen des Machbaren ganz genießbar. Dass beide Polizeitruppen, sowohl in Bradfield wie Worcester aus ausgesprochen kompetenten, höchst liebenswürdigen und aufgeklärten Menschen bestehen (gleichgeschlechtliche Liebe? Kein Thema, nehmen wir gerne, wir leben doch in einer toleranten Berufswelt…), ist zwar sehr sympathisch, entspricht aber wohl eher Wunschdenken. Als Utopie immerhin ein charmanter Gegenentwurf.

Letzte Anmerkung: dem erfahrenen Tony Hill hätte viel eher auffallen müssen, dass die Fälle in Worcester und Bradfield zusammengehören. Die Verzögerungstaktik gehorcht offensichtlich der Spannungsdramaturgie. Die funktioniert dann auch prächtig…

Womit wir beim Positiven wären, das die Schwachpunkte in den Hintergrund treten lässt. Val McDermid ist eine exzellent organisierte und kompetente Erzählerin. Sie vermag es ihrem vielfältig besetzten Ensemble mit teilweise nur wenigen Zeilen oder Seiten Gestalt und Profil zu verleihen, ohne dass der Leser je den Überblick verliert.

Trotz des Reihencharakters erlaubt sie ihren Figuren Veränderung und Entwicklung, die im Rahmen der erzählten Geschichten nicht zum eitlen Selbstläufer werden. Wo die Fernsehserie allzu melodramatisch in den Traumata Tony Hills badet, erlaubt McDermid sogar ironische Brüche und zeigt einen Profiler, der, trotz aller biographischen Unebenheiten, größeres Interesse an seinen Mitmenschen, lebenden wie toten, besitzt, als an sich selbst. Wie überhaupt das Einfühlungsvermögen der Autorin Vatermord zu etwas besonderem macht. Was der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet, schildert McDermid mit nachhaltiger Intensität und Wirkung. Dabei vermeidet sie eine aufgesetzte Betroffenheitsattitüde, schafft stattdessen durch den klaren Blick, den sie ihren Protagonisten gönnt, ein Gefühl dafür, was es bedeutet Opfer zu sein und Opfer zu beklagen. Eine Fähigkeit, die vielen ihrer noch erfolgreicheren KollegInnen komplett abgeht. Abseits von sensationslüsterner Spekulation den Blick für das Wesentliche zu schärfen und dabei das Gefüge der Spannungsdramaturgie und der Erzählhandlung nicht auf ein wenig befahrenes Nebengleis zu schieben.

So steigert sich die Spannung des umfangreichen Romans kontinuierlich und verliert auch durch die Auflösung nicht an Wirkung. Denn es geht nicht darum, mit vordergründigem Aha-Effekt einen unglaubwürdigen (Serien)täter zu präsentieren, sondern auch hier in Ursache und Wirkung den Spuren zu folgen, die ein zutiefst verwirrter Geist in der Welt hinterlassen hat. Dankenswerterweise hat McDermid trotz des düsteren, und in seinen Auswirkungen dezidiert zerstörerischen Geschehens, auf die aufgesetzte, drastische (und überflüssige) Brutalität der ersten Hill/Jordan-Bände verzichtet.

Dass das Ende einen positiven Anflug besitzt, liegt an der Chance auf echte Veränderung, die McDermid ihren Hauptcharakteren einräumt. Sie braucht dafür keine explodierenden Briefbomben oder bedrohliche Serienkiller im Windschatten. Sondern einfach ein wenig Lernfähigkeit und Einsicht ins eigene Tun und Sein. Dann könnte es klappen.

Ein frommer Wunsch auch nach Weihnachten: Wären doch Bücher wie Vatermord Maßstab für Mainstream-Literatur, die die Bestseller-Listen bevölkert. Die Macken sind verzeihlich, der Umgang mit einer Geschichte, die bei vielen der angesagten Topseller garantiert zu einer literarischen Massenkarambolage geführt hätte, ist eindrucksvoll. So kann es im nächsten Jahr mit Polizeieinheiten, Profilern und Serienmördern weiter gehen. Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Vielleicht im Schlachthaus …

PS.: Der Klappentext (oben unter "In Kürze" zu finden) ist wieder einmal absoluter Humbug, von dem nicht einmal die Hälfte stimmt. Carol Jordan hat mit Jennifers Leiche rein gar nichts zu tun, ihre Ermordung fällt in den Aufgabenbereich der Kollegen aus Worcester. Tony Hills Aufarbeitunmg seiner Vergangenheit hat keine zerstörerischen Auswirkungen auf seine Analysen - eher im Gegenteil. Zudem ist Tony kein überlebensgroßer Superprofiler. Die Aufklärung der Morde ist Teamarbeit. Daraus macht McDermid nie einen Hehl. Gibt es eigentlich keine Lesepflicht für Klappentexter? Oder ist das eine Aufgabe für Praktikanten zwischen Kaffeekochen und Müll rausbringen?

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