Eiszeit

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • London: Little Brown, 2013, Titel: 'Cross and burn', Originalsprache
  • München: audio media, 2014, Seiten: 6, Übersetzt: Elke Schützhold

Couch-Wertung:

77°
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Sabine Bongenberg
Zum Glück bewegt es sich doch

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Dez 2014

Sie haben es tatsächlich getan! Das erfolgreiche Ermittlerteam um Carol Jordan und den Profiler Tony Hill wurde aufgelöst, die Ermittler verstreuten sich in alle Winde und was noch am schlimmsten ist: Die Einheit Jordan/Hill existiert nicht mehr, gibt Jordan doch Hill die Schuld am Tod ihrer Familienmitglieder. Dennoch kann die britische Polizei nun sehen, was sie von der Auflösung des "Major Incident Teams" (MIT) hat, denn wiederum treibt ein Serienmörder sein Unwesen und scheint nicht vorzuhaben, freiwillig und von selbst wieder aufzuhören.

Es gab einmal himmlische Zeiten, da waren die Krimis von Val McDermid eine Bank. Der Leser konnte sich darauf verlassen für sein Geld eine gut konstruierte Geschichte und spannenden Unterhaltung zu bekommen. Wer den Namen Val McDermid las, konnte unbesorgt zugreifen. Leider bewies die Autorin schon in ihrem letzten Krimi, dass diese Einschätzung nicht mehr unbedingt zutreffen muss. Uninspiriertheit kann offensichtlich in den besten Familien aufkommen.

Ein alter Hut wird auch mit einer neuen Schleife nicht neu

Bedauerlicherweise ist dieser Begriff auch die erste Bewertung, die sich bei dem erneuten Fall des hier zerstrittenen Ermittler-Duos Jordan/Hill auftut. Da hat doch tatsächlich jemand Frauen entführt, hält sie an einem geheimen Ort versteckt – ohne größeren Geheimnisverrat kann hier sicherlich die Tiefkühltruhe genannt werden – missbraucht und misshandelt sie bis er sie im letzten Schritt ermordet, wenn er ihrer überdrüssig ist. Tausendmal gelesen, gehört, vermutlich fragt sich jeder, warum über diese Konstellation noch immer Krimis verfasst werden. Möglicherweise war auch Val McDermid dieser alte Hut ein wenig peinlich, daher findet dieser Krimistrang eigentlich nur selten Eingang in die Geschichte. Hauptsächlich erzählt wird vielmehr das Schicksal der bisherigen Hauptakteure nach der Auflösung des MIT. Hill fristet sein Leben mehr oder weniger nach seinen alten Mustern aus PC-Spielen und Büchern vor sich hin und vermisst Jordan, Jordan, hat den Dienst ganz quittiert und versucht sich als Heimwerkerin und die bisherigen Team-Mitglieder wurden in Jobs untergebracht, deren Anforderungen ihr eigentliches Können weit unterfordern. Dieser ganze Bogen wird hauptsächlich über die Figur der Paula McIntyre gespannt, die hier den größten Teil der Handlung bestreitet und es immerhin schafft, mit ihrem frischen und eigenwilligen – lesbischen – Lebensstil etwas frischen Wind in den Ablauf zu hauchen. Natürlich bietetn die neuen Aufgaben und die gelegentlichen Kontakte mit den alten Kollegen ein weites Feld, um bedauernd die "guten alten Zeiten" zu beschwören und so überrascht es bei der gebetsmühlenartigen Nennung des Namens "Carol Jordan" nur, dass nicht eine CD beigelegt wurde, auf dem ein Kinderchor ein permanentes "Santa Carola" säuselt.

Sie bewegt sich doch!

Nachdem sich das Buch auf den ersten dreihundert Seiten also dem Mörder und seinen dunklen Taten nur als Nebenschauplatz widmet und diese Kritikerin schon davon ausging, dass McDermid besonders perfide Morde plante – nämlich die, ihre Leserschaft zu Tode zu langweilen, kommt die Geschichte doch noch in Fahrt. Dazu bedarf es aber zunächst Entwicklungen, die Jordans aus ihrer Lethargie reißen und sie tatsächlich wieder auf die Pfade ihrer alten Ideale zurückführen. Mit diesem Motor greift dann auch wieder das alte eingespielte Team und die Geschichte beginnt spät – aber nicht ganz zu spät - ineinanderzugreifen und wie ein gut funktionierender Motor schlüssig abzulaufen. Besonders schön ist hier auch die Idee McDermids Personen, die sich bisher als Gegner gegenüberstanden an einen Tisch zu setzen, als es hart auf hart kommt. Hier kann mit Spannung die weitere Entwicklung erwartet werden, wie aus den Verbündeten wieder Kontrahenten werden, die aber nun tiefere Einblicke in ihre jeweiligen Trickkisten erhalten haben.

 

Theoretisch hielt Carol an dem Gedanken fest, dass jeder einen Verteidiger verdiente, egal was er verbrochen hatte. Aber die Ausprägung in der Praxis trieb sie zur Verzweiflung. Sie hasste Scott wegen des Spruchs, den die Anwältin ständig mit einer Miene beleidigter Unschuld im Munde führte: "Tut eure Arbeit, ihr Kripobeamten. Dann gäbe es keine Formfehler und technischen Details, die ich ausschlachten kann."

 

Als Fazit ist festzuhalten, dass sich die McDermids Eiszeit weniger auf die Aufbewahrung der Entführungsopfer in der Tiefkühltruhe beziehen dürfte – die in der realen Welt wohl auch sang und klanglos erstickt wären – sondern vielmehr auf die Beziehung zwischen den bisherigen Helden Carol Jordan und Tony Hill. Nach der unglücklichen Entwicklung des letzten Bandes Vergeltung und den Brüchen in den beruflichen und privaten Beziehungen und Entwicklungen bedurfte es sicherlich eines Buches, das diese Fehlentwicklungen wieder auf das richtige Gleis setzte. Natürlich war hier auch klar, dass diese Gegenbewegung nicht mit ein paar Absätzen ins Leben gerufen werden konnte. Dennoch – mit den ganzen privaten Dramen muss es jetzt einmal gut sein und die Redaktion der Krimi-Couch freut sich auf das nächste Werk McDermids mit einer frischen und spannenden Handlung und einem gut ausgeruhten Ermittler-Team, das endlich einmal wieder die Handlung zu einem "Treffer-Niveau" treibt. Die Voraussetzungen wurden mit diesem Buch geschaffen – "Frau McDermid, dann machen ´Se mal!"

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