Tödliche Worte

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Augsburg: Weltbild, 2005, Seiten: 524
  • London: HarperCollins, 2004, Titel: 'The torment of others', Seiten: 390, Originalsprache
  • München: Knaur, 2008, Seiten: 524
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Anneke Kim Sarnau, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

75°
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Lars Schafft
Grundsolide Hochspannung mit Cora-Effekt

Buch-Rezension von Lars Schafft Feb 2005

Seit das ZDF eine Reihe in Anlehung an Val McDermids Reihe um den Psychologen Dr. Tony Hill und die Polizistin Carol Jordan zeigt, dürfte sich die Zahl der Fans der Schottin um ein Vielfaches erhöht haben. "Lady-Thriller". Diesen Stempel bekam die Serie aufgedrückt und auch wenn die Folgen inhaltlich nicht viel mit McDermids Büchern gemein haben - ganz unpassend scheint diese Bezeichnung nicht, legt die Autorin in Tödliche Worte doch erheblichen Wert auf das hochkomplizierte Zusammenleben der Geschlechter und noch viel mehr auf das wahrscheinlich noch hochkompliziertere Innenleben ihrer weiblichen Artgenossen.

Vorweg: Nein, ich gehöre nicht zu denjenigen, die einem neuen Hill/Jordan-Roman mit Herz und Bangen entgegensehnen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Val McDermid hatte ich zwar live erlebt, vor Tödliche Worte allerdings noch nichts aus ihrer Feder gelesen. Und auf spätpubertäres Balzverhalten zwischen Leichenschauhaus und Kommissariat kann ich ebenfalls gut und gerne verzichten. Offensichtlich keine guten Voraussetzungen, denn am Anfang tu ich mich schwer mit McDermids Neuestem.

Klar, im vierten Teil einer Reihe verbringt man als Autorin nicht mehr viel Zeit damit, seine Charaktere groß einzuführen. Beschränken wir uns an dieser Stelle entsprechend auf das Nötigste. Dr. Tony Hill ist Psychologe, Spezialgebiet Profiling. Darin ist er nachweisbar gut und gefällt bedeutend besser als akademische Tätigkeiten. Auf der anderen Seite haben wir Detective Chief Inspector (taff, taff) Carol Jordan, die momentan allerdings gar nicht mehr so taff ist: Im letzten Fall musste sie in einer höchst brisanten Aktion einen Undercover-Lockvogel spielen, alles ging nach hinten los und sie wurde vergewaltigt.

Jack the Ripper, here we come

Hill und Jordan sind ein eingespieltes Team und Experten auf ihrem Gebiet, weswegen es nun weniger verwundert, dass im nordenglischen Bradfield Not am Mann bzw. an der Frau ist: Neben einer Reihe von Kindesentführungen sorgt ein Prostituiertenmörder für Aufruhr, über dessen Vorgehensweise wir lieber den Mantel des Schweigens hüllen. Mrs. McDermid muss schreckliche Alpträume haben. Kurz und gut: Eine Taskforce wird eingerichtet, deren Leitung, man ahnt´s, niemand wirklich besser übernehmen könnte als Carol Jordan. Und Unterstützung psychologischerseits gibt´s auch, in Form von Mr. Tony Hill. Jack the Ripper, here we come!

Diesmal soll der Mörder allerdings auch für Profiler Hill eine verdammt harte Nuss darstellen: Seine Taten gleichen genau denen eines verurteilten Killers - welcher seit Jahren in strenger Verwahrung sitzt und zudem beharrlich schweigt. Nachahmungstäter bei Sexdelikten? Sollte es in den Augen Hills nicht geben dürfen. Aber der Mörder schlägt nochmals zu, die Hektik steigt und Carol Jordan muss auf Druck von höchster Stelle verantworten, dass eine ihrer Mitarbeiterinnen den Lockvogel für Jack the Ripper spielen muss. Ein böses Dejà-vu, dass sie und den Leser auf den letzten 200 Seiten in Atem hält.

Ein eindeutiger Fall von "ja gut, aber"

Der Plot ist ein ganz eindeutiger Fall von "ja gut, aber". Ja gut, Jack the Ripper wird namentlich nirgends erwähnt. Aber ein Serienmörder, der sich auf Prostituierte spezialisiert hat, ist nun alles andere als eine originelle Idee. Ja gut, möchte man meinen, ist dennoch in der Regel spannend und eine gute Basis für einen Thriller. Aber als roter Faden dann wieder doch zu plump, weswegen Val McDermid eine ganz pfiffige Idee hatte: Der Killer hört eine Stimme, die ihm die Befehle erteilt. Die gleiche Stimme übrigens, wie auch der Killer, der sein Dasein in der geschlossenen Anstalt fristet. Und der nach gleichem Schema handelt. Das ist der Clou an Tödliche Worte, das Paradoxon, das die Autorin für Tony Hill bereit hält. Er muss es gewesen sein, weil Sexualdelikate nunmal nicht kopiert werden. Er kann es nicht gewesen sein, weil er in sicherer Verwahrung ist. Nicht schlecht. Aber wie war das mit den Kindesentführungen? Ja gut, die haben damit gar nichts zu tun.

Durch ständige Perspektivwechsel zwischen denen des Mörders, Carol Jordans und Tony Hills entfacht McDermid einen kleinen Rausch des Lesetempos. Handwerklich grundsolide erzählt sie einen Thriller, der auf den ersten Blick nach "Nichts Neues aus Bradfield" aussieht, sich aber doch sehr schnell als sehr fesselnd entpuppt. Daran gibt´s nichts zu deuteln und nicht viel zu kritisieren. Val McDermid versteht ihren Job und hat dafür gesorgt, dass Ihr Rezensent die letzten 300 Seiten am Stück gelesen hat.

"Cora" Jordan?

Die letzten 300 Seiten? Jaha, Tödliche Worte ist eine richtige Schwarte von über 500 Seiten und da der Plot dann doch nicht ganz so viel nach einiger Filterung ergibt, kommen wir schlussendlich dazu, warum dieser Roman das Etikett "Lady-Thriller" durchaus verdient hat und zu den Stellen, die Ihren Rezensenten eher an "Cora" Jordan erinnert haben. Es trieft an vielen Stellen dann leider doch zu viel an gebrochenem Herz, an nicht erwiderter Liebe und Klischee. Bevor McDermid Carol Jordan zu lange an der Vergewaltigung leiden lässt, zaubert sie mir nichts dir nichts einen George-Clooney-Geologen aus dem Hut, der die Ermittler nicht nur auf die entscheidende Spur der Kindesentführer, sondern Ms. Jordan auch zurück zu ihrer Weiblichkeit führt. Was ein Held! Und auch noch charmant! Und Biker. Der gute Tony, der nie als potenzieller Lover Wahrgenommene, beobachtet das Techtelmechtel natürlich aus dem Fenster und beweist eindrucksvoll, dass er mindestens genauso zickig sein kann wie Jordan nach ihrem allabendlichen Weißwein.

Genug polemisiert. Genau wegen Nebenschauplätzen wie diesen werden Fans diese Reihe lieben. Und mit Sicherheit auch von Tödliche Worte nicht enttäuscht werden. Leser, die vor allem einen spanndenen Thriller erwarten, haben ausreichend Seiten zum Überblättern und bekommen dennoch packende und recht kluge Unterhaltung geboten.

Unterm Strich erfindet Val McDermit mit Tödliche Worte den Serialkiller-Roman mit Sicherheit nicht neu - für ein paar Stunden spannender Lektüre reicht´s aber allemal. Und Fans vom Hill-&-Jordan-Team werden ihn eh verschlingen.

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