Engel aus Eis

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Forum, 2007, Titel: 'Tyskungen', Seiten: 409, Originalsprache
  • Berlin: List, 2010, Seiten: 512, Übersetzt: Katrin Frey
  • Berlin: List, 2011, Seiten: 503

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Andreas Kurth
Spätfolgen einer spontanen Tat

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2010

Irreführender Titel

Es ist doch oft ein Kreuz mit den Klappentexten und auch mit übersetzten Buchtiteln. Der Klappentext ist ja noch in Ordnung, aber Engel aus Eis hat mit der Handlung des Buches irgendwie gar nichts zu tun. "Deutschenbalg" wäre die korrekte Übersetzung gewesen, und wenn man sich als Verlag nicht traut, so einen provokanten Titel zu übernehmen, sollte man wenigstens einen adäquaten Begriff wählen, und nicht so einen irreführenden Titel. Zweiter Hauptkritikpunkt: Die an sich hervorragenden Orts- und Perspektivwechsel sind optisch nicht gekennzeichnet – Ausnahme die Rückblenden in die Kriegszeit. Das führt anfangs zu reichlich Verwirrung, bis man sich daran gewöhnt hat. Das Buch ist aber ein echter Treffer, denn die Handlung ist von Beginn an ziemlich komplex und fesselt den Leser bis zum Schluss.

Geheimnisvolle Tagebücher

Die Schriftstellerin Erica Falck ist eigentlich zufrieden. Nach einem Jahr Erziehungsurlaub will sie endlich wieder arbeiten, denn nun wird sich ihr Mann Patrick um die einjährige Tochter kümmern. Um die Kosten für ein Büro zu sparen, will sie allerdings zu Hause arbeiten – und das führt schnell zu Unmut und Verwicklungen. Zusätzlich abgelenkt von der Arbeit wird sie durch einen Fund auf dem Dachboden ihres Elternhauses. Dort hat Erica eine Truhe mit Sachen ihrer Mutter Elsy geöffnet, darunter auch Tagebücher. Der Fund beunruhigt sie zunächst, denn sie hatte zu ihrer Mutter ein schwieriges und eher distanziertes Verhältnis. Andererseits treibt Erica der Wunsch an, ihre Mutter nach so vielen Jahren endlich zu verstehen.

Ermittlungen in Neonazikreisen

Statt fleißig für ihr neues Buch zu recherchieren, was sie eigentlich vorhatte, widmet sich Erica mit gemischten Gefühlen dem Inhalt der Truhe. Neben Tagebüchern ihrer Mutter aus den Kriegsjahren findet sie einen deutschen Orden. Sie bringt ihn zu Erik Frankel, einen pensionierten Geschichtslehrer und renommierten Experten für den Nationalsozialismus – gleichzeitig ein Freund ihrer Mutter in deren Jugend. Sie hört lange nichts von Frankel, hat den Orden im Grunde vergessen, doch dann wird Frankel ermordet in seiner Bibliothek aufgefunden. Die Polizei von Fjällbacka ermittelt zunächst vor allem in Neonazikreisen. Erica hat jedoch einen anderen Verdacht. Sie vermutet den Schlüssel zu dem Verbrechen in Frankels Vergangenheit.

Überraschendes Finale

Aus den Tagebüchern ihrer Mutter weiß sie, dass Frankel und Elsy zum selben Freundeskreis gehörten. Wie ihre Mutter hat er offenbar einen Flüchtling gedeckt, der zur norwegischen Widerstandsbewegung gehörte. Erica sucht die alten Freunde ihrer Mutter auf. Eriks Bruder Axel scheint desinteressiert und unwissend, Britta leidet an Alzheimer – und Frans gehört zu den "Freunden Schwedens", einer Neonazi-Organisation. Und dann wird auch Britta getötet, und die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. Bei ihren Recherchen wird Erica von ihrem Mann, Kommissar Patrick Hedström unterstützt, der angesichts des dramatischen Mordfalls Schwierigkeiten hat, sich ausschließlich auf die gemeinsame Tochter zu konzentrieren, denn eigentlich ist er in der Elternzeit. Gemeinsam folgen sie den Spuren in die Vergangenheit und geraten dabei selbst in Gefahr – bis es zum überraschende Finale kommt.

Interessante Charaktere

Engel aus Eis war mein erstes Buch von Camilla Läckberg, und ich bin wahrlich nicht enttäuscht worden. Der behäbig wirkende Anfang ist schnell überwunden, denn die Autorin präsentiert interessante Charaktere, die sie offenbar im Laufe der Serie weiter entwickelt hat. Das Buch ist aber auch für Neueinsteiger geeignet, die Lektüre der Vorgängerbände keine Voraussetzung, um in die Handlung einzusteigen. Es geht viel um die Familie von Erica und deren Geschichte, die in der Kriegszeit eng mit den jetzt ermordeten Personen verbunden war. Der Schlüssel zu den Morden in den Gegenwart liegt nicht nur in den Tagebüchern, sondern auch in aktuellen Handlungen. Mehr darf hier nicht verraten werden, aber bis kurz vor Schluss war mir nicht klar, wer hinter den Morden steckt.

Zu viele Abschweifungen

So lange den Leser im Ungewissen lassen zu können, ist schon eine hohe Kunst. Deshalb ist es auch verzeihlich, dass es zwischendurch immer wieder ausführlich um familiäre Dinge geht, denn das ist für die Lösung des Falles durchaus wichtig. Allerdings übertreibt es Camilla Läckberg ein wenig. Die Episoden um die Patchwork-Familie von Ericas Schwester Anna bringen die Handlung nicht wirklich voran, und auch die durchaus liebenswürdigen Erfahrungen eines Kommissars mit der Familie einer Kollegin sind eher Füllmaterial. Deshalb gibt es für diese spannende Geschichte auch nur 85 Grad. Bei mehr Konzentration auf die Kerngeschichte wären auch über 90 drin gewesen, aber so sind mir das zu viele Abschweifungen.

Absolut lesenswertes Buch

Immerhin ist Läckberg eine gute Geschichtenerzählerin. Trotz der Abschweifungen in diverse Familiengeschichten wird es nie langweilig. Und der Leser ist stets mit den Ermittlern auf einer Höhe, kennt also keine Fakten, die bei der Polizei noch unbekannt sind. Das ist für die Spannung außerordentlich förderlich. Die Geschichte ist gut recherchiert und absolut glaubhaft, denn solche Entwicklungen – mehr kann ich aus dramaturgischen Gründen wieder einmal nicht andeuten – hat es in vielen militärisch besetzten Ländern und daran angrenzenden Staaten gegeben. Der erzählerische Kniff mit den Rückblicken durch die Tagebuchlektüre, und vor allem mit den später auftauchenden weiteren Bänden ist gelungen. Das trägt dazu bei, das sich die Puzzleteile zur Lösung des Rätsels schön langsam zusammen fügen. Gut und Böse ist scheinbar klar verteilt, aber in dieser Hinsicht erlebt der Leser auch einige Überraschungen. Und er bekommt Einblicke in familiäre Abgründe, die geschickt eingestreut werden. Insgesamt ein spannendes Buch, mit den geschilderten Schwächen, aber dennoch absolut lesenswert.

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