Die Totgesagten

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Busch, Inga
  • Stockholm: Forum, 2006, Titel: 'Olycksfågeln', Originalsprache
  • Berlin: List, 2010, Seiten: 413

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Bernd Neumann
Läckberg meets `The Grimm-Brothers`

Rezension von Bernd Neumann Jul 2009

Mittlerweile ist die Seiteneinsteigerin Camilla Läckberg eine anerkannte Größe in der wegen ihres guten internationalen Rufs hart umkämpften schwedischen Krimi-Landschaft. Zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen bestärken sie in ihrem Können. Alle bisherigen ins Deutsche übersetzten Läckberg-Krimis sind (von unterschiedlichen Rezensenten) durchweg Treffer, und auch Die Totgesagten reiht sich in diese Rubrik ein.

 

"Er erinnerte sich vor allem an ihr Parfüm, das immer im Badezimmer gestanden hatte. Der lilafarbene Flakon mit dem schweren süßlichen Duft. Als Erwachsener hatte er ihn nach langem Suchen in einer Parfümerie wiederentdeckt. Er musste lächeln, als er sah, wie das Parfüm hieß: "Poison":
Sie hatte den Duft immer zuerst auf ihre Handgelenke gesprüht und dann auf dem Hals verrieben. Wenn sie einen Rock trug, auch auf den Knöcheln.
Es hatte so schön ausgesehen. Wie sich ihre mageren und zerbrechlichen Handgelenke anmutig aneinanderrieben. Rings um sie breitete sich der Duft aus. Immer sehnte er sich nach dem Moment, in dem der Parfümhauch ganz zu ihm drang. Dem Augenblick, in dem sie sich vorbeugte und ihn küsste. Immer auf den Mund. Immer so zart, dass er nicht wusste, ob der Kuss wirklich gewesen war oder er ihn nur geträumt hatte.
"Kümmer dich um deine Schwester", sagte sie jedes Mal, bevor sie fast schwebend das Haus verließ.
Hinterher wusste er nie, ob er laut geantwortet oder nur genickt hatte."

 

Dieser kurze, kursiv gedruckte Einsteiger-Monolog verleitet zu unterschiedlichsten Spekulationen und Deutungen, schürt eine spannungsgeladene Erwartungshaltung. Ein melancholischer und zugleich bedrohlicher Prolog, der das halbe Eintrittsgeld schon wert ist.

Polizist Patrik Hedström und Schriftstellerin Erica Falck sind gemeinsam mit ihrer Tochter ein gut funktionierendes, verlässliches Familienteam geworden und planen deshalb freudig an den Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit. Da wird Hedström zu einem Autounfall beordert, der simple Routine zu sein scheint: Totalschaden mit Todesfolge unter Alkoholeinfluss. Aber die Angehörigen behaupten felsenfest, dass die verunglückte Marit Kaspersen ohne einen Tropfen Alkohol gelebt hat. Bald deutet die weitere Untersuchung darauf hin, dass es kein Unfall, sondern Mord gewesen sein könnte. Recherchen in den Polizeiarchiven ergeben dann auffällige Ähnlichkeiten mit alten Fällen, teilweise schon bei den ungelösten Akten abgelegt.

Das Vergleichbare daran ist, dass alle Opfer Antialkoholiker und im Lippenbereich eigenartig verletzt waren. Und das Seltsamste: Allen war eine herausgerissene Seite aus dem Grimmschen Märchen Hänsel und Gretel zugeschanzt worden, und alle Buchseiten stammen aus ein und derselben Ausgabe!

Das lässt auf einen Serienmörder schließen, der völlig planlos weiter morden wird. Für Patrik Hedström und sein Team ist Eile geboten, bevor die Medien sie mit Mutmaßungen und Häme unter Druck setzen.

"Heute Abend machen wir gutes Fernsehen"

Erschwert wird die Ermittlung der alkoholisierten Mordopfer am Steuer ihrer Fahrzeuge durch einen weiteren Todesfall im nahe gelegenen Tanum. Lillemore Persson ist Mitglied im Kandidatenteam von Akteuren der TV Reality-Soap Raus aus Tanum und ausgerechnet das Quotenmädchen, jetzt tot in einer Mülltonne. Die Fernsehshow, vergleichbar mit Big Brother, also Überwachung rund um die Uhr im Sinne von Orson Wells Klassiker 1984, ist die große Attraktion im bisher nie im Rampenlicht gestandenen Tanum. Die Einschaltquoten (und der Todesfall!) stärken den Produzenten zum Weitermachen, der Bürgermeister unterstützt das Vorhaben vehement, um seinen kleinen Ort für die Zukunft für touristisch attraktiv und letztendlich umsatzträchtig zu präsentieren.

Der Ermittlungs- und Erfolgsdruck auf das kleine Team um Patrik Hedström, simultan an beiden Fronten im Einsatz, steigt enorm, denn nun schaut die schwedische Fernsehnation der weiteren Entwicklung und Aufklärung der Todesfälle fieberhaft und - aufgeheizt durch die Medien - sensationslüstern zu.

Hedström muss seinen Part der Hochzeitsvorbereitungen gänzlich an seine Familie delegieren und arbeitet nun fieberhaft und ununterbrochen, ohne Anfangs wesentliche Fortschritte aufweisen zu können. Zum Glück erhält er polizeiliche Verstärkung durch Hanna Kruse, eine sympathische und ehrgeizige Polizistin, die sich mit ihrer Kompetenz als sehr nützlich erweist. Hanna soll für ihren weiteren Weg empor der Karriereleiter praktische Erfahrungen im Polizeidienst sammeln. Da kommt Tanum gerade recht. Auch wenn es anfangs ganz offensichtlich keinen Zusammenhang zwischen diesen beiden aktuellen Todesfällen gibt, stößt Hedström mit seinem Team immer mehr auf Verdachtsmomente, deren Endlösung dann für das ganze Ermittlerteam einen tiefen Schock bedeutet. Und für den Leser.

Der Kriminalroman Die Totgesagten bezieht seine ständige, auf hohem Niveau gehaltene Spannung nicht aus blutigem Thrill, sondern wie in den früheren Läckbergs aus vielen Handlungssträngen, die anfangs förmlich zusammenhangslos nebenher laufen. Camilla Läckberg versteht es hervorragend, diese immer enger miteinander zu verknüpfen und uns als Leser dennoch lange im Ungewissen zu lassen.

Besonderen Reiz haben diese kursiv gedruckten Erinnerungen eines unbekannten Jungen, wie oben schon zitiert. Hier erwähnt ein Kind Tagebuch ähnlich anrührende und sehr persönliche Erinnerungsfetzen, deren Zusammenhang nur Camilla Läckberg kennt und den sie uns scheibchenweise offenbart, ohne zuviel zu verraten. Zum spannenden Countdown werden uns dann die Hintergründe der Tat logisch und nachvollziehbar präsentiert.

Nicht unter den Krimiteppich gekehrt werden darf der sozialkritische, gnadenlose Blick hinter die Kulissen der Kamera überwachten Reality-TV-Show. Wie die Charaktere, Marotten, gespielten Selbstsicherheiten und verheimlichten Schwächen dieser sechs Teilnehmer mit einschlägiger Erfahrung aus früheren Shows sich offenbaren, ist schon grotesk, ja bemitleidenswert. Dieser Kampf (und das im wahrsten Sinne des Wortes!) um einen VIP-Status innerhalb der schwedischen Öffentlichkeitswahrnehmung ist psychologisch nachvollziehbar geschildert und fein aufgeschrieben. Hier wagt sich Läckberg an eine heilige Kuh, und wie sie es macht (Personenbeschreibungen, Gefühle, Vergangenheits- und Zukunftsängste), ist schon eines schönes Stück TV-Zeitgeschichte.

Nach der kirchlichen Trauung (soviel sei verraten!) von Patrick Hedström darf der Läckberg-Fan gespannt sein, welche neuen Ereignisse uns aus Fjällbacka, Tanum und Umgebung (oder vielleicht auch aus der frisch gebackenen Familie Hedström?) schlaflose Lesenächte bereiten werden.

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