Die Eishexe

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Forum, 2017, Titel: 'Häxan', Seiten: 605, Originalsprache
  • Berlin: List, 2018, Seiten: 768, Übersetzt: Katrin Frey

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Sabine Bongenberg
Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mai 2017

Im beschaulichen schwedischen Fjällbacka scheint auf den ersten Blick die Welt noch in Ordnung zu sein. Die Touristen genießen bei Kaffee und Kuchen die Sonne am Strand, die Kinder hüpfen arglos durch den Wald, Familien treffen sich zu Festen und überhaupt ist alles in allerbester Ordnung. Wie ein Faustschlag wird diese Idylle dann vom Verschwinden der kleinen Linnea erschüttert. Und es kommt noch schlimmer: Schauplatz der Tragödie ist ein Hof, an dem sich vor Jahren schon einmal eine Tragödie um ein vermisstes Mädchen zugetragen hat.

Dieses Kind wurde erschlagen in einem See gefunden, ermordet wurde es offensichtlich von seinen beiden - ebenfalls minderjährigen - Babysittern. Die beiden Täterinnen widerriefen zwar später ihr Geständnis, dennoch wurden sie verurteilt. Haben sie nun wieder zugeschlagen oder wie kann es sein, dass sich an einem Ort fast zwei identische Dramen ereignen? Oder - diese Frage wirft der Klappentext auf - besteht doch ein Zusammenhang mit einem "düsteren Schatten aus der Hexenverfolgung"?

Der Leser wird von einer Flut von Personen überrollt

Camilla Läckberg macht es insbesondere Neulesern nicht leicht. Offenbar wird vorausgesetzt, dass jeder mindestens ein bis zwei Vorgänger-Werke aus der Reihe um die Roman-Autorin Erica Falck und ihren Freundes- und Familienkreis in Fjällbacka gelesen hat, denn der ahnungslose Leser wird in den ersten Kapiteln von einer Flut von Personen überrollt. Sie tauchen ohne Einführung in der Geschichte auf und verhindern so konsequent, dass sich ein klarer, nachvollziehbarer Handlungsstrang entwickeln kann.

Zur Übersichtlichkeit trägt auch nicht bei, dass die so personell überfrachtete Handlung auch noch in insgesamt drei Zeitebenen - der Gegenwart, der Vergangenheit zum Zeitpunkt des ersten Mordes und dann auch noch im Jahr 1671 zur Zeit der Namen-gebenden Hexe - spielt.

Gut und Böse werden hier ziemlich eindeutig unterschieden

Sind Menschen nur gut oder nur böse? Was in der Handlung an klarer Richtung fehlt, wird bei der Charakterisierung der handelnden Personen in mehr als deutlichen Schwarz-Weiß-Abgrenzungen deutlich gemacht. Da sind die Helden der Geschichte Erika Falck und Patric Hedström - beide gut, fleißig und liebevoll - und um sie herum scharen sich die weiteren Guten, auf die diese Attribute ebenfalls zutreffen. Die Guten sind immer gut. 

Dann gibt es die Übeltäter, die insbesondere eine Gruppe von Jugendlichen - versammelt um die Rädelsführer Vendela, Nils und Basse - umfasst, deren Tagewerk aus Mobbing, Chillen und kleineren und größeren Straftaten besteht. Diese Gruppe ist immer böse - auch wenn einige gelegentlich ein Anflug von schlechtem Gewissen überfällt.

Und dann gibt es noch die Gruppe der in Schweden aufgenommenen Asylanten, die nicht nur gut, sondern regelrecht edel und trotz ihres harten Schicksals bereit sind, alles für die Gemeinschaft zu opfern. Im Hinblick auf die Arbeitswelt gibt es ebenfalls die redlich bemühten - und dann diejenigen, die um des Ruhmes willen dermaßen hanebüchene Fehler begehen, dass selbst der Vergleich mit dem Elefanten im Porzellanladen eine mehr als sanfte Untertreibung darstellt.

Camilla Läckberg wollte zu viel und hat sich verzettelt

Läckberg hat offensichtlich in ihrem Buch viel gewollt. Einerseits sollten ein Kriminalfall und die besondere Tragik zweier Jugendlicher spannend erzählt werden. Beschränkt sich die Betrachtung des Lesers allein auf diesen Fall, lässt sich ein Krimi erkennen, der sicherlich Schwächen aufweist, aber dennoch interessant und nachvollziehbar aufgebaut ist.

Unglücklicherweise kamen dann aber noch die Nebenhandlungen dazu. Es sollte eine Lanze für die besondere Situation der Asylsuchenden in Schweden gebrochen, das Problem von Mobbing - sei es im tatsächlichen Leben, sei es im Internet - aufgezeigt, ein historischer Hexenprozess geschildert und die Umstände, die zu einem Amoklauf führen können, beschrieben werden. Als ob das nicht allein die Handlung vollkommen überfrachtet folgen Schilderungen des harmonischen Familienlebens der Guten - und im Kontrast dazu die aggressiven Handlungen narzisstischer Eltern, die ihre Kinder sowohl seelisch als auch körperlich misshandeln.

Gibt es gute Gründe für einen Amoklauf?

Als bedenklich muss auch die Darstellung des in die Handlung eingebauten Amoklaufs erscheinen, der sich stark auf die Beweggründe des Täters fokussiert und damit schon fast entschuldigt. Die eigentlichen Opfer der Tat haben doch selbst die Grundlagen gelegt - könnte hier nicht der alte Spruch greifen: Wer Wind säht, wird Sturm ernten?

Befremdlich und unprofessionell auch die Entscheidung der ermittelnden Polizei, aus Gründen der Pietät die Untersuchungen in einem weiteren Verbrechen - wider einen begründeten Verdacht - im Sande verlaufen zu lassen. Armes Schweden, wenn seine Polizei tatsächlich subjektiv darüber entscheidet, ob die Angehörigen von Verbrechensopfern irgendwann erfahren, welcher Täter für das zugefügte Leid verantwortlich ist.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Camilla Läckberg einen Roman präsentiert, in dem sie zu viel des Guten wollte und sich dadurch verzettelt hat. Wäre hier mutig gestrichen und gekürzt worden, wäre eine deutliche Linie gezeichnet worden. Bei allen Strängen, Nebensträngen und -schauplätzen vergisst der Leser fast, dass tatsächlich ein Mord aufgeklärt wurde. Aber der gerät bedauerlicherweise zur Nebensache, und das sollte in einem Kriminalroman nun wirklich nicht passieren.

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