Der verbotene Ort

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Paris: Viviane Hamy, 2008, Titel: 'Un lieu incertain', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2009, Seiten: 423, Übersetzt: Waltraud Schwarze

Couch-Wertung:

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Lars Schafft
Von Schrankessern und Vampiren

Buch-Rezension von Lars Schafft Mai 2009

Fred Vargas, die französische Krimiautorin unserer Zeit, verlässt in ihrem neuen Roman Der verbotene Ort gewohntes Terrain und führt ihren Serienkommissar Adamsberg von London über Paris bis tief in den Balkan. Frankophile und Vargas-Fans mag dies enttäuschen, denn trotz eines ihr typisch phantastisch angehauchtem Plots ist Der verbotene Ort einer ihrer konventionellsten Krimis geworden. Wobei der Begriff "konventionell" bei einer Autorin wie Fred Vargas nicht viel heißen will.

Kommissar Adamsberg und seinen Kompagnon Danglard hat es auf einen internationalen Kriminologenkongress in die britische Hauptstadt verschlagen. Danglard als großer Fan der Insel und ihrer Kultur frohlockt, Adamsberg - des Englischen überhaupt nicht mächtig - hadert mit der vertanenen Zeit. Doch kein Trip der beiden ohne Verbrechen: Vor dem Friedhof Highgate wird eine Reihe Schuhe entdeckt. Keine große Sache? Doch, wenn sich darin wie in diesem Fall abgehackte menschliche Füße befinden.

Zurück in Paris, wartet auf die beiden gleich ein Massaker: Pierre Vaudel, pensionierter Jurist, wurde in seinem Haus auf krankhafteste Weise zerstückelt, von einer Leiche kann gar keine Rede sein, so verstreut sind die Körperteile. Was so erst nicht viel miteinander zu tun hat, wird zu einer aberwitzigen Story, als Danglard unter den englischen Schuhen welche seines serbischen Onkels erkennt. Der wohnte in einem Ort auf dem Balkan, wo vor Jahrhunderten Vampire aufgetaucht sein sollen. Die erstaunliche Parallele zu den Vorfällen in Good Old England: Auch in Highgate erzählt man sich von Vampiren. Da der gute Adamsberg eh von höchster Stelle gemobbt wird, besteigt er kurzum den nächsten Zug gen Serbien, wo er schon sehr bald zum Untoten zu mutieren droht...

Nicht schwer zu erkennen: Französisches Flair ergibt sich aufgrund der Schauplätze quer über Europa gar nicht. Der Plot in Serbien nimmt einen Großteil des Romans ein, dazu ist dieser von Anfang an so schnell, dass Adamsberg nur seltenst zum "Schaufeln von Wolken" kommt. Fred Vargas bürdet ihm viel zu viel auf, als dass er Muße zu seinen großartig-verqueren Gedankenspielen haben könnte.

Wer nun aber meint, alles, warum man Fred Vargas lesen müsse (die sprachliche Finesse, ihre orignellen, liebevoll gezeichneten Charaktere, ihre schrägen, dennoch treffsicheren Bilder), in Der verbotene Ort fehle, täuscht sich. Von Schrank- und Flugzeugessern (!) ist durchaus ernst gemeint die Rede, von Ärzten mit nahezu übernatürlichen Fähigkeiten, davon, dass Danglard mit einer Britin anbändelt (die Adamsberg mangels Sprachkenntnis nur "Abstract" nennt, weil sie ein Schildchen mit dieser Aufschrift auf dem Kongress trug) und und und. Running-Gags, die sich durch den ganzen Roman ziehen und immer wieder für einen Lacher gut sind. Lediglich die Tatsache, dass Adamsberg Highgate "Higgegatte" ausspricht, will nicht ganz einleuchten, dürfte er das Wort in geschriebener Weise eigentlich nie gelesen, sondern nur in korrekter Aussprache Danglards oder des britischen Kollegen Rodstock (qua Adamsberg schlicht "Stock") gehört haben.

Last but not least versteht es Fred Vargas auch in ihrem neuesten Werk, den Leser vollends an der Nase herumzuführen. Das Auftauchen mystischer, phantastischer Elemente lockt konsequent auf eine falsche Fährte und lässt Krimi-Veteranen oftmals mit dem Kopf schütteln. Diese bleiben aber nicht im Regen stehen, denn genau diese Verwebung aus scheinbar Übernatürlichem und mehr oder weniger gewöhnlicher Verbrechen hat sie zu ihrem Markenzeichen ausgebaut. Vampire oder nicht - das ist eigentlich zweitrangig.

In Der verbotene Ort bleibt Fred Vargas so ihrem Stil einerseits treu, andererseits weicht sie ihn durch mehr Action und neue Schauplätze ein wenig auf. Was absolut kein Nachteil sein muss - glühende Vargas-Anhänger müssen sich mit dieser neuen Konstellation vielleicht erst anfreunden. Für alle anderen ist Der verbotene Ort ein wunderbarer Einstieg in die Welt von Fred Vargas, in der es aber eben mehr gibt als Wolkenschaufler, Schrankesser und Vampire.

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