Der vierzehnte Stein

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Paris: Viviane Hamy, 2004, Titel: 'Sous les vents de Neptune', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2005, Seiten: 479, Übersetzt: Julia Schoch

Couch-Wertung:

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Lars Schafft
Tote morden nicht

Buch-Rezension von Lars Schafft Mär 2005

Krimi-Couch-Volltreffer Juli 2005

Ein "Wolkenschaufler" ist er, dieser eigenbrötlerische Womanizer, dieser sich vor allem auf sein Bauchgefühl verlassende Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg. Doch jetzt, im kühlen Pariser Herbst, spielt ihm sein Bauch einen Streich: Urplötzlich hat Adamsberg Panik-Attacken, die ihn an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs führen. Nur weshalb? Und ausgerechnet jetzt, wo die Heizung im Kommissariat ausgefallen ist, die Kollegen mit dicken Pudelmützen ihren Dienst verrichten und die Weiterbildungsreise zu den kanadischen Kollegen in Quebec ansteht?

Adamsberg kann sich aber auch in eigener Sache auf seinen Bauch verlassen. Drei Einstiche auf einer Linie - freilich in einem menschlichen Körper. Das dreht ihm den Magen um. Und schaufelt ihn in einen ganz persönlichen Fall, den er eigentlich schon als ungelöst geistig zu den Akten gelegt hatte. Denn diese Einstiche erinnern ihn an den ersten Mord, den er miterleben musste.

Der Richter mit dem Dreizack

Damals, in seinem kleinen Heimatdorf fand man mit eben diesen Wunden die Freundin seines Bruders tot in der Pampas. Sein Bruder konnte sich an nichts erinnern, war aber dringend tatverdächtig. Hätte es da nicht diesen Richter Fulgence gegeben, diesen schönen wie zurückgezogen lebenden Mann, der keinen an sich heranlässt. Von der Unschuld seines Bruders und der Schuld des Richters überzeugt, vertuscht der junge Adamsberg die familiäre Beteiligung. Doch weder er noch sein Bruder können den Mord verkraften. Sein Bruder flieht, zieht sich zurück. Und Adamsberg verfolgt über jahrzehnte hinweg den Mörder mit dem Dreizack. Allein, im Stillen und ohne jeglichen Beweis eines Zusammenhangs zwischen den Morden.

Und nun also schon wieder. Wieder ein Mord mit den frappierenden drei Einstichen, wieder ist ein Tatverdächtiger äußerst schnell gefasst, wieder kann sich dieser an nichts erinnern und wieder will Adamsberg keiner Glauben schenken, dass es die Tat eines Serienmörders gewesen sein soll. Wie auch? Adamsberg Hauptverdächtiger, Richter Fulgence, liegt seit Jahren in seinem Sarg. Tote morden nicht. Akte geschlossen.

Auf zu Schumms und Coches

Szenenwechsel: das winterliche Kanada. Die bäuerlich wirkenden Kollegen aus Ottawa geben den wiederum altmodisch-eingebildet scheinenden Franzosen Nachhilfe in Sachen genetischer Fingerabdruck. Unpassend nur, dass Adamsberg Verflossene überraschenderweise nur ein paar Kilometer entfernt (für nordamerikanische Verhältnisse) mitterlerweile lebt und das offenbar nicht allein. Zeit für einen ordentlichen Absturz. Auch wenn sonst in dem verschlafenen Nestchen nichts los ist, gelingt dies Adamsberg vortrefflich. Zu gut sogar. Denn er hat einen richtigen Filmriss. Wie ist er über den Waldweg nach Hause gekommen? Und warum so blutverschmiert?

Kaum zurück in Paris wird Adamsberg direkt wieder nach Kanada beordert. Diesmal ist er allerdings nicht Ermittler, sondern mir nichts dir nichts Tatverdächtiger. Denn gerade in besagter Nacht, wo ihm ein paar Stündchen fehlen, ist eine junge Frau umgebracht worden. Drei Einstiche im Bauch. Und die Kollegen aus Quebec sind sich sicher: der genetische Fingerabdruck legt den Eindruck mehr als nahe, dass Adamsberg der Mörder ist. Wäre er doch bei Pipetten und Strichcodes geblieben, hätte er doch einmal den Reizen der Frauen widerstanden!

Der Jäger wird zum Gejagten

So sieht sich Adamsberg mit einer komplett neuen Situation konfrontiert. Er jagt nicht mehr den Richter mit dem Dreizack, sondern er wird als der Mörder mit dem Dreizack gejagt. Und ab diesem Zeitpunkt trumpft Autorin Fred Vargas richtig auf. Bestach der "Vierzehnte Stein" bis dahin vor allem durch die prächtig gezeichneten Charaktere und Adamsberg "Wolkenschaufeln", beweist die Französin eindrucksvoll, dass sie auch einen temporeichen, gewieften Krimiplot zusammenzimmern kann.

Und in diesem Roman stimmt alles. Die sorgfältige Komposition, die Spannungssteigerung, die Auflösung, die kongeniale Übersetzung des Franko-Kanadischen. Dazu kommt: Fred Vargas schreibt auf eine ungemein lebendige Art und Weise, wo für die man die Französin knuffen möchte.

Adamsberg Kollege Danglard, der sich aufgrund seiner Flugangst nur noch mit einer Weißwein-Flasche gerüstet zum Dienst traut. Lieutnant Violette Retancourt, ein Berg von Frau, deren Cleverness selbst Adamsberg überzeugt. Der kanadische Kommissar Laliberté, der kumpelhafte Bär mit den zwei Gesichtern. Die rüstige Rentnerin, die sich als ausgezeichneter Computer-Hacker entpuppt. Der eigenartige Urfisch, der seit Ewigkeiten sein Dasein in einem rosa schimmernden See fristet. Und natürlich Adamsberg selbst, wie er sich selbst nicht mehr trauen kann, wie er Wortfetzen seiner Gesprächspartner in bildhafte Gedankenspiele einpflechtet - man stelle sich einen sich aufplusternden Drachen im Straßburger Münster vor!

Im Olymp europäischer Krimi-Autoren

Wenn man einen Kriminalroman als "schön" bezeichnen kann, dann diesen. Herrlich skurille Figuren, gewitzt gestreute Anekdötchen, eine intelligente und einleuchtende Handlung - das alles muss kein Gegensatz zum abgedroschenen Serialkiller-Thema sein. Um im Bild des Dreizack-bewaffneten griechischen Gott des Meeres zu bleiben: Fred Vargas hat sich mit diesem Roman einen Platz im Olymp europäischer Krimi-Autoren gesichert!

Der vierzehnte Stein

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