Der Zorn der Einsiedlerin

Erschienen: Oktober 2018

Bibliographische Angaben

  • Paris: Flammarion, 2017, Titel: 'Quand sort la recluse ', Seiten: 477, Originalsprache
  • München: Random House Audio, 2018, Seiten: 6, Übersetzt: Volker Lechtenbrink, Bemerkung: gekürzt

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Almut Oetjen
Der mäandernde Geist

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jan 2019

Das barmherzige Fallbeil, mit dem aus guten Gründen viele Leser nicht wirklich warm werden konnten, führte Kommissar Adamsberg, Leiter der Brigade Criminelle im 13. Arrondissement von Paris, am Ende nach Island. Drei Jahre vergingen bis zum neunten Roman der beliebten Krimireihe von Fred Vargas, Der Zorn der Einsiedlerin. (Ein Erzählungsband und zwei Graphic Novels liegen darüber hinaus vor.) Man beginnt die Lektüre mit einer gewissen Neugier.

Während Adamsberg nach Abschluss seines letzten Falls noch in Island weilt, wird in Paris eine Frau getötet, vordergründig in einem Autounfall. Die Brigade bittet Adamsberg um Hilfe, weil sie in den Ermittlungen nicht vorankommt, lediglich den Ehemann und den Liebhaber als Täter verdächtigt. Eher unwillig kommt er zurück und löst den Fall in kurzer Zeit und zum erneuten Erstaunen seiner Brigade. Er liefert die Beweise und rekonstruiert den Fall minutiös und sauber, ohne jedoch zu wissen, wie er zu diesen Einsichten gelangt ist. Das macht Adamsberg aus.

Er ist ein seltsam intuitiver Ermittler, über den es in Bei Anbruch der Nacht heißt: „Adamsberg dachte nie nach“. Was aber nicht bedeutet, dass es nicht in ihm denkt. Sein Gehirn arbeitet im Hintergrund, ohne ihn von diesen Vorgängen zu unterrichten, während er Wolken schaufelt. Ab und zu liefert ihm sein Gehirn einen Zwischenstand beziehungsweise Informationen.

Der Ermittler kann nur beim Gehen wirklich nachdenken

Wie ein Peripathetiker muss Adamsberg gehen, damit er denken kann. Oder er kritzelt mit einem Stift auf Papier, irgendwelche rudimentären Zeichnungen, die oft genug einen Sinn ergeben, der jedoch später nachgeliefert wird und sich ihm im Moment des Kritzelns nicht erschließt. Das macht er sogar bei Verhören. Es ersetzt vielleicht das Gehen, besser: das Laufen, meist entlang der Seine. In Der Zorn der Einsiedlerin wird häufig eine Kohlsuppe, Garbure genannt, gegessen, die Adamsberg und Veyrenc aus der Region ihrer Herkunft kennen und lieben. Von ihnen mehr, von Kollegen weniger genossen wird sie in einem Lokal, mit dem Veyrenc ein persönliches Anliegen verbindet.

Der Titel Der Zorn der Einsiedlerin bezieht sich auf den Hauptfall des Romans, einen Fall, der anfangs nicht existiert, weil die Todesfälle nicht verdächtig sind. In Südfrankreich sterben ein paar alte Männer am Biss der Braunen Einsiedlerspinne Loxosceles reclusa. Dieser Fall entwickelt sich ganz langsam, beginnt damit, dass Voisenet im Internet über diese Spinnenart recherchiert, worauf Adamsberg aufmerksam wird, was wiederum dazu führt, dass er einen Weg von den Todesfällen durch Giftspinnen hin zu Morden finden muss. Er spürt wiederholt die Spinne im Kopf und am Nacken, was an seinen Nachbarn Lucio erinnert, der in dieser Geschichte abwesend ist, aber sagen würde, er, Adamsberg, müsse diesen Spinnenbiss bis zu Ende kratzen.

Spinnen-Forscher klärt über die Einsiedlerspinne auf

Adamsberg sucht einen bekannten und arroganten Arachnologen auf, zeitgleich mit einer liebenswerten älteren Dame namens Irène Royer-Ramier, die dem Arachnologen ein totes Exemplar besagter Spinnenart mitgebracht hat. Adamsberg und Royer-Ramier werden über die Einsiedlerspinne aufgeklärt, die sehr scheu ist und deren Gift nicht ausreicht, einen gesunden Menschen zu töten. Am Ende schenkt die Frau dem Kommissar die Spinne, beide bleiben fortan in Kontakt miteinander. Obwohl die Ausführungen des Arachnologen nahelegen, dass Adamsberg im Begriff ist, sich auf eine falsche Fährte zu begeben, recherchiert er weiter und holt sich für die informelle Arbeit ein paar Vertraute ins Boot.

Schließlich lassen sich Verbindungen von den Spinnenopfern zu einem Waisenhaus in Nîmes, in dem sich in den 1940er Jahren grauenhafte Dinge ereigneten, herstellen; zu einer Jungenbande, die vom damaligen Heimleiter Einsiedlerspinnenbande genannt wurde. Über diese Bande liegt in den Archiven ein Dossier vor. Nun müssen nur noch Verbindungsfäden gezogen und stabilisiert werden.

Während all dies geschieht, wird ein weiterer Fall gelöst. Ein Mitglied der Brigade wohnt im 9. Arrondissement und wird Opfer andauernder sexueller Belästigung, die nicht offen, sondern auf perfide Weise versteckt geschieht. Eigentlich ist die Brigade nicht zuständig. Und so wird auch hier von drei Personen heimlich gearbeitet, bis es schließlich gelingt, den Belästiger, einen gesuchten Serientäter, den zuständigen Ermittlern direkt in die Arme zu treiben.

Auch hier wieder: Denken und Gehen, wenngleich bildlich, den Weg zum Fall finden. Da dies einige Zeit beansprucht, durchaus gegen den Widerstand von Teilen seiner Brigade, insbesondere Danglards, der irgendwann im Begriff ist, sich zu einer Ungeheuerlichkeit hinreißen zu lassen: Verrat aus Liebe, aber zum Glück eben nur: im Begriff, muss noch etwas geschehen. Deshalb gibt es drei Mordfälle.

Die Spinnenmorde bereiten mehr als ernsthafte Probleme

So schnell die beiden ersten Fälle gelöst sind, so sehr wachsen die Schwierigkeiten während der Arbeit an den Spinnenmorden. Teile der Brigade sehen Adamsberg wiederholt als gescheiterten Ermittler, er selbst auch. Es wird moniert, dass er Spuren gefolgt ist, die in die Irre führten. Aber was ist Polizeiarbeit in Mordermittlungen anderes, als das Aufstellen von Hypothesen und deren Überprüfung? Das scheinen manche Kollegen, nicht Kolleginnen, in der Brigade zu vergessen, wenn sie denken, es seien sinnvoll nur Spuren zu verfolgen, die mit Sicherheit ins Ziel führen. Da wir aus anderen Büchern wissen, dass sie eigentlich nicht so denken, müssen diese Vorstellungen eine andere Begründung erfahren. Welche, wird hier nicht verraten, das mag man sich beim Lesen selbst erschließen.

Im Netz der Spinnenmordermittlungen zieht sich ein Faden zurück in der Biographie Adamsbergs. Der Kommissar sucht seinen jüngeren Bruder Raphaël auf, der ihm dabei hilft, ein Kindheitstrauma zu überwinden. Die Einsiedlerin ist die Spinne, ist ein Element des Adamsbergschen Kindheitstraumas, die Bezeichnung erfasst Frauen, die sich aus religiösen Gründen oder Verzweiflung und sozialer Ausgrenzung in früheren Zeiten haben einmauern lassen.

Fazit:

Im neunten Adamsberg-Roman sind drei Fälle zu bearbeiten, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweisen. Die größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie allesamt in den Bereich der sexualisierten Gewalt gehören, in den ersten beiden Fällen gegen Frauen, im Spinnenfall gegen Kinder und Frauen.

Vargas erzählt ihre Geschichten wie Märchen, in die sie wissenschaftliche Fakten und Polizeiarbeit einfließen lässt.

Der Zorn der Einsiedlerin

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Letzte Kommentare:
22.04.2019 13:33:52
Lille

Mir machte diese Geschichte heftige Beklemmungen. Ich las ewig lange daran, legte das Buch immer wieder weg, fühlte mich unwohl. Bislang ist Fred Vargas meine Lieblingskrimiautorin. Ich denke, ich habe alle Romane gelesen. Dieser hier führte mich an Grenzen. Zum einen ertrug ich die beschriebene sexuelle Gewalt gegen Frauen so schwer, wie das Thema Eingesperrtsein, die Reklusen. Zum Anderen machte mich der Konflikt um Danglard und Adamsberg ungeduldig. Den Kopf hatte Adamsberg immer in den Wolken ( was ihn für mich Sympathisch machte), aber nun hatte ich den Eindruck die Wolken sind im Kopf. Wird auch er alt?

21.11.2018 08:26:23
elke17

Jean-Baptiste Adamsberg ist anders. Anders, als man sich üblicherweise einen Commissaire der Brigade Criminelle vorstellt. Oft scheint es, als sei er abwesend, mit dem Kopf in den Wolken, aber dieser Eindruck täuscht. Mit seiner unkonventionellen Denkweise, seinen Ahnungen, führt er sein Team regelmäßig auf die richtige Spur und löst den Fall. Und auch dieses Team hat es wahrlich in sich: Danglard, Froissy, Retancourt, Veyrenc de Bilhc, um nur einige zu nennen – jede/r für sich ein Original mit einzigartigen Fähigkeiten, die für ihren Chef durchs Feuer gehen. Manchmal zwar nur widerstrebend, dann aber, wenn sie sich auf seine Denkweise einlassen und die Muster erkennen, mit umso mehr Elan und Sachkompetenz.

So auch in ihrem neuesten Fall, für den Adamsberg seinen isländischen Rückzugsort verlassen und zurück in die französische Metropole muss. Eine Frau wurde ermordet, der Täter muss aus dem unmittelbaren Umfeld kommen. Als Täter kommen nur zwei Menschen in Frage, entweder der Ehemann oder der Geliebte. Aber nicht dieser Fall fesselt das Interesse des verschrobenen Kommissars, sondern eine auffällige Häufung von Todesfällen im Süden Frankreichs, bei denen die Opfer durch Spinnenbisse ums Leben kommen. Wäre da nicht die Tatsache, dass das Gift einer einzelnen Einsiedlerspinne niemals ausreichen würde, um einen Menschen zu töten. Adamsberg verbeißt sich gegen den Widerstand seines Teams in den Fall, gräbt tief und tiefer, auch in seiner eigenen Vergangenheit und löst, wie könnte es anders sein, auch diesen Fall.

Wie bereits in den vorangegangenen elf Bänden der Adamsberg-Reihe beschränkt die die französische Autorin Fred Vargas (von Haus aus Historikerin und Archäozoologin) nicht auf das bloße Whodunit, sondern bietet ihren Lesern jede Menge Details zu Historie, Mythologie und in diesem speziellen Fall auch Zoologie. Dabei verliert sie aber nicht ihren scharfen Blick auf die gesellschaftliche Realität aus den Augen und thematisiert in „Der Zorn der Einsiedlerin“ die Ausgrenzung und Ächtung von Frauen, die sich den gängigen Vorstellungen widersetzen – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Man muss sich darauf einlassen können und wird dafür mit einem ganz besonderen Kriminalroman belohnt, dessen Kernaussage von hinten durch die Brust ins Auge trifft.

Volle Punktzahl und nachdrücklich zur Lektüre empfohlen!

15.11.2018 19:39:20
Evi Weiller

Leergelesen.schade das es zu Ende ist.vermisse das Leben in diesem Buch.nicht unbedingt die Geschichte an sich,.selten stimmt es mich traurig das ich das Buch weglegen muß,weiil es zu Ende ist,aber diesmal war es so.Fred Vargas ist die Beste. im wahren Leben,gegenüber von ihr,würde es mir die Sprache verschlagen.
Ich hoffe der Übersetzer war gut und kannte Frau Vargas

14.11.2018 23:42:37
Herrich23

Ein wunderbares Buch! Es hat alles, was ein Krimi braucht, natürlich eine interessante Geschichte, dabei Böses, Spannung, Schrecken und Grusel, aber es lebt auch von Einfühlungsvermögen, Respekt und Toleranz. Schade, dass es "nur" 500 Seiten hat; es hätte noch ewig weitergehen können. Ich habe schon viel von Fred Vargas gelesen - vielleicht ist es ihr bester Roman.

28.10.2018 15:22:05
Vargas-Fan

Genial!

Bin schon vom ersten Buch an absoluter Vargas-Fan und warte immer voller Ungeduld auf ihr nächstes Buch. Leider wird die Zeitspanne immer größer zwischen dem Erscheinen der einzelnen Bücher! War es früher ein Jahr, sind es jetzt 2 Jahren zwischen diesem und dem barmherzigen Fallbeil geworden. Aber es hat sich gelohnt, das Warten. Es hat mich umgehauen dieses Buch und eine schlaflose Nacht bereitet.