Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Paris: Hermé, 1991, Titel: 'L'Homme aux cercles bleus', Seiten: 235, Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2000, Seiten: 212, Übersetzt: Tobias Scheffel
  • Berlin: Aufbau, 2003, Seiten: 212

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Peter Kümmel
Man liebt den Schreibstil von Vargas, oder man hasst ihn

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jun 2003

Entweder man liebt den Schreibstil von Fred Vargas oder man hasst ihn. Denn ihre Dialoge sind schon sehr gewöhnungsbedürftig. Beispiele gefällig?

 

"Eine brave, dicke Frau, die nicht im Verdacht irgeneiner Verworfenheit steht, die zu ihrer Ermordung hätte führen können."

 

Oder:

 

"Eines Tages hat mir ein Hai beim Tauchen ins Bein gebissen."

"Gut, das dürfte nicht schön sein."

"Was vermissen Sie am stärksten, wenn Sie nicht mehr sehen können?"

"Ihre Fragen bringen mich um. Wir werden doch nicht den ganzen Tag von Löwen und Haien und häßlichen Viechern reden."

"Nein, sicherlich nicht."

"Ich vermisse die Mädchen. Das ist ziemlich banal."

"Sind die Mädchen nach der Geschichte mit der Löwin abgehauen?"

"Sieht so aus. Sie haben mir noch nicht gesagt, warum Sie diese Frau verfolgt haben?"

"Ohne Grund. Ich verfolge eine Menge Leute, wissen Sie. Ich kann nichts dagegen machen."

 

Doch nicht nur ihre Dialoge, auch ihre Ideen lassen sich am besten mit dem Begriff skurril bezeichnen.

Eigentlich ist es ja kein Verbrechen, was sich nachts in verschiedenen Arondissements von Paris abspielt. Blaue Kreidekreise finden sich auf den Bürgersteigen, etwa zwei Meter im Durchmesser. Und immer liegt ein Gegenstand inmitten des Kreises. Mittlerweile haben sich schon über sechzig dieser mysteriösen Kreise gefunden. Und das, was sich in den Kreisen findet, reicht von Kronkorken, Ohrringen, Lammknochen und Batterien über Coladosen, Kugelschreiber, Kerzen und Hundehaufen bis hin zu Büchern, Vanillejoghurt oder einem Fleck Erbrochenem. Das Merkwürdigste an den Kreisen jedoch ist der Text, der sich um jeden der Kreise herum geschrieben findet: "Victor, sieh dich vor, was treibst du jetzt noch vor dem Tor?"

Passend dazu hat die Autorin natürlich auch ihre faszinierenden Charaktere geschaffen:

Kommisar Jean-Baptiste Adamsberg, vor kurzen aus einem Pyrenäendorf nach Paris gekommen, ist ein wenig langsam und hat Erfolg mit ungewöhnliche Methoden. Denn er kann die Bosheit in den gesichtern der Menschen erkennen.

Sein Mitarbeiter Danglard, alleinerziehender Vater von fünf Kindern, darunter zwei Zwillingspärchen, ist nachmittags nicht mehr für diffizile Aufgaben zu gebrauchen, denn ab zwei Uhr spricht er vermehrt dem Wein zu.

Mathilde Forestier, eine bekannte Meereskundlerin, teilt die Woche in drei Phasen ein und verfolgt relativ uninspiriert die verschiedensten Leute.

Charles Reyer, Zyniker, seit einem Unfall blind, streitsüchtig, von Mathilde gefunden, verloren und wiedergefunden.

Clémence Valmont, eine ältere Frau, wohnt und arbeitet bei Mathilde, und verbringt ihr Leben damit, auf Kontaktanzeigen zu antworten.

Alle diese Figuren sind natürlich herrlich überzeichnet, doch sind sie überzeugend dargestellt und fügen sich nahtlos in die Handlung ein. Adamsberg ist überzeugt, dass die Gegenstände in den Kreisen wachsen werden. So findet sich dann bald eine tote Katze, und für den Kommissar ist es nur noch eine Frage der zeit, bis man auch einen toten Menschen finden wird. Und er sollte recht behalten: in einem der Kreise liegt eine Frau mit aufgeschlitzter Kehle. Mathilde behauptet, sie hätte den Mann, der die Kreise zeichnet, bereits mehrfach verfolgt und bietet Adamsberg ihre Hilfe an, ihn zu finden.

Der Roman mit dem für die Handlung unpassenden Titel "Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord" ist mein zweiter Vargas-Krimi und konnte mich nicht so überzeugen wie "Der untröstliche Witwer von Montparnasse". Denn die Geschichte wirkt doch allzu konstruiert. Zwar wird zum Schluß wieder alles schön logisch aufgebaut, doch vermisse ich diesmal die vielen falschen Fährten, die die Autorin so schön aufbauen kann, und auch die plötzlichen Wendungen sind hier nicht so zahlreich vertreten. Im Bereich Spannung reicht es diemal nur für ein "durchschnittlich".

Vielleicht hätte ich das Buch eben nicht in Phase 2 lesen sollen. Denn:

 

"Wenn man genau hinsieht, dann sieht man in Phase 1 mehr ernsthafte Überraschungen. [...] Man interessiert sich für etwas. [...] Phase 2: Man findet nicht das gerinste, man lernt null, Lächerlichkeit des Lebens und Co. In Phase 2 gibt es ziemlich viel irgendwas mit irgendwem, und man trinkt nicht gerade wenig, während Phase 1 erheblich wichtiger ist, ganz klar."

 

Vargas schreibt auf jeden Fall keine 08/15-Krimis und ihre Bücher entbehren nicht eines gewissen Anspruchs. Der Reiz liegt vor allem in den Dialogen und dem doch oft recht unerwarteten Geschehen.

Der unpassendste Satz des ganzen Buches steht auf dem rückseitigen Umschlag. P.S., Zürich wird zitiert: "Wer Donna Leon liebt, wird Fred Vargas vergöttern." Wie man auf eine solch unsinnige Behauptung kommen kann, ist mir unverständlich, denn Leon und Vargas sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

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