Das Blut der Opfer

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2008
  • London: Little, Brown, 2007, Titel: 'Death Message', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 475, Übersetzt: Isabella Bruckmaier
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Lars Schafft
84°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2008

In der Premier League weit oben

Der Engländer Mark Billingham zählt sich selbst zu den Autoren, die in britischer Krimitradition verwurzelt sind, aber amerikanisch schreiben: mit Tempo, mit Witz und ohne Ballast. Da schätzt sich Billingham nicht falsch ein, was sein sehr ordentlicher Roman Das Blut der Opfer unter Beweis stellt.

In diesem bekommt es Inspector Tom Thorne mit einem ganz perfiden Mörder zu tun. Der schickt ihm nämlich das Foto einer Leiche aufs Handy. Kommentarlos, grußlos, schmerzvoll. Und bei einer Leiche soll es nicht bleiben. Thornes Ermittlungen führen den sarkastischen Londoner Polizisten zu brutalen Biker-Gangs, ins Gefängnis zu einem brandgefährlichen Mann, den er vor Jahren eingebuchtet hat, zu korrupten Bullen und in seine eigene Vergangenheit. Schnell stellt sich heraus: Der Mörder will Thorne etwas mitteilen. Nur was?

Das ist die große Frage in Das Blut der Opfer - nicht, wer der Mörder ist. Dies ist nämlich schnell klar, womit die Handy-Leichenschau leider etwas von ihrem Effekt und ihrer Originalität verliert und Billinghams Story weitaus weniger geradlinig verläuft, als anfangs vermutet. Was ihr aber nicht schadet. Auf fast 500 Seiten hat der Autor mehr als genug Überraschungen parat, mit denen er aufzeigt, dass er sich vor den Twists & Turns eines Jeffery Deaver nicht zu verstecken braucht. Vor allem übertreibt Billingham es damit nicht, sondern legt zahlreiche lose Enden, die er schlussendlich glaubhaft wie ausreichend unvorhersehbar zusammenknüpft.

Pints im Pub und ein schwuler Pathologe

Billinghams siebter Thorne lebt aber nicht nur von der recht actionreichen Handlung, die mit einer aufreibenden Verfolgungsjagd durch Londons Nachtclubs ihren Höhepunkt findet. Mindestens ebenso unterhaltsam ist sein Figurenarsenal. Tom Thorne als eine Art lonesome Cowboy der Londoner Polizei ist nicht nur ein sturer Hund und durchaus jemand, dem Teamwork weniger sagt, als sich einsame Nächte online am Computer mit Poker zu vertreiben. Dabei hat er nichtmals Probleme mit Frauen, ist gar mit einer Kollegin liiert, mit DI Louise Porter. Und beide teilen sie sich die Freundschaft mit der vielleicht schrägsten und spritzigsten (wie sagt der Engländer: no pun intended) Figur in Billinghams Kuriosenkabinett: mit Phil Hendricks, dem tätowierten, gepiercten, schwulen Pathologen. Dass der sich mittlerweile mit Louise besser zu verstehen scheint als mit Workaholic Thorne, passt letzterem gar nicht in den Kram. Doch wenn es um ein Pint im Pub geht, kennt er natürlich ausreichend Alternativen.

Klingt alles äußerst ansprechend, finden Sie nicht? Ist es auch. Und trotzdem bleiben die Jubelarien auf Billinghams Blut der Opfer aus. Für einen Thorne-Einsteiger wie Ihren Rezensenten mag dies darin begründet liegen, dass die siebte Folge einer Krimireihe für Neulinge vielleicht zu viele Pointen birgt, die in den vergangenen sechs Fällen liegen. Auch wenn Billingham mehr als ein Mal für einen ordentlichen Lacher sorgt. Vielleicht und wahrscheinlich eher liegt es aber daran, dass Billingham mit seinen Police Procedurals dieser Bauart - Action, britischer Humor, Serienkiller - nicht allein auf weiter englischer Flur steht. Assoziationen zu Ian Rankins John Rebus und seinem Team drängen sich nicht ganz zufällig auf.

Wenn Rebus jetzt in Rente geht, kann Thorne aber in dessen Fußstapfen treten. Gerade, weil der noch ein paar Jahre vor sich hat und Billingham sicherlich die lockerere Schreibe im Vergleich zum Schotten. Denn soviel macht auch ein siebter Fall als Einstieg in die Thorne-Reihe klar: Mit ihr spielt Mark Billingham in der Premier League britischer Kriminalromane weit oben.

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