In der Stunde des Todes

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2006
  • London: Little, Brown, 2005, Titel: 'Lifeless', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2006, Seiten: 448, Übersetzt: Isabella Bruckmaier
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Stefan Heidsiek
89°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2006

Ein weiterer Tag im Paradies…

Ob Mark Billingham auf dem deutschen Buchmarkt noch mal den Durchbruch schaffen würde, war lange Zeit fraglich. Und auch bei mir persönlich überwog nach der Lektüre des uninspirierten und völlig überfrachteten vierten Bands der Tom-Thorne-Reihe, "Blutzeichen", die Skepsis. Dem Autor schienen die Ideen ausgegangen zu sein, die Luft war raus und der erfrischend innovative Schwung der Vorgängerromane dahin. Schlechte Vorzeichen also, könnte man meinen, was den fünften Teil der Reihe "In der Stunde des Todes" angeht, den ich mit entsprechend hoher Erwartungshaltung aus dem Regal gezogen habe.

 Vorweg: Die anfänglichen Sorgen stellten sich schon nach wenigen Seiten als unbegründet heraus. Billingham hat wieder in die Spur gefunden, auch weil er sich endlich auf seine Stärken, nämlich die Schilderung der Polizeiarbeit im Großraum London, konzentriert. Und davon müssen Tom Thorne und seine Kollegen auch diesmal wieder nicht wenig leisten.

 Nach den privaten und beruflichen Tiefschlägen, die Thorne in "Blutzeichen" einstecken musste, befindet er sich mittlerweile am absoluten Tiefpunkt. Der Verlust seines Vaters und die mögliche Mitschuld daran, nagen an ihm. Und auch die Art und Weise wie er wenige Monate zuvor seine Ermittlungen geführt hat, haben bei Kollegen und Freunden Zweifel an seinem mentalen Zustand geweckt. Da kommt ein "Urlaub" gerade richtig, den Thorne von seinem Vorgesetzten Russell Brigstocke in Form von Archivarbeit bei Scotland Yard, aufgebrummt bekommt. Eine Erholungspause, die der raubeinige "Verurteilte" erwartungsgemäß nicht zu schätzen weiß und die rasch ein jähes Ende findet, als eine Reihe von Mordfällen an Obdachlosen Brigstocke und sein Team unter Druck setzt. Thorne bietet seine Hilfe an, will Undercover "auf der Platte" ermitteln, um Näheres über die Hintergründe der Morde in Erfahrung zu bringen. Schweren Herzens kommt das Okay von oben, wohlwissend, dass es der eigensinnige Detective ohne Zustimmung sowieso auf eigene Faust in Angriff nehmen würde. Thorne findet schnell Anschluss bei den Leuten auf der Straße, und zu seiner eigenen Überraschung auch irgendwie Gefallen an der Aufgabe. Während sein mittlerweile beförderter Ex-Kollege Dave Holland den familiären Hintergrund der Opfer durchwühlt, rutscht sein alter Vorgesetzter immer tiefer in den Sumpf am Rande der Gesellschaft ab. In der Hoffnung auf eine vermeintlich gute Chance, den Täter ausfindig zu machen und stellen zu können…

 Nach mafiösen Bandenkriegen, Serienkillerjagd und Menschenhandel im Vorgänger katapultiert Billingham Leser wie Protagonisten gleichermaßen in die harte Wirklichkeit zurück. Das Schattenreich der Obdachlosen ist nicht nur Schauplatz dieses Romans, sondern auch die Grundproblematik aus welcher der Plot seine unheimliche Sogkraft bezieht. Der Autor scheint äußerst intensive Nachforschungen betrieben zu haben, da es sich anders nicht erklären lässt, wie man sonst so eindringlich und aufrührend dieses von der Gesellschaft ignorierte Milieu mit all seinen Facetten beleuchten kann. Und es wirkt zudem wie die logische Folge von Thornes kontinuierlichem Absturz, der ihn schließlich an den einzigen Ort bringt, wo er seine Probleme vergessen kann. Ganz unten. In der Gosse. Jeder Tag ohne Ziel vor Augen und doch frei. "Ein weiterer Tag im Paradies", wie Phil Collins, der auch dieses Mal wieder seinen Seitenhieb von Billingham verpasst bekommt, zu trauriger Musik trällert. Wie rasch sich Thorne mit seiner neuen Lage abfindet, sich seiner Umgebung angleicht, das schmerzt und macht nachdenklich. Es verleiht dem Buch die Tiefe, die man beim vorherigen Band noch vergebens suchte.

 Überhaupt ist Billinghams Entscheidung, den privaten Rahmen psychisch gestörter Serienmörder zu verlassen, zu begrüßen. Die Handlung ist dadurch um einiges weniger berechenbar, wirkt aktueller und gewinnt zwangsläufig auch eine politische Dimension. Das wiederum lässt nun gewisse Parallelen mit Ian Rankins Werken erkennen, dessen Figur John Rebus Tom Thorne langsam immer ähnlicher wird. Billingham täte gut daran, bei der Charakterisierung seiner Figur ein paar Abgrenzungen zum Schotten vorzunehmen, wenngleich es in Punkto Vermarktung sicherlich ein schlauer Schachzug ist. Das der Fall letztlich noch eine andere, höchst aktuelle Dimension erfährt, stellt hier die größte Leistung des Autors da und führt dazu, dass der Leser bis zum geschickt inszenierten Ende ein ums andere Mal in die Irre geführt wird. Auch stilistisch bleiben Billinghams Bücher dank klarer, knochentrockener Sprache eine erfrischende Abwechslung im Mainstream-Allerlei.

 Insgesamt gewinnt die Reihe dank "In der Stunde des Todes" (ein wieder mal äußerst unpassend gewählter Titel) wieder Fahrt. Eine intelligent verstrickte Handlung mit stetig ansteigendem Spannungsbogen, welche Freunde von britischen Polizeiromanen/-thrillern ruhigerer Gangart sehr gut unterhalten dürfte.

In der Stunde des Todes

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