Erntedank

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Memmingen: Dietrich, 2004, Seiten: 379, Originalsprache
  • München: Piper, 2006, Seiten: 375, Originalsprache, Bemerkung: Ungekürzte Taschenbuchausgabe
  • Augsburg: Weltbild, 2007, Seiten: 375, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2009, Seiten: 375, Originalsprache
  • Berlin: DAV, 2008, Seiten: 3, Übersetzt: Volker Klüpfel & Michael Kobr

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Peter Kümmel
Kluftingers zweiter Fall verkommt zur Provinzposse

Rezension von Peter Kümmel Jan 2005

Wasserrohrbruch im Hause Kluftinger. Das ganze Badezimmer steht unter Wasser. Da kommt es dem Kommissar gar nicht mal so ungelegen, als ein Anruf kommt, der ihn von zu Hause wegbeordert. Am Tatort angekommen wird ihm schnell klar, dass dort noch weitaus unangenehmere Dinge auf ihn warten. Die Leiche sieht nicht schön aus: die Kehle aufgeschnitten, ein Auge entfernt und auf der Brust des Ermordeten liegt eine tote Krähe.

Der Fundort ist nicht der Tatort und die Leiche schön drapiert, als wollte der Täter ein Rätsel hinterlassen. Die Identität des Toten findet man relativ schnell aufgrund der Vermisstenmeldungen heraus. Es handelt sich um einen Veranstalter von Kaffeefahrten, der Frau und Kinder hinterlässt. Mit seinem Geschäft hat er zwar manche alte Leute ausgenommen, stand sogar schon vor Gericht, doch hier das Motiv für den Mord zu suchen, scheint Kluftinger eher zweifelhaft.

Die Reparatur des Rohrbruchs erweist sich aufwändiger als gedacht. Da Kluftingers jetzt ohne Wasser sind, hat Ehefrau Erika für ein Ausweichquartier gesorgt. Kluftinger hat schon befürchtet, dass sie bei seinen Eltern übernachten müssten, doch es kommt weitaus schlimmer. Bei Langhammers zu übernachten bereitet dem Kommissar schon im Vorfeld Alpträume. Frau Langhammer ist zwar Erikas beste Freundin, doch Klufinger selbst ist deren Mann, der besserwisserische Arzt, absolut verhasst. Und so kommt es, wie es kommen muß: beim gemeinsamen Trivial Pursuit zeigt Dr. Langhammer seine Überlegenheit und das Frühstück am nächsten Morgen wird zur Katastrophe. Keine Wurst, kein richtiger Kaffee. Nur Müsli und andere gesunde Sachen. Da muß schon eine Notlüge herhalten, damit Kluftinger in sein Büro fliehen kann.

Es kommt nicht von ungefähr, dass in meiner Zusammenfassung des Geschehens das Drumherum dominiert. Der Mord gerät fast zur Nebensache. Im ersten Drittel des Buches wird praktisch nicht ermittelt.

Das junge Allgäuer Autorenduo kann die mit ihrem hervorragenden Debütroman "Milchgeld" selbst gesteckten hohen Erwartungen in keiner Weise erfüllen. Die spontanen Gags und der Charme des Vorgängers fehlen. Die Witze wirken zwar bemüht, ziehen aber nicht. Nach dem gelungenen Einstand, wo alles passte, wirkt hier vieles nur aufgesetzt, so daß "Kluftingers zweiter Fall" zur Provinzposse verkommt. Das, was vorher lustig war, wird hier weiter breit getreten und ist nur noch für die witzig, die Kluftinger erst kennenlernen.

Wirklich störend aber ist, dass man versucht, zwanghaft witzig zu sein, dabei aber die zündenden Ideen fehlen. In "Milchgeld" wirkte alles wie aus einem Guß, da waren die Höhepunkte wie Kluftingers Observierung voll integriert, hier wird ein Schwimmbadbesuch ausgewalzt bis zum Gehtnichtmehr, der überhaupt keine Verbindung zum zentralen Geschehen, das die Autoren zeitweilig aus den Augen verlieren, aufweist.

Der Schreibstil des Autorenduos ist routinierter geworden. Verbessert haben sie sich auch in der Darstellung der Nebenfiguren. So lernt man nun auch Kluftingers Kollegen - insbesondere Hefele - besser kennen, die in "Milchgeld" noch ziemlich farblos blieben. Leider verkommt Kollege Maier dabei immer mehr zum Deppen, der in dieser Art und Weise nichts bei der Kriminalpolizei su suchen hat. Positiv dagegen die Weiterentwicklung des Charakters der Sekretärin Sandra Henske und die Einführung von neuen Charakteren wie den des Staatsanwalts.

Der zweite Fall an sich lässt gegenüber dem ersten reichlich an Realismus vermissen. Selbst bei US-Thrillern ziehen die Serienmörder mit besonders brutalen Morden, die den Ermittlern rätselhafte Hinweise hinterlassen, nicht mehr so recht. Doch mit der Auflösung des Ganzen können sich die Autoren noch einigermaßen gut aus der Affäre ziehen.

Alles in allem ist "Kluftingers zweiter Fall" für mich eine Enttäuschung, dem die spontane Naivität des Erstlings fehlt. Viel zu verkrampft versuchen die Autoren dort noch eine Schippe draufzulegen, wo es nichts zu verbessern gibt.

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