Milchgeld

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Memmingen: Dietrich, 2003, Seiten: 312, Originalsprache
  • München: Piper, 2005, Seiten: 309, Originalsprache, Bemerkung: Ungekürzte Taschenbuchausgabe
  • Augsburg: Weltbild, 2006, Seiten: 309, Originalsprache
  • Berlin: DAV, 2007, Seiten: 3, Übersetzt: Volker Klüpfel & Michael Kobr

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Peter Kümmel
Kluftinger ragt aus der Masse der deutschen Serienermittler heraus

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jan 2005

Die deutsche Krimilandschaft hat wieder einen Serienkommissar mehr. Schon wieder einen? Muß denn für jede deutsche Polizeidirektion eine mehr oder minder bald wieder in Vergessenheit geratende Serienfigur erdacht werden?

Lohnt es sich überhaupt, diesen Kluftinger näher zu betrachten? Die Antwort darauf kann nur ein eindeutiges "Ja" sein. Deshalb zunächst eine kurze Vorstellung des neuen Serienermittlers:

Kluftinger ist 56 Jahre alt und ermittelt in Kempten im Allgäu. Ich erinnere mich gar nicht, ob sein Vorname erwähnt wurde. Denn seine Frau spricht ihn mit "Butzele" an, für seine Mutter ist er immer noch der "Bub" ("Mutter, ich bin doch schon aus dem Gröbsten raus", als sie ihm einen Fünfziger zustecken will) und bei seinen Freunden heißt er ganz einfach "Klufti". Zumindest ist Kluftinger das Urbild des konservativen Allgäuers. Jeden Montag kocht ihm seine Frau seine Kässpatzen, von internationaler Küche hält er überhaupt nichts, überhaupt kann er mit dem ganzen neumodischen Zeug nichts anfangen. Und ganz verhasst ist ihm die Anglifiziereung der deutschen Sprache. In der örtlichen Musikkapelle spielt er die große Trommel. Seine größte Freude ist es, wenn er mal wieder irgendwo ein paar Cent sparen kann. Ansonsten gibts für ihn nur seine Arbeit. Und das geht manches Mal soweit, dass er darüber sogar seine Frau Erika vernachlässigt. Die ist dann ganz schnell eingeschnappt, aber auch ebenso schnell wieder versöhnt, wenn sie von ihrem "Butzele" verwöhnt wird. Von Kluftingers Art her hatte ich beim Lesen immer den Tatort-Kommissar Bienzle vor Augen, vom Äußeren her dürfte er eher dem Tölzer Bullen ähneln.

Vergnügen an liebenswerten Charakteren 

Natürlich ist das alles ziemlich klischeebeladen, doch irgendwie passt eins zum andern und man hat sein Vergnügen an den liebenswerten Charakteren. 

Die richtig schweren Verbrechen sind in der Allgäuer Dienststelle doch eher selten. Um so außergwöhnlicher ist es, als Kluftinger ausgerechnet zu einem Mord in seinem Wohnort Altusried gerufen wird. Philip Wachter wurde erdrosselt in seiner Wohnung aufgefunden. Der Tote war Lebensmittel-Designer im örtlichen Milchwerk. Verdächtige gibts zunächst keine, beim Motiv tappen die Ermittler auch im Dunklen. Frauengeschichten soll der Wachter viele gehabt haben, und so tippt man auf eine Beziehungstat.

Eine erste Spur ergibt sich, als Wachters Putzfrau auf der Beerdigung einen Mann erkennt, der einen Tag vor Wachters Tod bei ihm in der Wohnung war und Streit mit ihm hatte. Doch der Unbekannte kann bei der spektakulären Verfolgungsjagd auf dem Friedhof entkommen. Ein weiterer Anhaltspunkt führt von einem verschwundenen Fotoalbum zu Wachters früherem Freund Lutzenberg. Und dann ist da auch noch der rätselhafte Abgang Wachters bei seinem früheren Arbeitgeber.

Gemächlich geht das Autoren-Duo die Geschichte an, bevor sie nach der Mitte des Buches erheblich an Schwung zulegen. Spaß beim Lesen hat man jedoch bereits von Anfang an. Obwohl ich kein Südlicht bin, habe ich am Flair des Romans Gefallen gefunden.

Note 1 für den Humor 

Note 1 bekommen die Autoren für ihren Humor. Absolute Highlights die Verfolgungsjagd auf der Beerdigung, die Wanderung durch den Matsch sowie als Krönung Kluftingers nächtliche Observierung, die fast slapstickartig anmuteten.

Dezent zurückgehalten haben sich die Autoren mit geschriebenem Dialekt und dabei genau das richtige Maß gefunden. Einen Sprachwissenschaftler dürfte die ein oder andere Satzkonstruktion wohl trotzdem auf die Palme bringen, doch auch hier muß ich sagen, die Sprache passt zum ganzen Flair.

Die Konstruktion des Plots an sich wirkt routiniert, die Auflösung aufgrund der geringen Anzahl an handelnden Personen teils vorhersehbar, doch trotz allem noch mit einem Überraschungseffekt.

Die präzise Beschreibung der Örtlichkeiten erinnert an Berndorfs Eifel-Krimis. Wie dort tut auch hier eine Landkarte gute Dienste, um Kluftingers Wege nachvollziehen zu können.

Wo lässt sich noch verbessern?

Insgesamt hätte die ganze Story etwas straffer sein sein können. Besonders der ersten Hälfte fehlt es an Tempo, wobei ich aber dem Debüt einer Serie einen gemächlichen Auftakt durchaus zubillige, um den Leser mit den Personen vertraut zu machen.

Im Gegensatz zum Protagonisten und seinem familiären Umfeld wirken Kluftingers Mitarbeiter allesamt noch etwas blass. Deren Charaktere könnten stärker herausgearbeitet und ruhig etwas überzeichnet werden.

Wirklich störend fand ich einzig zwei völlig uninspririerte Perspektivwechsel (einmal zur Putzfrau auf dem Friedhof, zum anderen zu Lutzenberg in seiner Hütte), die nicht nur unnötig waren, sondern auch den Lesefluß hemmten.

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