Roman Rausch

Aus einer tiefen Enttäuschung in einen Schreib-Rausch

06.2007 Seine ersten drei Krimis um Kommissar Kilian brachte der Würzburger noch auf eigene Faust bei bod auf den Markt, bis ihm schließlich der große Sprung zu Rowohlt gelang. Lars Schafft sprach mit ihm über den neuen Roman Der Bastard.

Krimi-Couch: Herr Rausch, was war Ihnen im Bastard besonders wichtig, worauf haben Sie den meisten Wert gelegt?

Roman Rausch: Auf der einen Seite die Philosophie »One World«, wir sind alle eins gemeinsam. Aber wenn ein schwarzes Schickals wie im Bastard in die eigene Familie einschlägt, dann schaut's doch nicht mehr so rosig aus.

Krimi-Couch: Ist das die Botschaft in Ihrem Buch?

Roman Rausch: Ich denke schon. Wobei man da Würzburg in Schutz nehmen muss. Würzburg ist eine sehr offene Stadt. Aber hin und wieder trifft man doch noch auf die Ewiggestrigen, und wenn man dort aufgewachsen ist, wie ich es bin, dann tun diese doch sehr seltsamen »Kurzsichtigkeiten« doch etwas weh. Das war meine Stimme zum Thema »Multi-Kulti«, besonders in Würzburg, einer sehr barocken Stadt mit sehr viel Geschichte.

Krimi-Couch: Wie lang haben Sie in Würzburg gelebt?

Roman Rausch: Schon vor meinem Studium zehn Jahre, dann danach nochmal zehn. Die Hälfte meines Lebens also.

Krimi-Couch: Macht man sich dann mit einer Krimi-Reihe, die da spielt, eher Freunde oder eher Feinde?

Roman Rausch: [lacht] Das ist gemischt. Am Anfang waren es fünfzig Prozent begeisterte Leser, ich habe da auf eine Lücke getroffen. Damals, Ende der Neunziger, gab es keinen zeitgenössischen Krimi in Würzburg. Die wurden wie die warmen Semmeln wegverkauft. Auf der anderen Seite gab es aber auch die typischen Erbsenzähler, die aus welchen Gründen auch immer jedes fehlende Komma moniert hatten. Aber das hat sich mittlerweile gelegt. Spätestens seit meinem Wechsel von bod zu Rowohlt, man wird dann ernst genommen. Eine seltsame Geschichte, dass der Wechsel zu einem anerkannten Verlag auch direkt die Reputation des Schreibers erhöht.

Krimi-Couch: War der Wechsel vom Selbstverlag bei bod zu einem der größten deutschen Taschenbuchverlage notwendig oder finanziell motiviert? Oder tatsächlich wegen des Rufes?

Roman Rausch: Nein, an die Reputation hatte ich da weniger gedacht. Es ging eigentlich darum, dass ich von Anfang an versucht hatte, zu einem vernünftigen Verlag zu kommen. Damals war ich völlig unbekannt, bin die gleiche Schiene gelaufen wie viele anderen Autoren auch, habe permanent Manuskripte eingeschickt – drei, vier Jahre lang – ohne Glück. Über einen Bekannten eines Bekannten eines Bekannten hatte ich dann einen Kontakt und Rowohlt hat das Buch gefallen.

Krimi-Couch: Haben Sie noch die gleichen Freiheiten als Autor wie bei bod?

Roman Rausch: Auf der einen Seite mehr, auf der anderen Seite weniger. Bei bod hatte ich natürlich die Möglichkeit zu bestimmen, dass der von mir angedachte Titel auch tatsächlich der Titel des Buches wird. Das gleiche gilt für das Cover. Diese Möglichkeiten habe ich jetzt nur noch bedingt, zwar Mitspracherecht, aber letztendlich läuft es darauf hinaus, dass der Verlag in Absprache mit dem Vertrieb das letzte Wort hat. Auf der anderen Seite die Freiheit, die der große Verlag bringt was bod leider nicht hat: das professionelle Lektorat. Das ist etwas, was ich schon sehr schätze.

Krimi-Couch: »Der Bastard« ist schon der fünfte Teil der Kilian-Reihe. Was hat Sie damals eigentlich zum Krimi geführt?

Roman Rausch: Eine tiefe Enttäuschung. Das war noch in meiner Münchner Zeit und habe mir angeschaut, wie die Aufnahme eines »Tatorts« funktioniert. Ich hatte gerade mit dem Drehbuchschreiben angefangen und habe dann im Zuge der Aufnahmen gemerkt, dass der »Tatort« sehr, sehr oberbayrisch, in dem Fall münchnerisch war und man als Außenstehender fast keinen Zugang dazu bekam. Als ich dann an einem Wochenende wieder in Würzburg war, war dort gerade das Mozart-Fest, eine sehr schöne Veranstaltung im Hofgarten der Residenz. Zur klassischen Musik kam mir dann die Idee: Mensch, hier könnte doch was spielen. Dass daraus dann ein Krimi geworden ist – das mag an meiner Kindheit liegen oder an irgendwelchen unbewältigten Traumata, es irgendjemand mal heimzuzahlen …

Krimi-Couch: Und die Figur Kilian selbst, hatte die auch ein Vorbild?

Roman Rausch: Es schwirren einem immer so Silhouetten durch den Kopf, aber letztendlich hat sich der Kilian doch als eigenständiger Charakter herausgestellt, der sicherlich nicht frei ist von Merkmalen anderer Ermittler, aber ich denke, er ist sehr würzburgerisch geworden. Das heißt: Im Grunde hat er eine zerrissene Seele. Der eine Teil, versucht hier in Würzburg zu sein bzw. nach Franken, in die Heimat, zurückzukommen. Und der andere treibt ihn stetig ins Ausland, auf der Suche nach sich selbst. Das ist wie ein Pendel. Und ich denke, eine sehr main-fränkische Eigenschaft, nie genau zu wissen, wo man jetzt seine Heimat gefunden hat. Ist das die Heimat, wo ich herkomme oder ist da draußen noch etwas?

Krimi-Couch: Trifft das auch auf Sie zu? Ich rufe Sie ja gerade in Berlin an …

Roman Rausch: Natürlich! [lacht] Sonst könnte ich Kilian ja gar nicht beschreiben. Ich denke, jeder Autor hat nicht nur eine Affinität zu seinem Charakter, sondern da ist noch eine gute Portion von ihm mit dabei, sonst würde es ihm gar nicht gelingen, diesen Charakter zum Leben zu erwecken. Bei Kilian sind bestimmt fünfzig Prozent von mir mit dabei – welche fünfzig Prozent, verrate ich aber nicht. Das muss der Leser schon selbst herausfinden.

Krimi-Couch: Sie haben gerade die enge Verbundenheit zur Region betont. Haben Sie ein Problem damit, wenn jemand sagt, Sie schreiben Regionalkrimis?

Roman Rausch: Ich persönlich nicht mehr. Die ersten drei Jahre aber schon. Nicht weil ich den »Vorwurf« Regiokrimi gehört hatte, sondern weil Regiokrimi direkt in eine Schublade führt »nicht ganz ernst zu nehmen«, also nicht so tolle Literatur. Das hat mich früher schon gewurmt, weil ich es einfach nicht verstanden hatte, wie dieses Urteil zustande kommt. Sicherlich gab und wahrscheinlich gibt es auch Autoren, die aus der Region schreiben und wo das Handwerk noch nicht so richtig stimmt.

Aber nachdem ich mich jahrelang mit dem Thema auseinandergesetzt habe, auch noch als Mitglied im Syndikat, der Vereinigung der deutschen Krimiautoren, wo das auch immer ein heißes Thema war – es führt überhaupt kein Weg daran vorbei: Irgendwo muss der Krimi ja spielen. Seltsamerweise ist Ystadt ein noch kleines Kaff und Mankell muss sich nicht den Vorwurf anhören »Hey, Regiokrimi!«. Aber wenn ein Autor aus Würzburg oder einer noch kleineren Stadt kommt, heißt es wieder Regiokrimi. Bei München sagt niemand was, bei Berlin sagt niemand was, selbst bei Venedig sagt niemand was! Ich habe es aufgegeben, da ist wohl kein Konsens zu finden. Letztendlich kann man doch nur über die Geschichte überzeugen, aber dafür muss man die Leute erstmal dazu bringen, das Buch überhaupt zu lesen.

Krimi-Couch: Dann stehen Sie wahrscheinlich auch über der Diskussion, ob Krimi Literatur ist?

Roman Rausch: Mittlerweile schon. Auf die Frage nach Literatur hört man immer die gleichen Autoren. Für mich ist das aber schwierig, vielleicht bin ich zu krimi-geprägt. Wenn der Autor es nicht schafft, mich nach fünfzig Seiten abzuholen, dann hat er einen Fehler gemacht. Egal ob Literatur oder nicht. Beim Krimi ist das noch härter. Wenn ich es da nicht auf der ersten Seite schaffe, habe ich ein Problem. Literatur sollte auch spannend sein. Es macht ja keinen Sinn, sich durch 500 Seiten zu quälen, nur um eine Geschichte zu erfahren. Da muss doch etwas Spannung drin sein und dann sollte der Autor auch bestimmte Krimi-Gesetze anwenden. Nicht Mord und Totschlag, sondern »Wie bekomme ich Spannung in das Ding?«

Krimi-Couch: Sie sagten vorhin, dass Sie Mitglied im Syndikat waren. Sie sind ausgetreten?

Roman Rausch: Ja, das stimmt. Ich bin kein Gruppen- und Herdentier. Ich bin damals Mitglied geworden, weil ich mir erhofft hatte, durch Kontakte zu anderen Autoren etwas für mich und meine Schreibe zu gewinnen, was auch tatsächlich der Fall war. Es kamen dann aber Stimmen auf – auch vom damaligen Vorsitzenden -, die den Regiokrimi dermaßen niedergemacht haben und worauf keine Gegenstimme kam. Da war ich schon sehr verwundert und habe gefragt: »Wo bleibt der Aufruhr?« Schließlich schreiben sechzig oder siebzig Prozent Regio, aber da wurde nichts draus aus meiner Nachfrage. Das fande ich dann äußerst seltsam, was mich zu der Entscheidung geführt hat, dass das Syndikat meine Heimat nicht sein kann.

Krimi-Couch: Braucht es dann überhaupt eine Autorenvereinigung oder eine »Szene«?

Roman Rausch: »Szene« auf jeden Fall. Eine Vereinigung ist für den Anfänger sicherlich sehr wichtig und sehr fruchtbar. Je länger Sie schreiben, desto professioneller werden Sie und dann sind die Vorteile nicht mehr so gravierend.

Krimi-Couch: Ist es für Sie wichtig, dass Ihre Bücher übersetzt werden?

Roman Rausch: Natürlich [schmunzelt]. Ich denke, dass sowohl meine Kilian-Romane als auch die um den Profiler Levy es durchaus verdient hätten, von jemand gelesen zu werden, der nicht die deutsche Sprache spricht, zumal beim Kilian sehr viel über Main-Franken, Kultur und Geschichte drin steckt. Bisher war es mir aber leider noch nicht vergönnt. Ich höre immer wieder den Spruch, dass es deutsche Kriminalliteratur im Ausland sehr schwer hat und offensichtlich ist das der Fall.

Krimi-Couch: Haben Sie ein bestimmtes Leserbild im Kopf, wenn Sie anfangen zu schreiben?

Roman Rausch: Nein. Nein [lacht]. Ich habe das früher mal probiert. Letztens hatte ich eine Signierstunde in Würzburg und da kam alles mögliche an Lesern, 12-Jährige, 13-Jährige, bis zur Oma, die am Stock ging. Da können Sie nicht an einen bestimmten Leser denken, das ist viel zu viel. Das würde auch ablenken. Worauf ich achte, ist eine gewisse Qualität zu erbringen und darüber eine gewisse Leserschaft zu gewinnen. Ich denke, dass meine Bücher noch eine Stufe über Dan Brown liegen, um mal einen rauszugreifen. Wenn Sie eine Zielgruppendefinition hören wollen: der etwas anspruchsvollere Leser.

Krimi-Couch: Zurück zum Bastard. Das neue ist das Afrika-Thema und dass Sie den Roman mit Blanka Stipetic geschrieben haben. Wie kommt man dazu, einen Krimi zu zweit zu schreiben?

Roman Rausch: Als ich Ende der Neunziger meinen ersten Kilian-Roman auf den Markt gebracht hatte, war ich noch der einzige in Würzburg. Würzburg ist eine Stadt mit 120.000 Einwohnern und innerhalb dieser sieben Jahre hat sich sehr viel getan, mittlerweile sind es fünf Romane. Auf der einen Seite hat sich die Leserschaft aber auch nicht gerade verfünffacht, sondern sie bleibt ungefähr gleich. Das war ein Grund, etwas Neues einzubringen. Auf der anderen Seite dachte, ich dass der Kilian eine Blutauffrischung benötigt. Einen Charakter neu einzuführen wie jetzt die Gerichtsmedizinerin – die es zwar vorher schon gab, jetzt aber mehr in den Vordergrund tritt – ist mir ein bisschen schwer gefallen, als Mann über eine Frau zu schreiben und da hat es sich angeboten, mit meiner Freundin Blanka Stipetic an dieses Thema heranzugehen. Zumal sie eine ausgezeichnete Krimi-Kennerin ist und über eine exzellente Schreibe verfügt.

Krimi-Couch: Sie haben sich also die Charaktere aufgeteilt?

Roman Rausch: So ist es. Wir haben uns im Vorfeld Gedanken gemacht, wie wir das am besten machen und sind letztendlich dazu kommen zu sagen »du nimmst diesen Charakter, ich nehme jenen« und in neunundneunzig Prozent war es auch so, dass eine Szene einem Charakter zugeordnet wird. Somit hat jeder seine Szenen und seinen Charakter gehabt und wir sind uns nicht in die Quere gekommen.

Krimi-Couch: Gab es dennoch Knackpunkte, wo Sie sich in die Haare gekriegt haben?

Roman Rausch: [lacht] Wider Erwarten nicht. Im Vorfeld gab es schon die eine oder andere Diskussion, in welche Richtung der Fall gehen sollte, aber als der Startschuss für die Schreibe dann gegeben war, war es sehr harmonisch und es lief wider Erwarten sehr gut. Wenn man sich vorher einigt, wie der Hase läuft, sich täglich trifft, sich austauscht, Szenen abspricht, dann läuft das hervorragend.

Krimi-Couch: Schreibt es sich zu zweit auch doppelt so schnell?

Roman Rausch: Fast [lacht]. Normalerweise schreibe ich an einem 300-Seiten-Roman ein halbes Jahr, in diesem Fall waren es gute drei Monate.

Krimi-Couch: Wie haben Sie das Thema Afrika recherchiert?

Roman Rausch: Das Thema Afrika ist erstmal ein Würzburger Thema, weil dort das sehr berühmte und bekannte Afrika-Festival stattfindet. In diesem einen Fall war die Recherche sehr schwierig, weil sich die Veranstalter geweigert hatten, mit uns zusammenzuarbeiten. Von daher mussten wir auf unsere eigene Erfahrung zurückgreifen, da wir schon ein paar Mal auf dem Afrika-Festival waren, was es ja schon seit zig Jahren gibt. Aber das Afrika-Festival steht nicht so im Vordergrund, es ist mehr die Rahmengeschichte. Was im Zentrum steht, ist der Einbruch des schwarzen Kindes in diese ach so weiße Familie mit deutschen Grundsätzen. Das war das Thema und der springende Punkt: Wie geht jemand damit um? Und da war Afrika nur das Bett, in dem die Geschichte lagert.

Krimi-Couch: Wie geht es nach dem Bastard mit Ihnen weiter? Im Herbst erscheint erstmal wieder ein neuer Levy-Roman?

Roman Rausch: Ja, das wird wieder ein sehr spannender Fall, wie ich hoffe. Sehr psychologisch, mit vielen Wendepunkten und Überraschungen. Levy ist sehr psychologisch angelegt, er ist auch auf der Suche, aber nicht nach draußen wie Kilian sondern nach innen. Er versucht, seine Ziele, seine Wünsche, in sich selbst zu finden. Er sucht nach Motivationen, nach Ursachen und versucht sie in Verhältnisse zu bringen, um den oder die Mörder zu finden.

Krimi-Couch: Letzte Frage: Wo sieht sich der Krimi-Autor Roman Rausch in drei Jahren?

Roman Rausch: Im Ausland veröffentlicht. In meinem schönen, kleinen Haus am Meer, in dem ich einen schönen Roman nach dem anderen schreiben kann. Aber soweit sind wir noch nicht.

Krimi-Couch: Herr Rausch, vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte Lars Schafft im Juni 2007.

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