Eden - Wenn das Sterben beginnt
- Blanvalet
- Erschienen: Februar 2026
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Hochaktueller, aber etwas überfrachteter Thriller.
Der IT-Experte Piero Manzano scheint der erste zu sein, der dank seines neuen KI-Programms erkennt, dass die Menschheit in einem nie dagewesenen Tempo für die Ausbeutung der Natur zahlen muss. Ungewöhnliche Phänomene und dramatische Ereignisse scheinen sich weltweit zu häufen: In der Karibik attackiert ein Riesenkalmar vor den Augen der Meeresbiologin Sarah Keller und des Influencers Linus Strand einen Walhai-Jungen. Der Grund: Die Blüte des Phytoplanktons ist stark eingebrochen und lockte den Kalmar an die Meeresoberfläche. In der Bucht von Triest treiben aufgrund der Meereserwärmung und daraus folgender Prozesse Schwärme toter Fische. Die Böden im Amazonasgebiet verdorren und die Gebiete verkommen zur Steppe. Was zunächst nur lokale Einzelphänomene zu sein scheinen, erweist sich schon bald als weitaus dramatischer: Zahlreiche Klimakipppunkte werden überschritten. Es droht eine weltweite, systematische Megakrise.
Manzano und Keller versuchen mit Hilfe des Social Contents des Influencers die Öffentlichkeit auf die dramatischen Ereignisse aufmerksam zu machen und die Menschheit vor noch weitaus folgenschwereren Ereignissen zu waren. Doch damit machen sie sich gleichzeitig zur Zielscheibe mächtiger Gegenspieler, die vor nichts zurückschrecken, um jene zum Schweigen zu bringen.
Science-Thriller
Den 1967 in Wien geborenen Marc Elsberg (bürgerlicher Name Marcus Rafelsberger) muss man nicht mehr groß vorstellen. Der ehemalige Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ wurde mit seinen internationalen Bestsellern „Blackout“ (2012), „Zero“ (2014) und „Helix“ (2016) zum Meister des Science-Thrillers. Bei seinem Roman „Gier“ (2019) ging es etwas abseits der üblichen Pfade um wirtschaftliche Ungleichheit und kooperative Wirtschaftsstrukturen. Mit „°C – Celsius“ (2023) schrieb der Österreicher zuletzt einen Thriller zum Thema Klimawandel.
Eins haben alle Elsberg-Romane gemeinsam: Ihre wissenschaftlich-gesellschaftlichen Themen (wie Energiesicherheit, digitale Bedrohung, Gentechnologie oder die Gefahren des Klimawandels) sind extrem gut recherchiert und stets am Puls der Zeit. Durch den Verweis auf wissenschaftliche Modelle, politische Mechanismen, technologische Zusammenhänge und wirtschaftliche Strukturen erhalten Elsbergs Romane einen beinahe schon dokumentarischen, sachbuchartigen Charakter. Diese Mischung aus Fiktion und realweltlicher Analyse ist das Markenzeichen des Österreichers. Dennoch gelingt dem Autor der Spagat zwischen kurzweiligen Thriller und Sachbuch nicht immer ohne Abstriche.
Untergang Mensch
Diesmal bietet der über 750 Seiten dicke Roman jede Menge Wissenswertes über das Kippen der Ökosysteme und das Aussterben der Artenvielfalt. Das „System Natur“ kollabiert etwa durch Erwärmung der Weltmeere sowie der Degradation der Böden und führt unter anderem zum Ausbleiben von Ernten, Nahrungsmittelengpässe und dem globalen Notschlachten von Tieren. Die unweigerlichen Folgen: Inflation, Börsencrash und soziale Unruhen. Die Fragilität der modernen Welt wird dem Leser mehr als deutlich vor Augen geführt. Während die Menschheit den Preis für die Ausbeutung der Natur nun anscheinend zahlen muss, finden die Warnungen der Umweltschützer und Mahner bei den Politikern kaum Gehör. Gleichzeitig streben mächtige Großkonzerne und einflussreiche Geschäftsleute nicht nur die narrative Kontrolle über die weltweite Krisensituation an, sondern wollen kaltblütig Profit aus der angespannten, ja lebensbedrohlichen Lage schlagen.
Man bekommt, was man erwartet
Auch „Eden“ ist ein typischer Elsberg-Roman: sehr genaue Recherche, viele Daten und Fakten, dazu etwas politisches Machtgehabe und gesellschaftliche Relevanz. Dies alles will der Autor den Lesern leicht verständlich in eine Thrillerhandlung verpackt vermitteln. Aber genau hier liegt erneut das Problem: Während interessierte und gut informierte Leser von der Thematik sicherlich gepackt werden, wird der extrem faktenreiche Roman andere inhaltlich, aber auch sprachlich aufgrund des verwendeten Fachvokabulars überfordern. Gleich zu Beginn des Romans wird zusätzlich wie üblich bei Elsberg auf ein Personenverzeichnis am Ende verwiesen: 69 Personen an 14 Handlungsorten sind dort zu zählen. Besser, man legt das Leseband gleich dorthin, denn man wird garantiert mehrfach nachschauen müssen. Gleichzeitig bietet der Autor mit seinen oftmals sehr kurzen, ein-bis dreiseitigen Kapiteln zwar viel Erzähltempo, allerdings droht man bei den ständigen Orts- und Personenwechseln gerade zu Beginn die Übersicht zu verlieren. Die Figuren werden nur oberflächlich beschrieben. Als „Funktionsträger“ sind sie folglich auch reine Typen (u.a. die Umweltaktivistin, der KI-Experte, Influencer, Ökonom) und keine Charaktere. Hier geht es klar ums Thema und weniger um die Protagonisten. Außerdem ist der Roman auch an mehreren Stellen zu redundant, da die vorherrschenden Probleme und Konflikte aus verschiedenen Perspektiven wiederholend thematisiert werden, was der Spannung nicht unbedingt zuträglich ist. Ein literarischer Stilist war Elsberg nie, aber die Themen verstehen zu fesseln.
Fazit
Zwar gelingt es Marc Elsberg insgesamt, die komplexen globalen Zusammenhänge für den Leser angemessen darzustellen. Der Preis hierfür ist aber eine sehr faktenlastige Handlung mit einer aufgrund der großen Anzahl recht oberflächlichen Figurendarstellung. Interessierte Leser werden den Roman sicherlich mit Begeisterung lesen, während es für thematisch weniger Bewanderte doch eine recht zähe und verwirrende Angelegenheit werden könnte.

Marc Elsberg, Blanvalet

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