Die Seilschaft

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2010, Seiten: 288, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Alle Politiker sind schlecht

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Aug 2010

Kriminalhauptkommissar Johannes Kilian wurde bei seinem letzten Einsatz schwer verletzt und sollte eigentlich noch im Bett liegen. Doch aus Langeweile unternimmt er immer wieder kleinere Spaziergänge durch ein nahe liegendes Waldgebiet. Hier trifft er eines Tages auf eine abgelegene Waldhütte und – völlig überraschend – seine Kollegen, denn in der Hütte wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Besser gesagt deren Überreste, denn die Leiche lag mehrere Tage in einer Waschlauge, so dass nur das reine Skelett übrig blieb. Ähnlich schlimm wie den Anblick der Leiche findet Kilian den Anblick seiner Lebens- und Arbeitspartnerin Pia, denn diese steht kurz vor der Geburt des gemeinsamen Kindes und sollte sich nach Kilians Meinung deshalb nicht an grausigen Tatorten aufzuhalten.

Doch neben den eigenen gesundheitlichen und privaten Schwierigkeiten kommen auf Kilian noch weit schlimmere Probleme zu. Sein langjähriger Partner und Freund Schorsch Heinlein erleidet einen Nervenzusammenbruch und muss auf unbestimmte Zeit in einer Klinik therapiert werden. So entschließt sich Kilian vorzeitig wieder den Dienst aufzunehmen und in dem seltsamen Todesfall zu ermitteln. Dabei werden ihm gleich zu Beginn von seinem Vorgesetzten Klein die Grenzen seiner Arbeit aufgezeigt, denn offensichtlich gibt es Druck von ganz oben. In wenigen Wochen ist Wahltag und die Partei hat ohnehin schon mit schweren Verlusten zu kämpfen. Die Münchener Staatskanzlei versucht daher über ihren Parteifreund Klein die Ermittlungen zu beeinflussen, denn bei der Ermordeten handelt es sich um Petra Bauer, eine junge und aufstrebende Nachwuchskraft der Partei.

Pikanterweise soll sie zuletzt lebend in dem Hotelzimmer des Generalsekretärs Werner Schwerdt gesehen worden sein, der in seiner Partei gleichermaßen als Hoffnungsträger wie auch als Schürzenjäger gilt, der keinem Rock widerstehen kann. Schwerdt streitet gegenüber Kilian jeden sexuellen Kontakt zu Bauer ab, doch als wenig später im Fernsehen Fotos von ihm und Bauer vor seinem Hotelzimmer gezeigt werden, muss er auf Druck seiner Partei zurücktreten. Widerwillig ermittelt Kilian im politischen Milieu und stößt dort auf ein nahezu undurchschaubares Ränkespiel bei dem Lügen, Erpressung und Manipulation auf der Tagesordnung stehen…

Bereits zum siebten Mal ermittelt KHK Johannes Kilian. Allerdings dieses Mal gezwungener Maßen ohne seinen Partner Schorsch Heinlein, der kurz nach Beginn der Handlung nur noch als Randfigur in der Klink erscheint. Kilian selbst muss sich krankheitsbedingt noch fast täglich übergeben, da sein Innenleben noch nicht wieder intakt ist. Gleichwohl stürzt er sich in die Ermittlungen als gäbe es kein Morgen mehr.

In einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen von der Politik und insbesondere ihren handelnden Figuren mit Grausen abwenden, bedient Roman Rausch in seinem aktuellen Werk die Sichtweise der Gruppe der resignierten Nichtwähler. Alle im Roman vorkommenden Politiker wühlen in schmutziger Wäsche, haben ihre Verfehlungen und versuchen durch Macht, Korruption und Erpressung ihre eigenen Positionen zu festigen. Vereinzelt geht man dabei auch über Leichen wie der Tod von Petra Bauer zeigt. Diese wird bewusst auf ihren Generalsekretär angesetzt, um diesen in eine (Sex-)Falle zu locken. Der Plan geht auf, doch in dem undurchsichtigem Sumpf bleibt es für Kilian lange Zeit unklar, wer hier die eigentlichen Strippenzieher sind. Wer also schon immer mal eine Bestätigung für die Schlechtigkeit der Politiker in unserem Land erhalten wollte, der darf hier gerne zugreifen, wobei Roman Rausch nur von "der Partei" spricht. Angesichts derer Ziele (Heimat und Familie) und des Umstandes, dass die Parteizentrale ihren Sitz in München hat, bedarf es natürlich keiner großen Anstrengung, um "die Partei" in Verbindung mit einer echten Partei in Verbindung zu bringen. Es dürfte jedoch als sicher gelten, dass es bei den anderen Parteien hinter den Kulissen ähnlich brisant zugeht.

 

"Keiner will die Wahrheit sagen. Manchmal frage ich mich, ob das ein Volkssport geworden ist."
"Wie lautete die größte Lüge?"
"Ich freue mich, Sie zu sehen gefolgt von Rufen Sie mich an, wenn Sie Hilfe brauchen."

 

Sieht man von der politischen Komponente des Romans ab, so konzentriert sich der Autor auf eine klar strukturierte Geschichte, die ohne große Schnörkel auskommt. Personen- und Ortsbeschreibungen fehlen oder bleiben weitgehend oberflächlich, stattdessen wird die Handlung zielstrebig vorangetrieben. Der kurzweilige Roman lässt sich gut an einem Tag bewältigen und bietet einen spannenden Plot. Verdächtige gibt es genug und zumindest einen Teil der Auflösung dürfte man nicht so ohne weiteres vorhersehen.

Die Seilschaft

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Letzte Kommentare:
28.01.2012 16:26:37
C.J. Ganter

Nicht so brillant wie 'Tiepolos Fehler', aber für Menschen, die Krimis mit fränkischem Lokalkolorit mögen, eine sehr kurzweilige, stellenweise sogar spannende Lektüre. Ob jemand, der unter Politik(er)Verdrossenheit leidet durch den Roman in seiner Haltung noch bestätigt wird, sei dahingestellt; witzig ist das Porträt "der Partei" als Mixtur aus schwarzem CSU-Filz und SED-Stasi-Seilschaften allemal.

03.11.2010 11:54:45
Der Matze

Hmm ... da ich das Buch aus bekannten Gründen (s. Kommentar zum "Mordkreuz") nicht lesen werde, trotzdem eine Anmerkung (gerade auch wegen stepans Kommentar):Wenn ich zutiefst überzeugt wäre, dass Politiker nur noch korrupt, manipulativ und lügnerisch seien, dann gäbe es nur eine Schlussfolgerung: enttäuscht vom "Scheiss-System" müsste man schauen, ob sich nicht eine der bisherigen Politik-Fehlschäge Bolschewismus, Faschismus (samt halbdemokratischer spanischer und südamerikanischer Militär-Totalitarismen), Aristokratie oder eine andere Oligarchie oder die russische "gelenkte Demokratie" doch noch zu einer angenehmen Machtstruktur hin verbessern ließen! (Anarchie lasse ich mal außen vor, da sie ja die Machtlosigkeit eines Systems behauptet. Religionsdiktaturen ebenso - wir sehen jetzt und sahen in früheren europäischen Glaubenskriegen, was dabei Tolles rauskommt.) --- Hallo? Jemand zu Hause? Die genannten Alternativen können\'s wohl nicht sein! --- Was bleibt? Politik mag ein Geschäft sein, wo Politiker auch immer wieder Halbgares, Fragliches vertreten müssen, um zumindest kleine Fortschritte im Allgemeinwohl zu erringen. --- Aber deswegen allen Politikern Böswilligkeit und reinen Eigennutz zu unterstellen ist so überzeugend wie der Ruf, dass heute oder morgen die Welt untergeht. Mehr noch, ich halte es für dumm, nach 10 Minuten Nachdenken eine solch flache Position zu vertreten. --- Dass es in der Politik genügend schlechte Beispiele (s. Koch, der Baumeister, BMW-Joschka und Gas-Gerd) für\'s Schäfchen-Ins-Trockene-Bringen gibt, darf man von mir aus gerne und ausgiebig geißeln (wenn\'s denn was bewirken würde!) - aber sie sind (noch) kein Beweis dafür, dass unsere Demokratieform grundlegend verkommen und vergebens ist! --- Gegen Demokratie-Verdrossenheit - wir hatten so\'nen Scheiss nach dem ersten Weltkrieg schon mal!

01.10.2010 09:11:56
stepan

»Alle Politiker sind schlecht«
Stimmt. Kennen Sie einen Guten?
Es gehört wahrscheinlich zum Job bzw. zum "Profil" eines Politikers korrupt, manipullerend und schlchtweg unehrlich zu sein. Ein Politiker ist ja auch kein Volksvertreter mehr, der für die Rechte seiner Wähler streitet, sondern schauen muss, wie er mit seinen Kollegen und seiner Partei zurecht kommt, damit "mehrheitsfähige" Entscheidungen zustande kommen.
In diesem Sinne hat mir die Seilschaft gut gefallen. Gerade die Netzwerk-Idee fand ich gut. Rausch reitet zwar auf einem Klischee herum, aber deswegen ist es noch lange nicht falsch, sondern es ist ein Reminder. Man muss es sich nur immer wieder vor Augen führen, was täglich geschieht und Politikern grundsätzlich kritisch gegenüber stehen.

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