Kerstin Danielsson und Roman Voosen

08.2019 Thomas Gisbertz im Gespräch mit Kerstin Danielsson und Roman Voosen - Autoren von "Schneewittchensarg".

"Ein Stück weit ist dieser historische Kern der Bücher unser Markenzeichen geworden."

Krimi-Couch:
Mit „Später Frost“ wurde gerade der erste Band der Reihe um die Ermittlerinnen Ingrid Nyström und Stina Forss ins Schwedische übersetzt. Wie groß ist die Freude darüber?

Kerstin Signe Danielsson:
Wir freuen uns sehr. Die Übersetzung hat mir viel Spaß gemacht und es ist schön zu sehen, dass das Buch auch auf Schwedisch „funktioniert“ und von Lesern und Presse gut angenommen wird.

Roman Voosen:
Nun können endlich auch unsere schwedischen Freunde und Bekannte das Buch lesen. Die Arbeit an „Später Frost“ hat 2009 in Växjö begonnen, nach zehn Jahren ist der Roman sozusagen „zuhause“ angekommen.

Krimi-Couch:
Wie auch in Ihrem aktuellen Roman „Schneewittchensarg“, bei dem der Ausgangspunkt des Falles eine Hochzeit im Jahr 1972 darstellt, verknüpfen Sie gerne Geschehnisse aus der Vergangenheit mit aktuellen Ereignissen. Warum haben Sie sich für diesen Handlungsaufbau entschieden?

Kerstin Danielsson:
Bestimmt hat es damit zu tun, dass ich mich als Historikerin sehr für Geschichte interessiere. Wer wir sind, wir wir denken, handeln und fühlen lässt sich meiner Meinung nach nur mit dem Blick in den Rückspiegel erklären. Geschichte zum Protagonisten eines Krimis zu machen, finde ich spannend.

Roman Voosen:
Ein Stück weit ist dieser historische Kern der Bücher unser Markenzeichen geworden. In „Schneewittchensarg“ geht es unter anderem um den Strukturwandel der småländischen Glasindustrie in den 70er Jahren, aber auch allgemein um das Gefühl von Aufbruch, Protest und gesellschaftlicher Veränderung, das nach 1968 von den Großstädten allmählich auch in die Provinz geschwappt ist. Uns hat interessiert: Was macht ein gesellschaftlicher Umbruch mit den Menschen? Wie wirkt er sich auf die Biografien einzelner aus? Was für Konflikte, Reibungsflächen, Widersprüche entstehen?

Krimi-Couch:
Sie verstehen es wundervoll, den Spannungsbogen in den Romanen geschickt zu steigern und gleichzeitig Ihre Leser mit auf eine Reise durch ihre (neue) Heimat Schweden zu nehmen. Liest man die gesamte Reihe um das Ermittlerteam in Växjö, erfährt man sehr viel Wissenswertes über die Geschichte dieses Landes. Bis ins kleinste Detail sind Ereignisse, auch wenn sie noch so nebensächlich erscheinen, sehr genau recherchiert. Spielt dabei Ihre gemeinsame Vergangenheit als Lehrer eine Rolle?

Kerstin Danielsson:
Mit Sicherheit nicht in dem Sinne, als dass wir unsere Leser belehren wollten. (lacht) Ich weiß nicht, ob ich beim Schreiben den Lehrer ganz aus dem Kopf bekomme, wahrscheinlich nicht. Aber als Schwedin, die auf Deutsch über Schweden schreibt, geht es mir vielleicht weniger um Wissens-, als vielmehr um Kulturvermittlung.

Roman Voosen:
Auch wenn es eine schriftstellerische Binsenweisheit ist: Details sind wichtig. Sie geben jeder Geschichte Tiefe und Authentizität. Insofern gehört eine sorgfältige Recherche zum Handwerkszeug eines Autoren.

Krimi-Couch:
Die Romane werden unter anderem von den beiden ungleichen Kommissarinnen Ingrid Nyström und der Deutsch-Schwedin Stina Forss getragen. Wie darf man sich hier den Schreibprozess vorstellen. Arbeiten Sie gemeinsam an den Figuren oder teilen Sie sich diese Arbeit auf?

Roman Voosen:
Bevor wir überhaupt mit dem Schreiben beginnen, wird viel diskutiert, gesammelt, recherchiert. Wenn sich dann langsam der Umriss einer Geschichte ergeben hat und wir uns gemeinsam auf einen Plot geeinigt haben, verteilen wir die einzelnen Szenen. Dafür haben wir allerdings kein festes Muster. Manchmal geschieht es entlang der verschiedenen Figuren, manchmal anhand anderer Kriterien.

Kerstin Danielsson:
Dass wir wirklich nebeneinander am Schreibtisch sitzen und gemeinsam am selben Textfragment schreiben, kommt sehr selten vor. Das Konfliktpotential wäre dann wohl zu groß.

Krimi-Couch:
Wie sind sie auf die Idee gekommen, gemeinsam eine Kriminalerzählung zu schreiben? Und warum haben Sie sich für Växjö als Handlungsort entschieden?

Roman Voosen:
2009 haben wir für ein Jahr in Växjö gelebt. Während Kerstin ihr Studium beendet hat, habe ich meinen Jugendtraum zu verwirklichen versucht und begonnen, ein Buch zu schreiben. Als begeisterter Krimileser lag das Genre nah und die südschwedische Stadt und ihre Umgebung fand ich sehr inspirierend. Sehr schnell habe ich beim Schreiben jedoch gemerkt, dass meinem „deutschen Blick“ ganz vieles entgeht, das vonnöten ist, um mit einer authentischen Stimme über Schweden zu schreiben. An der Stelle habe ich Kerstin gefragt, ob wir es nicht gemeinsam versuchen sollen.

Krimi-Couch:
Sie beide leben zusammen. Lässt sich die Arbeit und die vielleicht dabei entstehenden Diskussionen über die Gestaltung der Romane gut vom Privaten trennen?

Kerstin Danielsson:
Das funktioniert gut. Ich glaube, wir sind von Buch zu Buch weniger emotional mit unseren jeweiligen Ideen geworden. Natürlich diskutieren wir weiterhin bisweilen recht lebhaft, aber wir haben gegenseitig eine hohe Meinung von der Kritik des anderen, anders würde das gemeinsame Schreiben auch nicht funktionieren.

Krimi-Couch:
Ihre Romane zeichnen sich durch eine geschickte Verknüpfung des aktuellen Falls mit privaten Geschichten um Nyström und Forss aus. Besonders die Vergangenheit von Stinas Vater Kjell, in die auch der Ex-Kollege Ken Vargen eingebunden ist, steht hierbei im Vordergrund. Wissen Sie schon, wann das Geheimnis gelüftet wird oder planen Sie nur von Fall zu Fall?

Roman Voosen:
Das Geheimnis um Stinas Vater lüftet sich im nächsten Band.

Krimi-Couch:
Stina Forss ist eine Rebellin: unangepasst, widerspenstig, unkonventionell. Für mich neben Fiona Griffiths in den Romanen von Harry Bingham eine der interessantesten weiblichen Figuren der gegenwärtigen Kriminalliteratur. Wer von Ihnen hatte die Idee hierzu?

Roman Voosen:
Die Figur haben wir Kerstin zu verdanken. Ihre Bedingung an einer gemeinsamen Krimi-Reihe mitzuschreiben, lautete: zwei weibliche Hauptfiguren. Die bodenständige, umsichtige Ingrid Nyström gab es schon, insofern war Stina Forss eine Art Gegenentwurf.

Krimi-Couch:
Die Reihe erscheint mir auch aufgrund ihrer Vielschichtigkeit, gesellschaftlich-politischen Brisanz und sozialkritischer Aspekte die perfekte Krimi-Serie fürs Fernsehen. Gibt es bereits Anfragen, die Romane zu verfilmen?

Kerstin Danielsson:
Die Arbeiten an einer Verfilmung der Reihe sind schon recht weit fortgeschritten, allerdings hakt es momentan noch an einigen offenen Fragen.

Krimi-Couch:
Wie ich gelesen habe, bieten Sie beide auch Krimi-Führungen in Växjö an. Wie darf man sich diese vorstellen?

Roman Voosen:
Die Krimi-Führungen bietet ein Reiseveranstalter an und wir wirken daran mit. Es ist eine Mischung aus einer klassischen Stadtführung und Orten, die in unseren Büchern eine Rolle spielen.

Krimi-Couch:
Wenn man über Sie sagt, dass Ihre Krimis an die großen schwedischen Autoren Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Henning Mankell und Stieg Larsson erinnern, verärgert Sie das oder sehen Sie es als Lob?

Kerstin Danielsson:
Ein größeres Lob können wir uns gar nicht vorstellen.

Das Interview führte Thomas Gisbertz im Juli 2019.
Foto: © Kerstin Danielsson und Roman Voosen